30.08.12

Angriff auf Rabbiner

Der alltägliche Judenhass auf Deutschlands Straßen

Die brutale Attacke auf einen Berliner Rabbiner hat die Jüdische Gemeinde der Stadt nicht überrascht. Antisemitismus nehme seit längerem zu. Besonders bei Türken und Arabern sei er verbreitet.

Von Jens Anker und Lina Y. Liu
Foto: picture alliance
Daniel Alter (Mitte) bei seiner Rabbinerordination 2006 in Dresden
Prügelopfer Daniel A. (Mitte) bei seiner Rabbinerordination 2006 in Dresden

Muslimische Vereine und Verbände haben am Mittwoch den Überfall auf einen Berliner Rabbiner verurteilt. "Im Namen der 17 arabischen Vereine, die dem Zentrum angehören, verurteile ich den Vorfall", sagt der Chef des Deutsch-Arabischen Zentrums, Ali Maarous.

"Unsere Aufgabe ist es, Muslime und Juden näher zu bringen." Auch die Türkische Gemeinde in Deutschland verurteilte die Attacke scharf. "Sie ist umso schlimmer, als dass sich das Opfer für den interreligiösen Dialog einsetzt", sagte Vorstandssprecher Serdar Yazar. Er sieht ein Manko im gesellschaftlichen Klima der Stadt. "Die Fälle häufen sich, die Hemmschwelle für Gewalt sinkt. Das ist meine Wahrnehmung, aber ich hoffe, sie stimmt nicht."

Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde, Kenan Kolat, habe am Mittwoch den Generalsekretär des Zentralrates der Juden, Stephan Kramer, angerufen und sein Bedauern und seine Solidarität erklärt.

"Jugendliche vermutlich arabischer Herkunft", so die Polizei, hatten am Dienstag in Schöneberg einen Rabbiner der Jüdischen Gemeinde vor den Augen seiner Tochter zusammengeschlagen.

"Bist Du Jude?"

Der 53-jährige Daniel A. war am Dienstagabend mit dem sechsjährigen Mädchen in Schöneberg unterwegs, als die vier Jugendlichen den Mann nach Polizeiangaben fragten, "bist Du Jude?" und ihn danach angriffen. "Es folgten Beleidigungen gegen den Mann, seinen Glauben und seine Mutter und eine Tötungsdrohung in Richtung seiner Tochter", so ein Polizeisprecher. Die Täter flohen nach der Attacke in Richtung Rubensstraße. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen aufgenommen.

Für die Jüdische Gemeinde in Berlin kam der Überfall nicht überraschend. "Gemeindemitglieder spüren seit Längerem eine Zunahme des verbalen Antisemitismus", sagte der Gemeindevorsitzende Gideon Joffe am Mittwoch. "Es war für uns daher nur eine Frage der Zeit, bis Worten auch konkrete Taten folgen würden. Wir hoffen, dass hier nicht eine Atmosphäre wie in Schweden, Frankreich oder Holland entsteht, wo Angriffe auf Juden quasi zur Tagesordnung gehören."

Einen 53 Jahre alten Familienvater in Begleitung seiner kleinen Tochter zusammenschlagen, sei nur möglich, wenn man diesen Menschen nicht als Menschen sehe. Berlins Integrationssenatorin, Dilek Kolat (SPD), zeigte sich am Mittwoch entsetzt über die Tat und kündigte Konsequenzen an.

"Ich bin erschüttert, dass so etwas möglich ist", sagte Kolat. "Wir müssen Antisemitismus entschieden entgegen treten, egal, wo er auftaucht." Sie werde die islamischen Verbände um Mithilfe bitten, um mögliche antisemitische Strömungen in der muslimischen Gemeinde zu bekämpfen.

Antisemitismus bei Türken und Arabern

Erst am 7. August hatte ein Betrunkener in Friedrichshain ein Ehepaar antisemitisch beleidigt und bedroht. Vor einem Jahr wurde in Prenzlauer Berg ein 13-Jähriger geschlagen, weil er eine Kippa auf dem Kopf trug. Vor einigen Jahren attackierten arabischstämmige Jugendliche an der Fasanenstraße in Charlottenburg orthodoxe Juden.

Bereits vor zwei Jahren hatte die Jüdische Gemeinde auf einen gestiegenen Antisemitismus besonders unter jungen Türken und Arabern hingewiesen. Die Amadeu-Antonio-Stiftung bezeichnet Antisemitismus in "großen urbanen Wohnquartieren mit überwiegend muslimischer Wohnbevölkerung" schon länger als ein ernstes Problem.

Das Deutsch-Arabische Zentrum sieht den Ursprung des Antisemitismus in den arabischen Ländern, aus denen die Mitglieder der arabischen Gemeinde kommen. "Die Eltern verfolgen tagtäglich den Konflikt in ihrer Heimat, auch wenn sie hier in Deutschland leben", sagte Zentrumschef Ali Maarous. Sie seien wütend über das, was in ihrer Heimat geschehe.

"Diese Wut und der Hass überträgt sich dann auf die Kinder", sagte Maarous. Das Zentrum arbeite daran, die Jugendlichen aufzuklären. In zahlreichen Seminaren erklärten sie den Jugendlichen, sich bei politischen Auseinandersetzungen zurückzuhalten und rational damit umzugehen.

Kardinal Woelki entsetzt

Entsetzt über den Übergriff zeigte sich auch der Berliner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki. Er sicherte dem Opfer und dessen Familie seine Anteilnahme zu. "Wer Menschen schlägt, verletzt und einschüchtert, kann sich damit nicht auf Gott berufen", sagte er.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, sprach von einem "bösartigen Angriff auf das Judentum in Deutschland". Gegenüber der "Jüdischen Allgemeinen" betonte Graumann, er habe aber volles Vertrauen in die Behörden, dass die Täter schnell gefasst und zur Verantwortung gezogen würden.

Der Fraktionschef der SPD im Abgeordnetenhaus, Raed Saleh, verurteilte den Überfall als "Angriff auf die ganze Stadt". Die Polizei müsse alles daran setzen, die Täter zu überführen.

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