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17.05.09

US-Präsident

Obama bringt Linke und Rechte gegen sich auf

Gerade hat US-Präsident Barack Obama seine ersten 100 Tage im Amt gefeiert, sieht er sich nun Kritik von allen Seiten ausgesetzt: Linke Unterstützer laufen Sturm gegen die Fortsetzung der Militärtribunale in Guantánamo. Und rechte Abtreibungsgegner nutzen die Obamas Rede an einer katholischen Uni zu Protesten.

© dpa
Barack Obama

Seit Tagen wird die größte katholische Universität der USA, Notre Dame in South Bend in Indiana, von Dutzenden betenden, weinenden Demonstranten belagert. Lkws mit unfrohen Botschaften wie "Judas und (Uni-Präsident John) Jenkins verrieten Jesus" und "Schande über Notre Dame" umrunden den riesigen Campus. Ein Sportflugzeug zieht über der goldenen Marienstatue von Notre Dame mit einem grausigen Bild eines abgetriebenen Fötus Kreise wie ein Raubvogel. Der Grund für die Mobilisierung: Präsident Barack Obama, ein zaudernder Anwalt des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch, sollte am Sonntag vor 2603 Studenten des Abgangsjahrgang der Universität sprechen und eine Ehrendoktorwürde entgegennehmen.

Der Secret Service sorgte also dafür, dass die Luftangriffe mit Schreckensbildern unterblieben und selbst ernannte Generäle des Kreuzzugs wie Alan Keyes und Randall Terry Abstand hielten. "Wir wollen Obama in die politische Jauchegrube ziehen", hatte Randall geschworen, "wir wollen ihn so mit dem Blut der Babys beschmieren, dass er es bis 2012 nicht abwaschen kann." Vornehmer hatte dasselbe der Präsident der US-Bischofskonferenz, Kardinal Francis George, ausgedrückt, als er die Entscheidung von Pater Jenkins "extrem beschämend" nannte.

Nur 74 (von knapp 230 aktiven US-Bischöfen) unterstützen allerdings den Protest des Kardinals. Auf einer schwer zu überprüfenden Online-Liste sollen 360.000 Unterschriften für eine Ausladung des Präsidenten zusammengekommen sein. Die Mehrheit der Studenten von Notre Dame fühlt sich laut Umfragen durch Obamas Besuch geehrt. Nur knapp 40 Graduierte wollten der Feier fernbleiben. Am Samstag waren 23 Demonstranten, angeführt von Keyes und Terry, auf den Campus vorgedrungen und waren, wie sie es gewünscht hatten, wegen Hausfriedensbruchs festgenommen worden. Zu herzbrechenden Märtyrerbildern reichte es nicht.

Obama ist nicht der erste präsidiale Festredner in Notre Dame mit "Pro Choice"-Referenzen. Gerald Ford und Jimmy Carter nahmen dort ohne Proteste ihre Würden entgegen. Ronald Reagan und George W. Bush, allerdings beide der "Pro Life"-Haltung verpflichtet, sprachen dort in ihrem ersten Amtsjahr, wie Obama.

Der amtierende Präsident kann sich rühmen, als erster demokratischer Kandidat seit Kennedy die Mehrheit der amerikanischen Katholiken (70 Millionen Gläubige) für sich gewonnen zu haben. Zudem eroberte er den konservativen Staat Indiana als erster Demokrat seit 1964. Die Rund-um-die-Uhr-Fürbitten in der Grotte von Notre Dame (einer Nachbildung derer in Lourdes), die den Herrn anriefen, er möge dem Präsidenten den Weg verstellen, blieben vergeblich. Obama kam, sprach und besiegte die Intoleranz.

In Wahrheit geht es nämlich um eine Schlacht im Kulturkrieg der christlichen Rechten in Amerika gegen Abtreibung, Schwulenehe und embryonale Stammzellenforschung. Die Fronten sind nicht mehr so klar wie noch in den ersten Bush-Jahren. Selbst innerhalb der katholischen Kirche ist ein Schisma zwischen orthodoxen und liberalen Gruppen entstanden. Die Doktrin des Vatikans gibt vor, dass Verhütung eine Sünde ist wie Abtreibung und Folter.

Eine Umfrage des Pew-Meinungsforschungsinstituts, angestoßen von der Notre-Dame-Kontroverse, kam in diesen Tagen zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Katholiken das Recht auf Abtreibung ganz oder teilweise erhalten würde. Und 60 Prozent der Katholiken finden nach einer Gallup-Erhebung embryonale Stammzellenforschung "moralisch akzeptabel". Wer in Notre Dame wehklagt, sind die lautesten einer Bewegung, keine Mehrheitsführer. Sie predigen Hass im Namen des Lebens.

Reden vor Universitätsabsolventen haben eine noble Tradition. Winston Churchill hielt seine berühmte "Iron Curtain"-Ansprache 1946 vor dem Westminster College in Missouri; im Jahr darauf rief George Marshall in Harvard seinen Plan zum Wiederaufbau Europas aus; 1963 hielt John F. Kennedy in Washingtons American University eine seiner am meisten gerühmten Reden, in der er das Verbot von Atomtests in der Atmosphäre forderte.

Am Mittwoch hatte Obama vor den Graduierten der Arizona State University die erste Abschlussfeierrede seiner Amtszeit gehalten. Auch dort gab es eine Kontroverse. Die Universität hatte den jungen Präsidenten für noch nicht würdig befunden, ihren Ehrendoktorhut zu tragen. Obama stimmte dem vermeintlichen Affront "von Herzen" zu. Nicht nur Michelle sei dieser Meinung, scherzte er. Auch er selbst wisse wohl, wie viel mehr er noch zu lernen und zu leisten habe. Der Streit sei viel Lärm um nichts, Amtstitel, auch der seine, Schall und Rauch. Der Applaus wurde als stürmisch überliefert.

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