27.09.2012, 13:16

Lehrer und Schülerin "Ich und Du – lass uns doch einfach fortlaufen"

Foto: - / AFP

Von Thomas Kielinger

Er hatte den Ruf, mathematische Zusammenhänge besonders griffig erklären zu können. Seit einer Woche nun sind die Schülerin Megan Stammers (15) und ihr Lehrer (30) aus Großbritannien auf der Flucht.

Auch eine Woche nach ihrer Flucht aus Großbritannien haben Lehrer Jeremy Forrest, 30, und die Schülerin Megan Stammers, 15, alle Versuche der britischen Polizei und Interpols vereitelt, sie zu finden.

Wie berichtet, hatten die beiden am Donnerstagabend mit ihrem schwarzen Ford Fiesta eine Fähre von Dover nach Calais genommen, um von dort mit unbekanntem Ziel weiterzufahren. Das Paar wird jetzt mit einem EU-weiten Haftbefehl gesucht.

Nach Ansicht der britischen Ermittler handelt es sich um einen Fall von Kindesentführung. In Frankreich dagegen scheint man nicht sehr intensiv zu fahnden. Das Recht auf Selbstbestimmung in sexuellen Belangen beginnt dort mit 15.

Eltern flehen ihren Sohn an, zurückzukommen

"Wir würden die beiden nicht einmal festnehmen, wenn wir sie fänden", kommentierte der zuständige Staatsanwalt Jean-Philippe Joubert. "Sie haben nichts Verbrecherisches begangen, und es liegt uns auch kein Ersuchen wegen Kidnappings vor."

Eine Beziehung der beiden wäre in Großbritannien strafbar, in Frankreich wegen des Mindestalters von 15 statt 16 Jahren aber nicht.

Freunde und Bekannte haben über verschiedene Internetdienste eine eigene "Fahndung" nach dem Paar eröffnet. Nachdem sich bereits die Eltern der Schülerin in einem emotionalen Appell im Fernsehen an den 30 Jahre alten Lehrer gewendet hatten, riefen ihn jetzt auch seine eigenen Eltern dazu auf, zurückzukehren.

"Bitte, bitte, nimm Kontakt zu uns auf", sagte der Vater des Lehrers bei einer Pressekonferenz.

Seit Monaten in amouröser Beziehung

Jeremy Forrest und Megan Stammers standen seit Monaten in amouröser Beziehung, die, wäre sie von der Schulaufsicht rechtzeitig ernst genommen worden, sofort zur Suspendierung des Lehrers von seinen Pflichten hätte führen müssen.

In der Tat schien solches auch unmittelbar bevorzustehen, nachdem die Polizei und die Schulleitung den Mathematik-Lehrer noch am Donnerstag zu einer Anhörung gebeten hatten. Der befürchteten Suspendierung hat der Mann sich nun durch Flucht entzogen, begleitet von der mit ihm liierten Schülerin.

Erst allmählich wird aus vielen Quellen deutlich, welcher sträflichen Unaufmerksamkeit sich die Bishop Bell anglikanische Schule im südenglischen Eastbourne in diesem Fall schuldig gemacht hat.

Schon im Februar hatte eine Klassenkameradin von Megan einer Lehrerin eröffnet, wie Forrest und das Mädchen den Rückflug von einer Klassentour nach Los Angeles Händchen haltend zubrachten.

Auch erlebte man beide öfter in enger Umarmung. Ihr Liaison war angeblich "allgemein bekannt". Mehreren Freundinnen gegenüber hatte Megan sogar selber ihr Faible für den Lehrer gebeichtet.

Lehrer sprach von "moralischem Problem"

Doch nichts geschah. Jeremy Forrest, der in seiner Freizeit auch Gitarre in einer Band spielte, galt als allseits beliebte Lehrkraft, besonders talentiert, mathematische Zusammenhänge griffig erklären zu können. Er ist seit einem Jahr verheiratet und hatte einem Bekannten verraten, ein "moralisches Problem" mit sich herumzutragen.

Er und die Minderjährige, der man auf neueren Fotos ansieht, wie entwickelt sie bereits ist, hatten schließlich immer weniger versucht, ihre Zuneigung zueinander zu vertuschen. Noch im Juli twitterte Megan: "Ich möchte einfach auf immer weglaufen", worauf der Lehrer in gleicher Sprache antwortete: "Ich und Du – lass uns doch einfach fortlaufen."

Auf dem Online-Poesiealbum des Mädchens fand man jetzt eine Liste von fünfzig Dingen, die sie sich für ihr Leben vorgenommen hatte. Darunter: "mich verlieben". Diese Eintragung war von ihr durchgestrichen worden, abgehakt – wie ein Ziel, das sie glücklich erreicht zu haben glaubte.

Die Twitter-Spur, inzwischen enthüllt, verrät Erstaunliches. Im März, damals noch als 14-Jährige, gesteht das Mädchen dem Lehrer, "vielleicht bin ich einfach nur verknallt", um zwei Tage später hinzuzufügen: "Alter wird überbewertet."

Jeremy Forrest seinerseits spricht mehrmals über sein Dilemma. "Ich gebe meinen Verstand auf, um bei der zu sein, die ich liebe", twittert er. Er fühle sich "hilflos" und spricht von einem "schwierigen Szenario."

"Wie soll irgendetwas von diesem allen in meinem Interesse sein?", ringt er sich durch, zu bekennen, um dann doch, im Juni, festzuhalten: "Einige Dinge sind es wert, für sie zu kämpfen." Megan antwortet ihm, unter anderem: "Zu viele Dinge halten mich nachts wach!!! Kannst Du auch nicht schlafen?!"

Mutter macht der Schule Vorhaltungen

Die Mutter des Mädchens und ihr Stiefvater, Martin Stammers, machen der Schule Vorhaltungen, dass man sie völlig im Dunkeln gelassen habe über die Beziehung ihrer Tochter zu dem verheirateten Lehrer.

Erst als nach dem Verschwinden der beiden erste Presseberichte am vergangenen Freitag die Vorgeschichte aufblätterten, erfuhren sie davon. Es gehört aber zur ersten Pflicht jeder Schulaufsicht, Eltern sofort zu benachrichtigen, wenn sich Entwicklungen wie die zwischen dem Lehrer und dem Mädchen auch nur abzuzeichnen beginnen.

Die Bishop Bell Schule hatte spätestens eine Woche vor der Flucht konkrete Informationen über den Hintergrund dieser Geschichte, was dann auch zur Anhörung des Lehrers am Tag vor der Flucht führte. Aber die Eltern ließ man völlig im Unklaren.

Den Vorwurf der Vernachlässigung erhob jetzt auch eine Frau, die eine Organisation zum Schutz gefährdeter Schulkinder leitet. Lucy Duckworth schrieb im Sommer sogar an Erziehungsminister Michael Gove über Vorgänge an der besagten Schule. Vergebens.

Direktor verteidigt sich

Stattdessen verteidigte jetzt der Direktor die "weiße Weste" seiner Lehranstalt: Man verfolge strikt alle Auflage der Schulaufsicht. Dem widerspricht Ms Duckworth aufs Heftigste.

So habe sie zum Beispiel mehrfach den Direktor gebeten, man möge ihr doch die entsprechenden Unterlagen zur Praxis der Schulaufsicht schicken, da diese Online nicht auffindbar sei. Die Leitung aber habe dies Ansinnen immer nur "feindselig" abgewiesen.

Schon früher ist ein Fall von sexuellen Vergehen eines Sportlehrers an der Bishop Bell Schule aktenkundig geworden. Im Jahr 2009 wurde Robert Healey zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, weil er zwei Schülerinnen im Alter von 15 und 16 Jahren angeleitet hatte, Sex mit ihm zu haben.

Das Ansehen dieser Schule ist jedenfalls durch die Causa Jeremy Forrest und Megan Stammers nicht gerade gestiegen.

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