10.09.12

Trotz Abitur

Immer weniger Kinder aus bildungsfernen Schichten studieren

Jugendliche aus Akademikerfamilien haben sechs Mal höhere Chancen, ein Studium zu beginnen. Das Forschungsministerium kritisiert die Studie.

Foto: DPA
Gymnasiasten nutzen Möglichkeit des Frühstudiums in Sachsen
Ein geringer Anteil der jungen Menschen aus bildungsfernen Schichten machen von ihrer Studienberechtigung Gebrauch

Trotz eines erleichterten Hochschulzugangs ist die Studierbereitschaft von jungen Menschen mit Hochschulreife aus bildungsfernen Schichten deutlich gesunken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Mannheimer Zentrums für europäische Sozialforschung, die die Vodafone Stiftung in Berlin vorstellte. Mitte der 70er-Jahre strebten noch 80 Prozent von ihnen einen akademischen Abschluss an. Drei Jahrzehnte später treffe das aber nur noch auf die Hälfte der Schüler aus dieser Gruppe zu. Und das, obwohl sich der Anteil der studienberechtigten Schüler aus bildungsfernen Schichten im Vergleich zu damals von 15 auf 35 Prozent erhöht habe.

Hohe Kosten befürchtet

Bei Schülern aus Akademikerhaushalten nahm die Studierbereitschaft im gleichen Zeitraum ebenfalls ab – von 90 auf knapp 80 Prozent. Nach der Untersuchung haben Akademikerkinder aber immer noch eine sechsmal höhere Chance, ein Studium zu beginnen, als junge Menschen aus bildungsfernen Familien.

Für die rückläufige Entwicklung der Bereitschaft von bildungsfernen Schülern, ein Hochschulstudium zu absolvieren, nennt der Autor der Studie, Steffen Schindler vom Zentrum für Europäische Sozialforschung, vor allem zwei Gründe: Zum einen entschieden sich viele junge Erwachsene erst nach Erwerb des Hochschulzugangs, ob sie ein Studium oder eine Berufsausbildung anstreben. Zum anderen habe sich die Hochschulreife zur faktischen Zugangsvoraussetzung für viele Ausbildungsberufe entwickelt. Inwieweit andere Faktoren wie Studiengebühren oder "Aufstiegsangst" hier ebenfalls eine Rolle spielen, wurde in der Untersuchung nicht weiter beleuchtet. "Sicher ist, dass viele Nichtakademikerhaushalte die Länge und die Kosten eines Studiums fürchten", sagte Schindler.

Zwar gibt es verschiedenste Möglichkeiten, die Kosten eines Studiums aufzubringen. Doch viele Möglichkeiten, die als "klassisch" gelten, sind in der Praxis nur für einen kleinen Teil der Hochschulgänger verfügbar, wie frühere Erhebungen zeigen. Von Stipendien etwa profitieren nur drei Prozent der Studenten. Kredite oder Bildungsfonds sind für die meisten Studenten auch keine Alternative: Nur fünf Prozent von ihnen trauen sich, Schulden zu machen. Daher bleiben oft nur die finanzielle Unterstützung durch die Eltern, das BAföG oder eben ein Nebenjob.

Vergabe der Zulassungen

Mittlerweile werden rund 40 Prozent aller Studienberechtigungen über das berufliche Bildungssystem oder den zweiten Bildungsweg vergeben, überwiegend in Form der Fachhochschulreife. "Der Großteil der Bildungsfernen findet den Weg zur Studienberechtigung über alternative Wege", schreiben die Autoren dazu in der Studie. Der Rest entfiel auf das klassische Abitur. Da sich die Absolventenzahl des klassischen Gymnasiums nicht im selben Maße entwickelt hat, sei dessen Beitrag zum Abbau sozialer Ungleichheit als "eher gering" einzustufen, sagte Schindler. Mark Speich, Geschäftsführer der Vodafone Stiftung Deutschland, forderte, dass nachhaltige politische Maßnahmen zur Verkleinerung sozialer Ungleichheiten "zu früheren Zeitpunkten in der Bildungslaufbahn ansetzen" müssten.

Auch der bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Ernst Dieter Rossmann, forderte Konsequenzen. "Universitäten müssen sich mehr öffnen für Menschen ohne Abitur", sagte Rossmann der Berliner Morgenpost. "Wenn ein Handwerker studiert, dann studieren auch seine Kinder." Universitäten müssten zeigen, dass sie eine Berufsausbildung darstellten und "kein wissenschaftlicher Elfenbeinturm" sind. Sein FDP-Kollege Patrick Meinhardt forderte einen Ausbau der dualen Hochschulbildung: "Studieren und Arbeiten gemeinsam ist für viele sehr viel attraktiver, als einige Jahre nur im Hörsaal zuzubringen."

Das Bundesforschungsministerium kritisierte hingegen die Studie: Dieser läge "die falsche Annahme zugrunde, dass Akademiker mehr wert sind als gut ausgebildete Optiker oder Mechatroniker". Dabei sei die berufliche Bildung eine der Stärken des deutschen Bildungssystems. Das Ministerium fördere zudem den Zugang zu einem Hochschulstudium für Kinder aus bildungsfernen Familien "auf vielen Wegen", etwa durch BAföG, Bildungskredite und Stipendien. Seite 2Studie: Immer weniger Kinder aus bildungsfernen Schichten studieren Jugendliche aus Akademikerfamilien haben sechsmal höhere Chancen, ein Studium zu beginnen

Quelle: BMO
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