10.09.12

Soziale Ungleichheit

Vielen Arbeiterkindern fehlt der Mut zum Studium

Immer mehr Schüler aus bildungsfernen Familien haben zwar Abitur oder Fachhochschulreife, studieren aber nicht. Vielen fehlt der Mut zum Hochschulstudium – und auch der familiäre Rückhalt.

Foto: Infografik Die Welt

Je höher der Bildungsabschluss der Eltern, um so wahrscheinlicher ist es auch, dass sich der Nachwuchs für ein Hochschulstudium entscheidet
Je höher der Bildungsabschluss der Eltern, um so wahrscheinlicher ist es auch, dass sich der Nachwuchs für ein Hochschulstudium entscheidet

Katja Urbatsch weiß, was es heißt, die erste Akademikerin in der Familie zu sein. Als die heute 33-Jährige ihr Studium begann, reagierten viele in ihrer Verwandtschaft mit Unverständnis. Warum sie nicht etwas Solides lerne, wurde sie auf Familienfeiern gefragt. Hinzu kamen ihre eigenen Ängste: Kann ich das wirklich schaffen?

So wie Katja Urbatsch geht es vielen Kindern aus Nichtakademiker-Familien. Das zeigt eine neue Studie der Vodafone Stiftung Deutschland ("Aufstiegsangst? Eine Studie zur sozialen Ungleichheit beim Hochschulzugang im historischen Zeitverlauf"). Der überraschende wie auch irritierende Befund der Untersuchung: Zwar haben immer mehr Schüler aus bildungsfernen Haushalten die Voraussetzung zum Studium. Aber immer weniger von ihnen nutzen sie.

Während der Anteil der Schulabgänger mit klassischem Abitur, die danach ein Studium beginnen, seit den 70er-Jahren konstant bei rund 90 Prozent liegt, ist die Studierquote bei Absolventen mit Fachhochschulreife drastisch gesunken. Dieser Trend zeigt sich verstärkt, wenn man die Studierquote nach sozialer Herkunft ausweist.

Bei Abiturienten, deren Eltern selbst studiert haben, sank die Studierquote in den vergangenen drei Jahrzehnten nur leicht. Bei Schülern aus bildungsfernen Elternhäusern sank sie von 80 auf rund 50 Prozent. Konkret heißt das, dass die Hälfte von ihnen trotz entsprechender Qualifikation nicht studiert.

Akademikerkinder bleiben unter sich

Das führt dazu, dass an den Hochschulen Akademikerkinder meist unter sich bleiben. Der Versuch, mehr Kinder aus anderen Schichten den Hochschulzugang zu ermöglichen, ist damit auf halber Strecke stecken geblieben. Seit den 60er-Jahren bemüht sich die Bildungspolitik, die Hochschulen auch für bildungsferne Familien zu öffnen.

Neben dem klassischen Abitur wurden zusätzliche berufsbildende Wege eingeführt, über die die Hochschulreife erworben werden konnte – Berufsschulen oder der zweite Bildungsweg. Diese Strategie hat sich positiv ausgewirkt: Mitte der 70er-Jahre schafften nur 15 Prozent der Schüler aus bildungsfernen Haushalten die Hochschulreife. Heute sind es etwa 35 Prozent.

Im Vergleich dazu schwankten die Quoten bei Schülern aus bildungsnahen Familien im selben Zeitraum zwischen sechzig und siebzig Prozent. Auf dem Weg zur Hochschulreife hat also ein sozialer Aufholprozess stattgefunden. Am Gymnasium liegt das nicht. Es hat sich laut Studie in diesem Prozess "nicht als sozialer Türöffner" erwiesen, sondern hat nach wie vor eine relativ homogene Schülerschaft.

Entscheidung für oder gegen Studium fällt erst später

Die Quote der Schüler, die das klassische Abitur ablegen, ist nur geringfügig angestiegen. Die Chancen, die allgemeine Hochschulreife zu erreichen, ist für Kinder aus gebildeten Elternhäusern noch immer rund sieben Mal höher als für Schüler mit bildungsfernem Hintergrund. Wenn diese es dennoch bis zur Hochschulreife schaffen, dann in der Regel über andere Wege der Berufsbildung.

Aber warum nutzen sie die Gelegenheit zum Studium so selten? Steffen Schindler vom HIS-Institut für Hochschulforschung, der die Studie verfasst hat, macht dafür mehrere Gründe aus. Einer davon ist, dass für viele Berufe mittlerweile die Hochschulreife Bedingung ist. Ein anderer ist, dass die Entscheidung für oder gegen ein Studium inzwischen später fällt.

Früher habe man sich meist mit der Wahl des Gymnasiums bereits festgelegt, sagt Steffen Schindler. Heute entschieden viele erst nach dem Schulabschluss, wie es beruflich weitergeht. "Berufsbildende Wege scheinen Schüler mit geringer Studierneigung anzuziehen", hat Steffen Schindler festgestellt. Wer bereits Geld verdient hat, für den scheidet das Studium als Option oft aus. Der Schritt, an die Hochschule zu gehen, ist für Nichtakademiker-Kinder nach wie vor noch viel größer als für ihre Altersgenossen aus gebildeten Elternhäusern.

Vorbilder in den Familien fehlen

"Die Hochschulreife zu haben, bedeutet nicht automatisch, dass man auch studiert", sagt auch Katja Urbatsch. Geprägt von der eigenen Biografie hat die gebürtige Ostwestfälin vor vier Jahren die Initiative "ArbeiterKind.de" gegründet. Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Anteil von Nichtakademiker-Kindern an den Hochschulen zu steigern.

Inzwischen arbeiten bundesweit rund 5000 Ehrenamtliche für die Initiative. Oft sei ein Mangel an Information die Ursache, dass nicht studiert wird, sagt Urbatsch: "Man muss erst mal auf die Idee kommen, dass ein Studium eine Option ist." Mit ihren Mitstreitern geht sie deshalb regelmäßig an Berufsschulen, um über die Möglichkeiten, zu studieren, aufzuklären.

Dabei erlebt Urbatsch aber auch immer wieder, dass vielen Arbeiterkindern das Vertrauen fehlt, eine akademische Ausbildung zu schaffen. Neben der Sorge, das Studium finanziell bewältigen zu können, gibt es Versagensangst. "Da fehlen einfach die Vorbilder in der Familie", sagt Urbatsch. "Gehemmte Kompetenzüberzeugung" heißt das in der Psychologie.

Studierende Geschwister erhöhen Bildungschancen

Auch die Bildungsentscheidungen der Eltern spielen eine wichtige Rolle. Sind sie aufstiegsorientiert, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die Kinder studieren. Oft ist aber das Gegenteil der Fall. Wer sich zum Studium durchringt, muss damit leben, in der Familie keinen Rückhalt zu finden. In manchen Fällen geht das bis zum Kontaktabbruch.

Die Vodafone Stiftung versucht deshalb, Schulen dabei zu unterstützen, den Kontakt zu den Eltern zu professionalisieren. Ziel sei dabei nicht, "auf Gedeih und Verderb die Studierendenquote zu erhöhen", sagt David Deißner, zuständig für Bildungsforschung. Es gehe vor allem darum, dass soziale Gefälle zu verringern und auch für Kinder bildungsferner Haushalte Chancengleichheit zu schaffen.

"Es ist schwierig, Eltern zu erreichen und zu überzeugen", betont Katja Urbatsch. Mit ihrer Initiative setzt sie daher bei den Schülern selbst an – und bei Studierenden, die Unterstützung brauchen. In ihrem eigenen Fall musste sie ihr Studium erst erfolgreich abschließen, bevor auch ihre Familie zu glauben begann, dass die Tochter die richtige Wahl getroffen hat.

Inzwischen sind Urbatsch und ihre Initiative mehrfach ausgezeichnet worden. Den Begriff "bildungsfern" mag Urbatsch nicht besonders. Sie verwendet lieber eine positive Formulierung aus den USA. Dort heißen junge Menschen wie sie "First generation students" - Studierende der ersten Generation. Wer den Mut zum Studium trotz widriger Umstände findet, wird damit häufig zum Vorbild im eigenen Umfeld. Untersuchungen zeigen: Studiert ein Kind als erstes in seiner Familie, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass die Geschwisterkinder dem Beispiel folgen.

Quelle: Mitarbeit: Jan-David Sutthoff
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