30.08.12

Angriff in Berlin

"Bist du Jude?" – Hass junger Migranten auf Israel

Nach dem Angriff auf einen Rabbiner in Berlin werden Warnungen vor Antisemitismus laut. Die Zahl der körperlichen Attacken steigt. Die Täter sind oft junge Migranten, die sich als Opfer Israels sehen.

Foto: dpa
Überfall auf Rabbiner löst Debatte über Antisemitismus aus
Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde in Berlin. Das Abraham-Geiger-Kolleg rät Studenten davon ab, die Kippa offen auf der Straße zu tragen

Kurz nachdem Daniel Alter vor sechs Jahren als einer der ersten Juden in Deutschland nach dem Holocaust zum Rabbiner ernannt worden war, sagte er, dass er lange überlegt habe, wie er seiner Tochter erklären solle, warum Juden in Deutschland nicht alltäglich seien. "Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wie", sagte er der Berliner Morgenpost.

Seine Tochter war damals ein Baby. Am Dienstagabend war sie dabei, als vier mutmaßlich arabische Jugendliche im Berliner Stadtteil Schöneberg Alter fragten: "Bist du Jude?", ihn beleidigten und zusammenschlugen, als er bejahte. "Ich bring dich um!" sagte einer der Täter zu der Siebenjährigen. Alter erlitt einen Jochbeinbruch und wurde am Donnerstag operiert.

Der Berliner Morgenpost sagte Alter nun, der Vorfall werde ihn nicht daran hindern, sich weiterhin für den interreligiösen Dialog zu engagieren. "In meinen Grundfesten bin ich nicht erschüttert." Ein dumpfer Schläger werde ihn nicht von seinem Weg abbringen. "Viele Menschen äußern ihre Anteilnahme, wünschen mir gute Besserung und sagen mir, wie sehr sie diese Tat verurteilen."

In der Vergangenheit sei er öfter angepöbelt worden. "Wie aggressiv das im Einzelfall wirklich gewesen ist, habe ich gar nicht wahrhaben wollen."

Das israelische Außenministerium verurteilte die Tat als "brutalen Akt von Rassismus". Ein Amtssprecher sagte in Jerusalem, Israel hoffe, die deutsche Justiz werde die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.

Kolleg rät Studenten vom Kippa-Tragen ab

Das Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg, an dem Alter jüdische Lehre studiert hatte, bekommt mehr Polizeischutz. Den Studierenden rate man davon ab, auf der Straße Kippa zu tragen, sagte Rektor Walter Homolka der Berliner Morgenpost. "Bislang hatte ich die Illusion, dass es in Berlin und Brandenburg möglich sein müsste, sich jederzeit und überall zu seinem jüdischen Glauben zu bekennen."

In Deutschland habe es bisher nur vereinzelt Angriffe arabischer Migranten gegen Juden gegeben. Der Vorfall sei "ein echtes Schockerlebnis". Polizei und Staatsschutz müssten gewaltbereite Muslime in den Griff bekommen. Homolka: "Es wäre fatal, wenn wir auf deutschen Straßen einen Stellvertreterkrieg des Nahen Ostens bekommen würden."

"Viele arabische Jugendliche sehen sich als Opfer Israels"

Die Amadeu-Antonio-Stiftung warnt seit Längerem vor zunehmender Gewalt gegen Juden. "Es gibt in letzter Zeit mehr körperliche Attacken als in den vergangenen Jahren – vor allem in Großstädten", sagte die Vorsitzende Anetta Kahane. "Leider sind es meist junge Migranten."

Nach ihrer Ansicht ist die Stimmung des Antisemitismus in Deutschland derzeit recht aggressiv. Junge Migranten seien bisweilen hasserfüllt auf die Gesellschaft, Deutschland und Juden. "Ihr Weltbild ist sehr antisemitisch geprägt", sagte Kahane.

Oft hätten sie den Eindruck, dass ihre Umwelt das gar nicht so anders sehe. "Sie fühlen sich durch das, was die Mehrheitsgesellschaft denkt, nicht gerade entmutigt." Vor allem der Nahost-Konflikt trage zur Ideologisierung bei: "Viele arabische Jugendliche sehen sich als Opfer Israels."

Auch das Deutsch-Arabische Zentrum sieht den Ursprung des Antisemitismus in den arabischen Ländern. "Die Eltern verfolgen tagtäglich den Konflikt in ihrer Heimat, auch wenn sie hier in Deutschland leben", sagte Zentrumsleiter Ali Maarous. Sie seien wütend über das, was in ihrer Heimat geschehe. "Diese Wut und der Hass überträgt sich dann auf die Kinder."

Pöbeleien vor dem Kindergarten

Bundesweit für Schlagzeilen sorgte im Juni 2010 ein Vorfall in Hannover: Eine Gruppe arabischer Kinder hatte auf einem Straßenfest eine israelische Tanzgruppe mit Kieselsteinen attackiert. Woher kommt dieser Hass? Islamwissenschaftler verweisen auf den Ausbau des Satellitenfernsehens, durch das arabische Programme zunehmend oft auch in Europa preiswert zu haben sind.

So schauen muslimische Jugendliche in deutschen Wohnzimmern etwa die iranische Serie "Sahras blaue Augen", die im Gazastreifen spielt und in der Israelis Handel mit Organen von Palästinenserkindern betreiben. "Du Jude" ist auf deutschen Schulhöfen längst ein gängiges Schimpfwort.

Daniel Alter hoffte einst, seine Ordination sei ein Zeichen einer Normalisierung jüdischen Lebens in Deutschland. Doch oft empfand er den Umgang mit ihm als verkrampft. "Bist du Jude?" fragten ihn etwa Tramper. "Das Wort 'Jude' bekommen sie meist nur flüsternd über die Lippen. Da schwingt Unsicherheit mit, ob das jetzt ein Schimpfwort ist", sagte Alter kurz nach seiner Ordination. Schon damals gab es Pöbeleien vor dem Kindergarten seiner älteren Tochter.

Einen Teil seiner Ausbildung hatte Alter in Jerusalem absolviert. "Da waren auf einmal alle so wie ich." In Deutschland dagegen werde er manchmal angestarrt, daher trage er über seiner Kippa meist Mütze oder Hut. Offensichtlich hatte Alter sich dies zuletzt abgewöhnt.

Quelle: Mitarbeit: Regina Köhler, Gudrun Mallwitz und Steffen Pletl
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