18.09.12

Erschöpfung

Chronisches Erschöpfungssyndrom bleibt rätselhaft

Sie sind zu erschöpft um zu arbeiten: Patienten die an CFS leiden, können am Alltagsleben kaum teilnehmen. Seit drei Jahren machte man Viren für das Leid verantwortlich. Doch so einfach ist es nicht.

Foto: picture alliance / Bildagentur-o

An einen normalen Arbeitsalltag ist für CFS-Patienten nicht zu denken.
An einen normalen Arbeitsalltag ist für CFS-Patienten nicht zu denken.

Das Chronische Erschöpfungssyndrom wird offenbar doch nicht von Viren verursacht. Das hat ein internationales Forscherteam in der bisher umfangreichsten Studie zu dieser Krankheit festgestellt.

Doch die Wissenschaftler fanden keinerlei Zusammenhang zwischen dem Erschöpfungssyndrom und einer Infektion mit zwei normalerweise bei Mäusen vorkommenden Retroviren. Sie widerlegen damit zwei Studien aus den Jahren 2009 und 2010, die in den Fachzeitschriften "Science" und "PNAS" veröffentlich worden waren. Damals glaubten die Forscher Belege dafür gefunden zu haben, dass diese Viren die Ursache der Krankheit sein könnten.

Spurensuche im Blut von knapp 300 CFS-Patienten

Die neuen Ergebnisse aber sprächen gegen eine Verbindung zwischen diesen Erregern und der Krankheit. Man habe bei den 293 untersuchten Patienten keine Infektion mit Viren nachweisen können, berichten die Forscher im Fachmagazin "mBio". Möglicherweise seien die Proben der ersten Studien im Labor mit den Mäuseviren kontaminiert worden. Wodurch das Chronische Erschöpfungssyndrom ausgelöst werde, sei damit noch immer unbekannt.

Das Chronische Erschöpfungssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome, CFS) ist eine Erkrankung, bei der die Betroffenen anhaltend und ohne offensichtlichen Grund an körperlicher und geistiger Erschöpfung leiden. Häufig wird dies von Muskelschwäche, Schmerzen, Gedächtnis- und Schlafstörungen begleitet. Seit Jahren suchen Wissenschaftler nach der Ursache dieser Krankheit. In den USA leidet fast eine Millionen Menschen an CFS. Viele Ärzte gaben ihren Patienten Medikamente gegen die Gruppe der Retroviren, auch wenn sie für das CFS noch nicht zugelassen waren, berichtet die Columbia Universität.

Vielleicht waren die Blutproben verunreinigt

2009 dann schien man endlich den Auslöser gefunden zu haben: Im Blut von CFS-Patienten entdeckten Forscher Spuren des von Mäusen bekannten Retrovirus XMRV und wenig später auch des Mäuse-Retrovirus pMLV. Viele Patienten schöpften daraufhin Hoffnung, die bisher nicht heilbare Krankheit durch antivirale Medikamente bekämpfen zu können. Folgestudien konnten die Ergebnisse allerdings nicht nachvollziehen, daher blieb die Rolle dieser Viren bei CFS umstritten.

"Wir haben diese Studie aufgesetzt, um diese Geschichte ein für alle Mal zu klären", erklärt Studienleiter Ian Lipkin von der Columbia University in New York. Im Auftrag der US-National Institutes of Health testen die Wissenschaftler 293 CFS-Patienten, die in sechs Gesundheitszentren in den USA in Behandlung waren, und 146 gesunde Kontrollpersonen.

An der Studie waren auch die Wissenschaftler beteiligt, die 2009 die Hinweise auf einen Zusammenhang der Retroviren mit CFS publiziert hatten. Diese vereinten Bemühungen verliehen den Ergebnissen zusätzliches Gewicht, erklärt Lipkin.

Die Ursachensuche beginnt wieder bei Null

Ärzte untersuchten alle Teilnehmer gründlich und nahmen ihnen Blut ab. Die Blutproben wurden systematisch nach Hinweisen auf Krankheitserreger, Stoffwechselstörungen oder Abweichungen im Hormonhaushalt durchsucht. Die Labormitarbeiter und auswertenden Forscher wussten jeweils nicht, ob sie das Blut eines Patienten oder einer gesunden Kontrollperson vor sich hatten. Bei allen Analysen wurde besonders darauf geachtet, eine Verunreinigung der Proben mit virenverseuchten Reagenzien zu verhindern.

Bei keiner der Laboruntersuchungen habe man Spuren von XMRV oder pMLV in den Blutproben gefunden, berichten die Forscher. Weder bei den CFS-Patienten noch bei den Kontrollpersonen gebe es Hinweise auf eine Infektion mit diesen oder anderen Viren. "Obwohl die einst so vielversprechenden XMRV- und pMLV-Hypothesen damit widerlegt sind, geben wir nicht auf", sagt Lipkin. Man lasse die Patienten nicht allein und werde weiter nach der Ursache für das Chronische Erschöpfungssyndrom suchen.

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