24.09.12

Krekeler killt

Nie mehr mit gutem Gewissen an der Tanke

Der Nigerianer Helon Habila schickt den Leser in eine Fahrt ins Finstere. Auf den Spuren einer entführten Britin gerät ein Journalist im ölverseuchten Dschungel zum heutigen Herz des Horrors.

Foto: Infografik Die Welt

Schriftsteller vor unangenehmem Ort: Der in Nigeria geborene Helon Habila (Jahrgang 1967) studierte in Nigeria und England. Jetzt unterrichtet er in Washington D. C. „Öl auf Wasser“ ist eines der düstersten Bücher des Jahres
Schriftsteller vor unangenehmem Ort: Der in Nigeria geborene Helon Habila (Jahrgang 1967) studierte in Nigeria und England. Jetzt unterrichtet er in Washington D. C. "Öl auf Wasser" ist eines der düstersten Bücher des Jahres

Nigeria ist das finsterste Land, in dem je die Sonne nicht unterging. Flackernd ist seine Sonne und gefährlich. Sie brennt Tag und Nacht in den Dörfern, in den Wäldern. Orangerot färbt sie den Himmel über dem Niger-Delta. Sie speist sich aus dem, was Nigeria eigentlich unendlich reich und seine Bevölkerung glücklich machen könnte, was multinationale Unternehmen aus der Erde holen, was aber das Land, seine Menschen, seine Flüsse, seine Natur allmählich umbringt. Öl.

Wie eine Schlange, steht im dritten Roman des 1967 geborenen Nigerianers Helon Habila, züngelt die Flamme aus den Ölquellen im Paradies, das Nigeria einmal war. Reichtum verspricht sie denen, die über den Quellen leben in den Dörfern. Die Fischer und die Bauern.

Und dann kommen die Ölarbeiter, dann stehen die Plattformen auf den Marktplätzen. Dann kommt das Geld. Und wenn die DVD-Player kaputt sind und die Autos, dann sehen Stadt, Land, Fluss finster und apokalyptisch aus, wie es sich Cormac McCarthy und Joseph Conrad es sich in gemeinsamen Alpträumen nicht finsterer und apokalyptischer hätten ausmalen können.

Ein abgehackter Arm schwimmt vorbei

Seltsame Dinge schwimmen in den Flüssen, die einstmals fischreich waren, und in den Mangrovenwäldern auf dem ölglänzenden, schwarzen Wasser. "Ein totes Huhn, ein aufgedunsener Hund mit dem Bauch nach oben, schwarze Vögel mit rastlos zwinkernden, ausdruckslosen Augen darauf, die an ihm herum hackten, mit ihren scharfen Schnäbeln wild in das weiche, verwesende Fleisch schnitten. Einmal entdeckten wir einen am Ellbogen abgetrennten menschlichen Arm, der an uns vorbei tanzte; die Finger öffneten und schlossen sich zur Faust, als lockten sie. Noch immer sehe ich diesen abgetrennten Arm in meinen Träumen, wie er davon treibt und manchmal verächtlich den Mittelfinger reckt, bevor er im dunklen Dunst verschwindet."

Rufus heißt der Mann, der träumt. Er fährt auf dem Fluss ins – man kommt nicht umhin, es so zu nennen – Herz der Finsternis auf der Spur einer entführten Britin. Rufus ist jung. Der Urenkel von Joseph Conrads Marlow. Er besitzt gesunden Menschenverstand.

Und er ist Journalist. Der Beste seines Jahrgangs. Geschichte wird gemacht, sagt sein Vorbild, mit dem er jetzt im Boot unterwegs ist, der legendäre, liberale, leider jetzt ziemlich versoffene Reporter Zaq. Und Aufgabe der Journalisten ist es, sie zu bezeugen.

Einer entführten Britin auf der Spur

Die Britin ist Frau eines Ölingenieurs. Fünf Millionen verlangen die Rebellen in den Wäldern für ihre Freilassung. Fünf Journalisten haben sie eingeladen, mit ihr zu sprechen. Das ist so üblich. Das ist das Geschäftsmodell der Rebellen. Wie es das Geschäftsmodell der Regierung und ihrer Soldaten ist, den Ölmultis den Rücken freizuhalten und notfalls freizuschießen.

Es ist ein heilloses Land. Und Rufus ist von seiner Geschichte gezeichnet. Sein Vater hat einmal die halbe Stadt und seine halbe Familie angezündet, als er bei Ölfässern nicht aufpasste mit seiner Zigarette.

Während sie fahren, der weißen Frau hinterher, verfault Zaq bei lebendigem Leib an irgendeinem fiesen Virus, und Rufus träumt von seiner Schwester, erzählt in Rückblenden davon, wie er Journalist wurde und warum ("aus Lebensnotwendigkeit", nicht aus Leidenschaft). Sie begegnen einem seltsamen Orden, werden gefangen genommen, von den Rebellen, von den Soldaten, fliehen, sehen Folter, Mord, sehen Leichen, sehen die Liebe und mitten hinein ins verfaulte Gedärm eines der ehemals hoffnungsvollsten Länder Afrikas.

Bildungsroman eines verdüsterten Landes

Ein Kriminalroman. Auch. Und ein Abenteuerroman. Und eine Romanze. Vor allem ein Bildungsroman – Herzensbildungsroman des jungen Rufus und Erkenntnisbildungsroman für uns. Prosa wie der Ölfilm auf den Wassern. Voller changierender, immer dunkler Bilder. Windungsreich und gespannt und gebrochen ist die Geschichte von "Öl auf Wasser". Schillernd ist Helon Habilas Prosa wie der Ölfilm auf den Wassern. Voller changierender, immer dunkler Bilder.

Nicht damit uns beim nächsten Mal an der Tanke der Zapfhahn im Auto stecken bleibt vor schlechtem Gewissen, lässt Habila seinen Marlow erzählen. Sondern um Zeugnis abzulegen, um die Mechanismen von Aufstieg und Verfall in Afrika sichtbar zu machen. Große Literatur. Geeignet – dieser Seitenhieb sei erlaubt - ganze Short- und Longlisten in den Schatten zu stellen.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
Aufbau Fanmeile
Aktualisiert vor 6 MinutenChampions League
Bericht: BKA warnt vor Terror auf Fanmeilen

Der Chef des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke, hat einem Bericht zufolge die Innenminister in einer vertraulichen Sitzung vor islamistischem Terror auf Fanmeilen gewarnt. Maßnahmen werden verschärft. mehr...


SPD-Landesvorsitzender Jan Stöß (r.) und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit
Aktualisiert vor 16 MinutenLandesparteitag
Live-Blog – Berliner SPD stellt Liste für Bundestagswahl auf

Die Berliner SPD hat ihre Landesvertreterversammlung zur Nominierung ihrer Landesliste für die Bundestagswahl begonnen. Im Hotel Estrel in Neukölln treffen sich rund 225 Delegierte. mehr...


Wie bei der Fanmeile 2010 soll es zum deutsch-deutschen Finale in der Champions League beste Stimmung geben
09:19Fanfest in Berlin
Champions-League-Finale - Was Sie zur Fanmeile wissen sollten

Berlins Fanmeile ist berühmt für ihre Stimmung bei Fußball-Events. Und das soll beim Champions-League-Finale wieder so sein. Die Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen zum großen Fanfest. mehr...


Das Wembley-Stadion vor einem neuen historischen Finale
08:0520 Momente
Champions League Finale - Als Rummenigge zwei Cognac brauchte

Das deutsche Duell macht die Historie der Endspiele in der Champions League um ein weiteres Kapitel reicher. Die Morgenpost schildert noch einmal die 20 schönsten, kuriosesten und traurigsten Momente. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Krawalle Wieder Ausschreitungen in Stockholm
Washington Brücke in USA eingestürzt
Grundsatzrede Obama will strengere Regeln für Drohnenangriffe
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Finale in London

Das tippen die Berliner Fans von Bayern und BVB

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote