21.09.12

Bestseller

Als Holland für Japan die Welt war

Schmöker für das 21. Jahrhundert: David Mitchells "Die tausend Herbste de Jacob de Zoet" erzählt vom verborgenen Reich des Shogun – und der künstlichen Insel Dejima, Japans Fenster zur Welt.

Von Wieland Freund
Foto: picture-alliance / akg-images /

Kein Außerirdischer, aber fast: japanische Skulptur eines holländischen Schiffsjungen aus dem frühen 18. Jahrhundert. Enstanden ist sie in Nagasaki, dem Schauplatz von David Mitchells Roman „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“
Kein Außerirdischer, aber fast: japanische Skulptur eines holländischen Schiffsjungen aus dem frühen 18. Jahrhundert. Enstanden ist sie in Nagasaki, dem Schauplatz von David Mitchells Roman "Die tausend Herbste des Jacob de Zoet"

Charles Dickens hat seinen einzigen historischen Roman vermurkst, in der Regel aber ist dem großen Britannien seine Geschichte zu großer Kunst geronnen: Siehe Shakespeares Historiendramen, siehe die gesammelten Fantasien des Sir Walter Scott, siehe Robert Louis Stevenson, seinen abenteuerlustigen Erben.

In Deutschland versinkt der historische Roman in den klebrigen Sümpfen des Trivialen, in England steht Hilary Mantel mit ihrem zweiten Roman über den Strippenzieher Heinrichs VIII. zum zweiten Mal auf der Shortlist des Booker-Preises.

Sogar David Mitchell, Großbritanniens wohl avanciertester Erzähler, ein formaler, manchmal traumverlorener Abenteurer, lässt seinen neuen Roman in der grauen Vorzeit des Jahres 1799 beginnen und 1817 enden, ohne dass sich auch nur an einer einzigen Stelle ein bebrillter Jungstudent, ein blinder Archivar oder ein weltvergessener Buchhändler aus Notting Hill über ein zuverlässig unzuverlässiges Manuskript beugen müsste, um die Vergangenheit in die Gegenwart zu retten.

Schnell wie ein Glasfaserkabel

Aber "Die tausend Herbste des Jacob de Zoet" ist dennoch ein durch und durch moderner Roman; wenn er will, ist er so schnell wie ein Glasfaserkabel, und will er nicht, ignoriert er die Gesetze des Plottens wie ein sturer Modernist. Außerdem erzählt er von Religion, Migration und dem alles mit allem verbindenden Geld.

Und was das große Britannien angeht: Der erste echte Engländer macht hier nicht vor Seite 490 seine Aufwartung – und kommt dann wie ein grünes Männchen vom Mars daher. Eurozentrismus war bekanntlich gestern; auch der historische Roman ist mittlerweile globalisiert – wovon dieser recht eigentlich handelt.

Genau deshalb spielt er fast ausschließlich in geschlossenen Räumen, von denen der spektakulärste die künstliche Insel Dejima im Hafen Nagasakis ist. Von hier aus treibt die Niederländische Ostindien-Kompanie Handel mit dem restlos abgeschotteten Japan der Edo-Zeit. Das entspricht den historischen Tatsachen – allerdings hießen die niederländischen "Faktoren", die Dejima im Schatten des Shogun beherrschten, nie Vorstenbosch, van Cleef oder de Zoet.

Japans erstes Klavier

Das erste Klavier allerdings, das je japanischen Boden erreichte, wurde in der Tat auf Dejima gespielt – nicht jedoch vom aufgeklärten Doktor Marinus, den David Mitchell erfindet, sondern von Philipp Franz von Siebold, einem deutschen Arzt. Verbürgt ist, dass Dejima zu Zeiten Napoleons der letzte niederländische Flecken Erde war; erfunden ist, dass Mitchells käsiger Held Jacob de Zoet, es gegen eine britische Fregatte verteidigte.

Zum Zeitpunkt dieser Schlacht jedoch, am Ende dieses herrlich unberechenbaren Romans, ist der gewissenhafte de Zoet schon öfter Idiot als Held gewesen – und von den holländischen Krämern und japanischen Übersetzern auf Dejima so oft übertölpelt worden wie der gewissenhafte Leser von David Mitchell. In ihrem Willen zur Macht, ihrer Gier nach Geld und ihrer Bereitschaft zu betrügen sind sich in diesem Roman nämlich (fast) alle Menschen gleich: Japaner, Niederländer, Preußen und Briten – woraus Mitchell gleich zwei Sorten Funken schlägt.

Zum einen knistert das Feuer der Spannung, weil jede Szene womöglich einen doppelten Boden hat. Zum anderen wirkt das wenig schmeichelhafte Menschenbild des Romans wie eine Firewall, die die Erzählung vor allerlei Ethno-Kitsch schützt. Mitchells Stil kennt Nabokov'sches Pathos, die handelsübliche Kirschblüten-Romantik ist ihm Gott sei Dank fremd. Es gibt nicht eine einzige Liebesszene in diesem Roman, obwohl er im Prinzip als Dreiecksgeschichte zwischen de Zoet, dem Übersetzer Uzaemon und der Hebamme Orito gebaut ist.

Im Zirkuszelt des Romans

David Mitchell liebt die formale Herausforderung. Ebenso sehr wie er Erzähler ist, ist er Artist. Im Zirkuszelt des Romans ist er auf dem Hochseil zu Hause – und hat zunächst drei Bücher lang aus der Kuppel hinab auf lauter Sägespäne geschaut – auf Klein- und Kleinstgeschichten, die er in seinem Debütroman zunächst nach Maßgabe der Chaos-Theorie zu einer Großgeschichte formte.

Das Prinzip des Zersplitterns behielt er drei Romane lang bei – die Migration, sein großes Thema, wurde zur Form. Figuren aus dem ersten Roman migrierten in den zweiten, der dritte schließlich, der überwältigende "Wolkenatlas", aus dem soeben eine 100-Millionen-Dollar-Film geworden ist, verschachtelte Geschichte, Geschichten und Genres wie eine russische Puppe.

Erst mit dem autobiografischen Roman "Der dreizehnten Monat" schien Mitchell von den tausend Teilen zum großen Ganzen überzuwechseln, dem Buch am Stück, das auch "Die tausend Herbste des Jacob de Zoet" zu sein scheint – bis es nach 250 Seiten auf einmal Duktus, Schauplatz, Held und Genre wechselt.

Ein fernöstlicher Vampir

Das abgeschlossene Dejima wird durch ein abgeschlossenes japanisches Kloster in den Bergen ersetzt; an die Stelle de Zoets tritt der Übersetzer Uzaemon; aus dem historischen Roman wird eine "gothic novel" – und doch bleibt alles auf wundersame Weise verbunden: durch die Hebamme Orito, die im Kloster eingekerkert ist, durch ein klammheimliche Bündnis Uzaemons mit de Zoet, schließlich durch den mächtigen Fürstabt Enomoto, mit dem Mitchell ein denkwürdiger Schurke gelingt.

In Dejima ist Enomoto ein Machtpolitiker, im Kloster mutiert er zu einem fernöstlichen Vampir, der im Schutz hoher Berge eine Zuchtstation für Menschenopfer betreibt. Nachher kehrt der Roman ins aufgeklärte Dejima zurück, steigt wieder ab in die lichte Bucht der Aufklärung – den weltanschaulichen Widerspruch der beiden Genres aber klärt er nicht auf; ein metaphysischer Verdacht darf bleiben: "Manchmal offenbaren sich in dummem Zeug die klügsten Gedanken."

Natürlich ist "Die tausend Herbste des Jacob de Zoet" ein Ideenroman; er handelt von Furchtbarkeit und Faszination der Religion, er behandelt Glanz und Elend einer sich ein für allemal zur Kugel rundenden Welt und das Glück und Unglück derer, die sich mit dieser Kugel drehen und wenden müssen. Viel mehr noch aber ist dieser Roman das Kunststück seiner selbst: Er ist originell, anschaulich, spektakulär und manchmal magisch – "Der Name der Rose" dreißig Jahre später vielleicht oder Mitchells nächste 100-Millionen-Dollar-Fantasie oder: ein Schmöker für das komplizierte 21. Jahrhundert.

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