27.09.12

Psychologie

Nahaufnahmen von Gesichtern wecken Misstrauen

Wer das Vertrauen von Wählern oder Kunden gewinnen möchte, sollte sich nicht aus großer Nähe fotografieren lassen. Perspektivische Verzerrung lässt das Gegenüber weniger vertrauenswürdig erscheinen.

Foto: Bildagentur-online

Ob wir jemanden sympathisch finden, entscheidet sich binnen Sekundenbruchteilen. Allerdings neigen wir beim Betrachten von Nahaufnahmen menschlicher Gesichter dazu, das Gegenüber weniger vertrauenserweckend einzuschätzen
Ob wir jemanden sympathisch finden, entscheidet sich binnen Sekundenbruchteilen. Allerdings neigen wir beim Betrachten von Nahaufnahmen menschlicher Gesichter dazu, das Gegenüber weniger vertrauenserweckend einzuschätzen

US-amerikanischer Psychologen haben in einer Studie die Reaktion von Betrachtern auf Porträtfotos testeten. Das Ergebnis: War die Kamera sehr nah am Gesicht des Fotografierten, bewerteten die Probanden diesen als weniger vertrauenswürdig, weniger attraktiv und weniger kompetent.

Die Ursache für diesen Effekt ist eine leichte perspektivische Verzerrung des Gesichts, die allerdings nur unbewusst wahrgenommen wird, stellten die Forscher fest.

Diese Verzerrung vermittelt dem Betrachter das unangenehme Gefühl, das Gegenüber dringe in seine persönliche Intimsphäre ein, schreiben Ronnie Bryan und seine Kollegen vom California Institute of Technology in Pasadena im Fachmagazin "PLoS One".

Gesichter verraten schon auf den ersten Blick viel über eine Person. So bewertet man beispielsweise bereits innerhalb einer Zehntelsekunde, ob das Gegenüber vertrauenerweckend wirkt oder nicht. Auch die Attraktivität, die Kompetenz und eine mögliche Bedrohung durch die Person werden in Sekundenbruchteilen abgeschätzt.

Als entscheidend für diese Bewertung galten bisher vor allem der Gesichtsausdruck und bestimmte Merkmale des Gesichts, wie etwa das Verhältnis von Breite und Höhe und der Grad an Kindlichkeit, der unter anderem durch runde Wangen und die Größe der Augen bestimmt wird.

Dasselbe Gesicht – verschiedene Kameraperspektiven

Doch das scheint noch nicht die ganze Geschichte zu sein, wie die neuen Ergebnisse von Bryan und seinen Kollegen zeigen. Die Wissenschaftler hatten dazu mehr als 900 Probanden – einigen im Labor, anderen übers Internet – jeweils zwei Aufnahmen von insgesamt 40 Gesichtern gezeigt.

Die beiden Fotos unterschieden sich ausschließlich durch den Abstand zwischen der Kamera und dem Gesicht: In einem Fall betrug er 45 Zentimeter, im anderen 135. Alles andere, wie etwa die Größe des Gesichts und die Helligkeit, bearbeiteten die Forscher so, dass sie exakt gleich wirkten.

Die Testteilnehmer sollten nun angeben, wie attraktiv, kompetent und vertrauenswürdig sie die Abgebildeten fanden. Einige wurden zudem gebeten, dem jeweils Dargestellten eine Geldsumme anzuvertrauen, über deren Höhe sie frei entscheiden konnten.

Die Teilnehmer bewerteten die Gesichter in der Nahaufnahme durchgehend als weniger attraktiv, kompetent und vertrauenswürdig, zeigte die Auswertung. Entscheidend dafür war eine subtile Verzerrung der Abbildung: Je näher die Kamera am Gesicht war, desto größer erschien beispielsweise die Nase, während die Ohren im Verhältnis kleiner wurden.

Dass diese Verzerrung die Schlüsselrolle bei dem beobachteten Effekt spielte, konnten die Forscher nachweisen, indem sie einige Fotos gezielt manipulierten: Sie veränderten bei den aus größerer Entfernung aufgenommenen Bildern Nasen- und Ohrengröße sowie einige Lichteffekte so, dass sie den Nahaufnahmen glichen.

Diese bearbeiteten Fotos wurden von den Betrachtern ebenfalls negativer bewertet – genauso wie die tatsächlich aus geringer Entfernung geschossenen Aufnahmen.

Distanzlosigkeit wirkt bedrohlich

Erklären lasse sich diese starke Wirkung des Abstandes mit Hilfe des Konzeptes der sozialen Distanz, erläutern die Forscher. Jeder Mensch besitzt eine Art persönlichen Raum, auch Intimdistanz genannt, der etwa 45 bis 60 Zentimeter beträgt und in den er nur ganz bestimmte Menschen zu ganz bestimmten Zeitpunkten einlässt.

Unterschreitet jemand ohne Erlaubnis diesen Abstand, löst das bei dem Bedrängten unangenehme Gefühle aus: Die Erregung steigt, ein Selbstschutzprogramm läuft an und das Aggressionspotenzial nimmt zu. Auch Angst und Stress können die Folge sein.

Das wiederum beeinflusst die Einschätzung der Eindringlings – er wird als unsympathisch, möglicherweise weniger attraktiv und eben als weniger vertrauenswürdig eingeschätzt.

Offenbar imitiere ein Foto, das aus großer Nähe aufgenommen werde, diesen Prozess, interpretieren die Forscher. Denn der Betrachter habe auch hier das Gefühl, der andere dringe in seine Intimdistanz ein.

Der Effekt sollte auf jeden Fall weiter untersucht werden, fordern die Forscher – schließlich könne er Konsequenzen für die Darstellung etwa von Politikern haben und auch in der Werbung eine wichtige Rolle spielen.

Quelle: dapd
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