Altkanzler
Vom alten Kohl ist kaum noch etwas da
Bei seinem Auftritt zum 30. Geburtstag der "Ära Kohl" wirkt der Altkanzler zerbrechlich. Doch alle scheinen an diesem Abend versöhnlich gestimmt. Sogar Wolfgang Schäuble ist gekommen.
Endlich, nach zwei Stunden Begrüßung, Ansprachen, Reden und einem Einspielfilmchen, tritt er auf. Er soll heute reden, vor 700 Gästen, es geht um Europa und die deutsche Einigung, sein Herzensthema. Eine Frau schiebt den Rollstuhl auf die Bühne, und Helmut Kohl beginnt zu sprechen. Schleppend, schwer verständlich, nuschelnd müht er sich, die Gäste zu begrüßen, verschluckt Wörter, lässt Sätze unbeendet.
Kohl spricht von Europa und seiner Einigung und wie wichtig die für uns alle sei. Kein Laut ist zu hören, niemand hustet, keiner niest. Soll man nun unangenehm berührt sein, weil dort ein erkennbar kranker Mann zur Schau gestellt werden könnte? Oder ist der Augenblick bewegend, weil der Altkanzler uns an unsere eigene Vergänglichkeit gemahnt und den Wunsch hat, aufzutreten?
Die Konrad-Adenauer Stiftung will jedenfalls feiern, und zwar den 30. Geburtstag des Beginns der "Ära Kohl". Unter dem Motto "Kanzler der Einheit – Ehrenbürger Europas" hat sie 700 Gäste und CDU-Granden ins Historische Museum Berlin eingeladen, um ihren langjährigen Vorsitzenden und Kanzler zu ehren.
Raumgreifende Ausstrahlung verschwunden
Viele ergraute Herren sitzen im Publikum, Weggefährten, von Kreisvorsitzenden zu Ministern. Und da sitzt er nun, der oft so heftig angefeindete und selbst wohl auch machtherrliche "lieber Herr Bundeskanzler", wie ihn Angela Merkel anredet.
Vom alten Kohl ist kaum noch etwas da. Die früheren Bilder, die mit ihm verbunden werden – Porträts auf Wahlplakaten, auf Reisen, bei Reden und Auftritten – haben nichts mehr von der raumgreifenden Ausstrahlung, die den korpulenten Riesen einst umgab, wenn er einen Raum betrat oder auf eine Bühne kletterte.
Kohl ist im Museum angekommen, wortwörtlich. Im Schlüterhof des Historischen Museums hat der Greis Kohl einen Auftritt ganz eigener Art. Das schüttere weiße Haar steht ein wenig ab, die Wangen sind eingefallen. Kohl wirkt wie eine mahnende, zerbrechliche Stimme aus einer Vergangenheit, die plötzlich sehr weit entfernt scheint. Europa ist ihm wichtig, die Europäische Einigung, die friedliche Wiedervereinigung. Das muss erhalten werden, will er sagen. Es ist sein Vermächtnis, seine Botschaft an die politischen Nachfahren. Da kann jeder klatschen.
Viel Versöhnung vorgesehen
Es wirkt ein wenig so, als sei an diesem Abend viel Versöhnung vorgesehen. Wolfgang Schäuble ist da, der noch vor wenigen Tagen gesagt hat, die Beziehung zwischen ihm und Kohl sei "beendet"; es klang, als rede er von einem Zeit-Arbeitsverhältnis. Als der Europa-Abgeordnete und Hans-Gerd Pöttering den Finanzminister begrüßt, erhält der den längsten Beifall. Schäuble hat es von den Anwesenden wohl auch am längsten mit Kohl ausgehalten.
Dann wird gelobt, dass der Stuck von der Decke bröselt. In einem Film bejubeln Staatschefs aus dem Ausland förmlich das politische Geschick Kohls. George Bush Senior preist ihn, Jean-Claude Juncker ebenso und Shimon Peres und Felipe Gonzalez. Einheit, Europa gut, Kohl gut. Obwohl die ausländischen Freunde lieber von "my friend Helmut" sprechen, was Angela Merkel wohl nicht einfiele.
Da schwingt eben doch Distanz mit. Da gibt es eben die Spendenaffäre, bei der Kohl die Namen von zwei anonymen Wohltätern, die der CDU Riesensummen spendeten, nicht preisgeben wollte und sich um den Ehrenvorsitz und Schäuble um den Vorsitz der Partei brachte. Ob es nur einen CDU-Politiker im Saal gibt, der nicht auch eine persönliche, abschreckende Geschichte von Kohl zu erzählen weiß? Der Beifall für Schäuble war wohl auch als Wundsalbe für die Seele gedacht.
Ehefrau Maike strahlt
Aber heute wird nicht am lebenden Denkmal gekratzt. Heute sollen Worte wie "geistig-moralische Wende" geehrt und die unbestrittenen Erfolge gefeiert werden. Hat die Geschichte nicht Recht gehabt? Und waren sie nicht alle dabei, in der richtigen Partei? Eben. Kohl hat seine Leute vielfach gedemütigt, aber sie auch auf der Sieger-Seite stehen lassen. Kein Grund zu Klage also.
Um 20.30 Uhr wird das Büffet eröffnet. Im Foyer des Museums gibt es Brot, Bier und Wein, die Kohls sitzen mit Merkel und ein paar Getreuen in einer Ecke, zur Straße hin, von einem Dutzend Sicherheitsbeamten abgeschirmt.
Die Frau des Alt-Kanzlers, Maike Richter-Kohl, begrüßt die Gäste, strahlt, umsorgt ihren Mann. Ganz klein und zierlich wirkt sie neben dem Jahrzehnte älteren Kohl. Von draußen filmen und fotografieren Passanten die Runde des Altkanzlers. Sie wollen einmal noch ein Foto machen von Helmut Kohl. Sein endgültiges Bild steht wohl noch nicht fest.
















