10.09.12

Brasilien

Konjunktur verfettet Bikini-Grazien der Copacabana

Durch den Boom in der brasilianischen Wirtschaft hat sich der Speiseplan gewaltig verändert, Kohlenhydrate und Fett statt Gemüse. Das Ergebnis: Die Hälfte aller Brasilianer leidet an Übergewicht.

Foto: Lehtikuva
Übergewicht
Das Klischee von den schlanken Bikini-Schönheiten entspricht längst nicht mehr der Wirklichkeit. Die Hälfte aller Brasilianer leidet an Übergewicht

Braungebrannte Bikini-Schönheiten an der Copacabana, dazu durchtrainierte Muskelprotze in knappen Badehosen: Diese Klischees bestimmten lange das Image Brasiliens.

Doch die schönen Bilder entsprechen nur noch teilweise der Realität. In dem südamerikanischen Land mit seinem oft an Besessenheit grenzenden Körperkult leidet inzwischen fast die Hälfte der Bevölkerung an Übergewicht.

Gute Wirtschaft macht Menschen dick

Rund 30 Millionen Menschen hat Brasilien in den vergangenen Jahren aus der Armut geholt. Inzwischen bezahlt das Land den Preis für sein schnelles Wachstum.

Wo früher traditionell Reis und schwarze Bohnen auf dem Speiseplan standen, wird heute aus Zeitmangel oft billige, unausgewogene Nahrung industrieller Herkunft konsumiert. Hinzu kommt der zunehmende Mangel an Bewegung.

Die Hälfte alle Brasilianer ist übergewichtig

Nach einem im April veröffentlichten Bericht des Gesundheitsministeriums ist fast die Hälfte der 191 Millionen Brasilianer übergewichtig, 16 Prozent gelten als fettleibig. In beiden Fällen stieg die Zahl in nur fünf Jahren um fünf Prozentpunkte.

"Es ist Zeit für eine Umkehr, um nicht zu werden wie die USA, wo 35,7 Prozent der Erwachsenen fettleibig sind", warnt Gesundheitsminister Alexandre Padilha.

"Brasilianer essen schlecht. Sie könnten Gemüse essen, aber sie bevorzugen Kohlenhydrate und Fett", sagt Solange de Gonçalves aus Rio de Janeiro, die mit 123 Kilogramm zu den 30 Millionen Fettleibigen im Land gehört.

Von klein auf litt die 38-Jährige an Adipositas, Bluthochdruck und Diabetes. Ihr Leben sei nicht einfach, erzählt sie: "Auf der Straße schauen mich die Leute an; es gibt keine Kleidung in meiner Größe. Einmal bin ich im Drehkreuz des Busses steckengeblieben."

Gonçalves beneidet die Models und Schauspieler auf den Titelseiten von Zeitschriften oder in TV-Serien. Im Juli hat sie sich nach zwölf Jahren Wartezeit einen Magenring einsetzen lassen – eine Operation, für die das staatliche Gesundheitssystem die Kosten übernimmt. "Ich bin zufrieden" sagt sie nun. "Ich bin von den 50 Kilogramm, die ich abnehmen will, schon 15 Kilogramm los geworden."

Immer mehr Operationen zur Fettreduzierung

Etwa 60.000 Magenringe wurden 2010 in Brasilien eingesetzt. Im Vergleich zu 2003 war das ein Anstieg von 275 Prozent. Bis zu 80 Prozent seines Übergewichts kann ein Fettleibiger mit einem Magenring verlieren, doch mit der eigentlichen Operation ist es nicht getan. Danach muss der Patient ein Leben lang von Chirurgen, Endokrinologen, Psychologen und Ernährungsberatern betreut werden.

"Das Geheimnis der Behandlung ist es, eine Diät zu befolgen", erklärt der Chirurg Octavio Falcao, der sich auf diese Operationen spezialisiert hat. "Die Operation ist eine Art Hilfsmittel für den Patienten. Aber wenn er nicht Diät hält, wird er wieder zunehmen."

Quelle: AFP
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