03.09.12

Altersarmut

Von der Leyen streitet sich mit Koalition über Rente

Arbeitsministerin von der Leyen eckt mit ihrer Warnung vor Altersarmut an. Neben SPD und Grünen sind FDP und Politiker der Union dagegen.

Foto: DPA
Rentner auf einer Parkbank
Experten erwarten einen Anstieg der Altersarmut. Von der Leyens Berechnungen sind dennoch umstritten

"Die Rente ist sicher", lautete die Parole, die der frühere Bundesarbeitsminister Norbert Blüm einst auf Plakaten verbreiten ließ. Später musste der CDU-Politiker einräumen, dass die staatliche Alterssicherung ohne tief greifende Reformen unfinanzierbar geworden wäre. Die heutige Ressortchefin Ursula von der Leyen (CDU) bringt jetzt die Botschaft, "die Rente ist unsicher", unters Volk. Selbst langjährig Versicherten, die 35 Jahre lang ein Durchschnittseinkommen erzielt hätten, drohe im Alter der Gang zum Sozialamt, warnt die Ministerin.

Von der Leyen will das Problem mit einer Zuschussrente von maximal 850 Euro lösen, die jeder erhalten soll, der mindestens 35 Beitragsjahre vorweisen kann, zudem privat vorgesorgt hat und trotzdem mit seiner Rente nicht über das Niveau einer Grundsicherung hinauskommt. Doch das Konzept wird nicht nur von der Opposition, Gewerkschaften und der Wirtschaft, sondern auch innerhalb der Koalition und von Wissenschaftlern zerpflückt.

Zuschussrente hilft vielen nicht

Die Zuschussrente sei "ungerecht, falsch finanziert, bürokratisch, teuer und zur Bekämpfung von Altersarmut ungeeignet", urteilt Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Die Sozialverbände sprechen von einem "Placebo". Auch die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) hält von der Leyens Konzept für nicht tragfähig. "Die Zuschussrente hilft denen, die lange Beiträge gezahlt haben. Doch sie nutzt denen nichts, die Teilzeit gearbeitet oder unterbrochene Erwerbsbiografien haben oder sehr lange arbeitslos waren", sagte die Sozialexpertin der Organisation, Monika Queisser, der Berliner Morgenpost. Gerade solche Menschen hätten jedoch ein hohes Risiko, im Alter in die Armut abzurutschen. Ungenügend abgesichert seien in dem jetzigen System beispielsweise viele kleine Selbstständige oder ein großer Teil der Alleinerziehenden.

Innerhalb der eigenen Reihen sorgte von der Leyens Prognose für Irritationen. Der CDU-Sozialpolitiker Jens Spahn wies darauf hin, dass die Ministerin bei ihren Berechnungen unrealistische Annahmen zugrunde lege. Auch die Deutsche Rentenversicherung Bund hält es für fragwürdig, bei 35 Beitragsjahren von einem "vollen Arbeitsleben" zu sprechen. Zumal in den kommenden Jahren die gesetzliche Altersgrenze von 65 auf 67 Jahre angehoben wird. Üblicherweise gelten in der Rentenversicherung 45 Jahre als Maßstab.

Wer nach der Schule eine Lehre antritt, erwirbt im Regelfall ab dem 16. Lebensjahr Rentenansprüche.

Die FDP reagierte auf von der Leyens Schreckensmeldung empört. Generalsekretär Patrick Döring kritisierte die "mediale Selbstinszenierung der Ministerin". Ihre Beispielrechnungen seien "nicht sehr realistisch". Der Liberale warnte: "Die Ministerin sollte nicht dazu beitragen, das Vertrauen in das System weiter zu untergraben."

Gegen die Zuschussrente hat sich innerhalb der Koalition eine breite Abwehrfront gebildet: Sowohl die FDP als auch die Junge Gruppe innerhalb der Unionsfraktion sowie der Wirtschaftsflügel der Union lehnen von der Leyens Pläne ab. Der Chef der Jungen Union, Philipp Mißfelder, monierte, die junge Generation solle die Zeche dafür zahlen, dass Vorsorge im Rentensystem versäumt worden sei.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bezog bislang keine keine Position zum Konzept von der Leyens: "Man muss überlegen, ob die Zuschussrente die richtige Antwort sein kann", sagte ihr Sprecher Steffen Seibert. Merkel selbst erklärte in Recklinghausen, in der Union gegen es keinen Streit um dieses Thema. Vielmehr gebe es einen "Wettstreit um die beste Entwicklung".

Dabei ist nach Ansicht von Fachleuten die Vorstellung, dass etwa ein Drittel der künftigen Ruheständler ein hohes Risiko trägt, im Alter auf die staatliche Fürsorge angewiesen zu sein, wohl übertrieben. Die Prognose, wie groß das Problem der Altersarmut in den kommenden Jahrzehnten wird, sei schwierig, sagte OECD-Forscherin Queisser. "Das Renteniveau sinkt infolge der Reformen, die in Deutschland erfolgt sind und die notwendig waren, um die Beitragszahler künftig nicht über Gebühr zu belasten." Doch die gesetzliche Rente sei nur eine von verschiedenen Einkommensquellen im Alter. Viele ältere Menschen hätten Grundbesitz, private Rentenansprüche, Betriebsrenten oder Erwerbseinkommen. "Die Entwicklung der künftigen Alterseinkünfte hängt nicht nur von der Rente ab", betonte Queisser. Derzeit gebe es in Deutschland aber noch keinen Anstieg der Altersarmut. In Zukunft sei aber damit zu rechnen.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
Karneval der Kulturen der Welt
19.05.13Umzug
Karneval der Kulturen – 700.000 feiern in Kreuzberg

In Berlin-Kreuzberg ist es wieder bunt und voll: Tausende Tänzer, Musiker und andere Akteure inszenieren den Karneval der Kulturen. 75 Gruppen sind bei dem Multikulti-Umzug dabei. mehr...

title
19.05.13Wiederaufstieg
Herthas blau-weißer Feiertag

Hertha BSC beendet die Saison mit einem 1:1-Unentschieden im Berlin-Brandenburg-Derby gegen Energie Cottbus. Mit 76 Zählern stellt das Team von Trainer Jos Luhukay einen neuen Punkterekord auf. mehr...

Sonne in Berlin
19.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Montag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Montag, den 20. Mai. mehr...

VfL Bochum - 1. FC Union Berlin
19.05.13Zweite Liga
Union gelingt mit Auswärtssieg versöhnlicher Saisonabschluss

Mit Tabellenrang sieben und dem ersten Auswärtserfolg nach acht sieglosen Spielen auf fremden Plätzen beendet der 1. FC Union die Zweitliga-Saison. mehr...

Leser-Kommentare 1 Kommentar
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
Parlament Bundestag debattiert über Atommüllendlager
Cannes Emma Watson spielt Kriminelle in Coppolas Film
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. WirtschaftGerechte LöhneSchweizer zanken über revolutionäres Lohnmodell
  2. 2. WirtschaftGriechenlandDas Selbstbewusstsein ist zurück in Athen
  3. 3. Deutschland„Grünes Band“Landwirte fürchten kalte Enteignung ihrer Felder
  4. 4. AuslandSyrienArmee erobert nach Offensive Rebellenstadt Kusseir
  5. 5. AuslandNachrichtenagenturAP hat seit Bespitzelung Probleme mit Recherchen
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Straßenfest

Karneval der Kulturen 2013

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote