28.08.12

Martin Suter

Wie ein Vater versucht, seinen toten Sohn zu retten

Der Schweizer Bestsellerautor Martin Suter hatte es gut. Er lebte auf Ibiza und in Guatemala. Alles, was er machte, wurde zum Erfolg. Da starb sein Sohn. Im neuen Roman geht es um Trauer und Hoffnung.

Von Elmar Krekeler
Foto: Getty Images

Martin Suter (Jg. 1948) ist der moderne Simmel. Seine Kolumnen aus der „Business Class“ sind legendär. Seine Romane wie „Lila Lila“ oder „Small World“ wurden Bestseller. Er schrieb auch das Drehbuch zum aktuellen Filmhit „Nachtlärm“
Martin Suter (Jg. 1948) ist der moderne Simmel. Seine Kolumnen aus der "Business Class" sind legendär. Seine Romane wie "Lila Lila" oder "Small World" wurden Bestseller. Er schrieb auch das Drehbuch zum aktuellen Filmhit "Nachtlärm"

Der Baum hinter mir ist unglaublich. Sieht aus wie ein ganzer Hain, eine Bank steht mitten drin. Ist aber bloß ein Baum, eine Feige vielleicht, zwei Dutzend Stöcke stützen seine Äste. Seit Generationen steht er hier, leuchtend grün aus der roten, steinigen, trockenen Erde gewachsen, die nicht viel her gibt außer Oliven und Wein. Mitten in einem Paradies, das kein Taxi findet auf Ibiza. Man muss an den Technotempeln vorbei, durch Tunnel und unter Fußgängerbrücken her und dann rechts nach Can Micolau.

Ein paar staubige, steinige Straßen, dann steht man – der Taxifahrer, der auf dem Weg hierher immer wieder auf den Plan geschielt hat, den die aufmerksame Verlagsmitarbeiterin von Diogenes in Zürich gezeichnet hat, flüchtet vorsichtshalber gleich – in der Sonne vor einem metallenen Tor in einer Bruchsteinmauer. Man klingelt. Es wird einem aufgetan. Dahinter ein sandfarbenes Kubusensemble, ein schönes Haus, fein gegliedert mit Fenstern, archaisch und modern, das trutzig alles tut, in der flirrenden Landschaft zu verschwinden, was ihm zum Glück nicht gelingt. Und Martin Suter steht in der Tür.

Martin Suter ist der Mister Schweiz

Er wirkt ein bisschen kleiner, zerbrechlicher, als ich ihn in Erinnerung hab. Was daran liegen mag, dass er damals – es war auf irgendeiner Frankfurter Buchmesse -, der offizielle Martin Suter war, die Martin Suter-Inszenierung, die Haare nach hinten gegelt, Anzug, krawattenlos, Hemd bis zum letzten Knopf nach oben geschlossen. Jetzt blickt er und spricht er leise und langsam aus einem ganz anderen Ensemble.

Es ist Sommer. Und Martin Suter, der "Mann der Hochkonjunktur", der Mann, der – so sagen es Menschen, die es wissen müssen in der Schweiz - als einziger dem Absturz der Schweiz zu trotzen scheint und es den Deutschen zeigt, wie erfolgreiche Literatur geht, der legendäre Kolumnist der "Business Class", der wie sonst keiner die Wirtschaft kritisierte und Dürrenmatt und Frisch abgelöst hat als Schweizer Wirtschafts- und Politikweiser und moralische Instanz (was Suter gar nicht sein will, weil es nicht ins Personalprofil eines Schriftstellers gehört, moralische Instanz zu sein), der auflagenstärkste, umschwärmteste Autor seines Landes, Martin Suter trägt das Hemd (respektive den obersten Knopf der Leiste) offen über der leichten Sommerhose.

Er schien das Glück gepachtet zu haben

Wir sitzen im Schatten schönen Grüns, die Vögel zwitschern, der Himmel ist blau und hoch, ein Frosch balzt hinterm Gästehaus Casa Toni laut am neuen großen Badeteich, in dem die Zierkarpfen träge ihre Runden ziehen. Und reden über Glück. Ein Glück, für das der 64-jährige Martin Suter ein geradezu beneidenswertes Talent geerbt zu haben schien. Was er anfasste, wurde zu Gold.

Seine Romane, in denen er die Helden in Situationen schickte, die er selbst nie durchlitten hatte, gern einsame, irgendwie aus der Zeit gefallene Kerle, die aus hoher Höhe abstürzten, die aus der Bahn kamen, die die Kontrolle, die alles verloren, diese Romane haben inzwischen eine geradezu simmeleske Gesamtauflage.

Die Filme, zu denen er die Drehbücher schrieb, "Giulias Verschwinden" etwa oder die gerade angelaufene nachtschwarze Komödie "Nachtlärm", retten dem Schweizer Kino die Bilanzen. Ein Musical auf der Grundlage seiner "Geri-Weibel"-Kolumnen ist das erfolgreichste Stück am Zürcher Schauspielhaus. Er schreibt Songs für Stephan Eicher, er wird gern zu allem befragt, was die Schweiz bewegt und die Weltwirtschaft.

Vor drei Jahren verunglückte der Sohn

"Bis vor drei Jahren", sagt Suter, "hab ich das mit dem Talent zum Glück auch geglaubt und hab den Neid der Götter zu fürchten begonnen." Die schlugen dann vor drei Jahren ziemlich gnadenlos zu. Und ließen Toni, den damals dreijährigen Adoptivsohn Suters und Bruder der jetzt sechsjährigen Ana, die heute Nachmittag aus der Schule kommt, sterben.

Von der Lüge, dass das Leben weiter gehe, nach so einem Ereignis hat Suter danach gesprochen. Und dass das nicht wahr ist. Das Leben geht nicht weiter, alles dreht sich nur im Kreis, um einen selber, die Trauer und um den einen Moment, den man in seinen Träumen immer wieder aufhalten, verhindern, verändern will.

Wie bei Peter Taler zum Beispiel, der Held in Suters neuem, zehntem Roman "Die Zeit, die Zeit". Dem hat einer die Frau erschossen. An einem Abend, an dem Peter zu Hause war, gekocht hat und die Tür zu spät öffnete, weil sie sich ein bisschen gekabbelt hatten und sie keinen Haustürschlüssel dabei hatte. Er ließ sie vor der Tür stehen, sie klingelte. Da traf sie ein Schuss. Und seitdem durchlebt der Buchhalter Peter Taler jeden Abend den gleichen Abend, nach dem gleichen Ritual. Und kommt nicht raus aus seiner Trauer. Viel zu verlieren hat er nicht mehr, denkt er.

Da trifft er einen, dem es ähnlich geht, und der die Zeit austricksen will, der überhaupt die Zeit als Ordnungsprinzip ablehnt und nur die Veränderung als – naja - zeitliches Gliederungselement zulässt. Der Nachbar von gegenüber. Der versucht, einen konkreten Abend im Jahr 1991 so exakt wie möglich zu rekonstruieren, damit nämlich soll sich ein Fenster in die Vergangenheit öffnen, in der man dann, was immer man möchte verändern kann.

Ganz oben auf der Romanideenliste

Die Anhänger eines (von Suter erfundenen) Zeitleugners namens Kerbeler glauben daran wie die Anhänger der (tatsächlich existierenden) Gravimotionstheorie. Der Nachbar reißt große Bäume raus, pflanzt kleine wieder ein, lässt Fassaden rückbauen in der kleinen, bürgerlichen Straße mit den hässlichen Häusern, geht zum plastischen Chirurgen. Und hat ein finsteres Geheimnis.

Die Idee, sagt Suter, trug er schon lange mit sich herum, sie stand ziemlich oben auf seiner Romanideenliste, um deren Abarbeitung er sich sonst nicht so kümmert, meistens das Gegenteil von dem macht, was er da oben anstehen hat. Die Zeit hat ihn seit seiner Jugend fasziniert. Möglicherweise weil er als Schaltjahrkind (er ist an einem 29. Februar geboren) gelernt hat, in längeren Zeiträumen zu denken. Vor allem die Vorstellung hat ihn fasziniert, man könne in ihr, durch sie reisen.

Je älter er wird, desto mehr gehen die Fantasien in ihm um. So einen Zeitreisenroman wollte er auch schreiben. Schon in Daniel Schmids Film "Jenatsch" hatte Suter als Drehbuchautor einen Journalisten mittels einer historischen Messingschelle ins 17. Jahrhundert reisen lassen, um einen Mord aufzuklären.

Im neuen Roman wird weniger weit gereist und bloß versucht ein bereits geschehenes Unglück zu verhindern, die Geschichte also umzuschreiben. Und Martin Suter wiederum versucht gar nicht erst, die Ideengeschichte von "Die Zeit, die Zeit" so umzuargumentieren, dass Tonis Unfall keine Rolle gespielt hat bei der Sujetwahl. "Natürlich ist es möglich", sagt er, "dass ich mich mehr mit der Zeit beschäftigt habe, seit dem Unfall. Natürlich steckt man in der Endlos-was-wäre-gewesen-wenn-Schleife."

Er hasst therapeutische Literatur

Man merkt, sagt er, jedem Autor das Leben halt an, er kann ja – selbst wenn er, wie Suter, permanent versucht, sich selbst herauszuhalten beim Schreiben – nie vollkommen raus aus seiner Haut. Mit Aufarbeitung hat das nichts aber nichts zu tun, sagt er, und nichts mit Trauerarbeit. Wenn er etwas wirklich hasst, dieser wohltemperierte, feine Mann an der anderen Seite des Tisches im grünen Schatten, dann therapeutisches Schreiben, "wenn ich merke, dass ich da nicht als entspannter oder gespannter Leser am Buch sitze, sondern mit dem Notizblock am Kopfende eines Sofas".

Wer nichts weiß von Toni, nichts von der Trauer, die durch die Seiten weht, für den ist "Die Zeit, die Zeit", einfach eine wie immer glänzend konstruierte, kontrollierte Geschichte, eine im kleinbürgerlichen aufblühende Orpheus-Paraphrase, in der alles Überflüssige weggelassen ist, die elegant klingt wie immer und doch eine ganz neue Tiefgründigkeit hat, die einen unwillkürlich durch einen verschwörungsreichen Plot zieht, das Absurdeste denkbar macht und dem Leser im Finale mit einer herrlichen Volte noch einmal ordentlich die Füße wegschlägt. Wer um Toni weiß, der hört den Suter im Taler und die Verzweiflung im Buch.

Man spürt Toni auch noch in Suters Haus, das seine Frau, die Modedesignerin und Architektin Margrith Nay Suter, mit Ausblicken, Farben; Materialien geradezu atemberaubend ausgestaltet hat. Er ist da, in Bildern und in Fotos. Aber es ist kein Mausoleum, wie "Die Zeit, die Zeit" keines ist und auch nicht Casa Toni, das Gästehaus mit dem Koi-Teich. Can Micolau ist ein tröstender Ort, ein sanft verschattetes Paradies.

Ein Topf Honig führte ihn zu seiner Frau

Das mit Ibiza ist übrigens eine lange Geschichte, eine glückliche, schöne. Die mit Guatemala, wo die Suters bisher die andere Hälfte des Jahres verbrachten und die Mehrzahl der Romane entstand, in Panajachel, einem Ferienort am Lago de Atitlán, in einem Kolonialstilhaus, geht schnell. Da haben sie mal Freunde besucht und sind dann hängen geblieben, weil es da Frühling war, während des ibizenkischen Winters.

Suter jedenfalls war mal, mehr als dreißig Jahre ist das her, auf Ibiza in der Wohnung eines Freundes, in der vorher eine Frau gewohnt hatte, die einen Topf Honig vergessen hatte. Suter hat ihn ihr gebracht. Nach Basel in ihre Boutique. Sie hieß Margrith Nay.

Sie kamen zusammen, 33 Jahre ist das her. Und dann war Suter, den man sich in jungen Jahren als eine Art Wunderkind der Werbung vorstellen muss, mit einem Mal Teilhaber der größten Werbeagentur der Schweiz und dachte, er sei reich. Die Agentur hat dann nicht lange gehalten, das mit dem Reichsein hat damals nicht so geklappt.

Das schöne Geld immerhin steckte in einem Haus in der Altstadt von Ibiza-Stadt. Und da wollte er, der immer schon Schriftsteller hatte werden wollen, endlich seinen Roman schreiben (den ersten richtigen, den ersten eigentlichen hatte er früher schon an Diogenes geschickt, was ihm – vollkommen zu Recht und zum Glück, sagt Suter – eine Absage einbrachte.

Mitte vierzig war er da. Wenn nicht jetzt, wann dann, sagte er sich. Und dann saß er da und schrieb. Und weil das Haus im Winter keinen Sonnenstrahl abbekam und es hundekalt sein kann auf Ibiza, saß er da, die Wolldecke um die Schultern und die Lammfellschuhe an den Füßen, die ihm sein feiner Bruder ein bisschen hohnlachend geschenkt hatte, und schrieb an "Small World", das inzwischen mit Gerard Depardieu verfilmte Debüt, das seinen zumindest deutschsprachigen Weltruhm begründete.

Vier Hektar, Oliven, Wein – er lebt im Paradies

Irgendwann wurden sie dann von der Landlust infiziert und verwandelten über die Jahre das verwahrloste Anwesen, in dessen Paradies gewordener Mitte wir jetzt sitzen, in eine makellose Idylle. Vier Hektar, genug Olivenbäume für mehr als 1000 Kilo Oliven, die Suter kaltpressen und deren Öl auf Flaschen ziehen lässt. Genug Reben für bis zu 600 Liter Wein, die Suter selbst keltert und in der Bodega hinten, die kühl ist und technisch, in Edelstahlfässern reifen lässt und abfüllt.

Cabernet Sauvignon war es zuerst, der erwies sich aber als zu arbeitsintensiv und kompliziert und anfälllig. Jetzt verschneidet er Syrah mit der typisch spanischen Monastrell-Traube. Die paar Tempranillo-Reben, die er auch noch hat, dienen eher der Rebhuhn-Verwirrung. Tempranillo wird früher reif, die Rebhühner schlagen sich die Bäuche voll. Und wenn dann der Syrah und der Monastrell reif sind, ist Jagdsaison und die Tiere "haben anderes zu tun, als meine Weingärten zu verwüsten".

Ein Bauer wird nicht mehr aus ihm werden. Ein Berserker, als den ihn manche in der Schweiz schon betitelten, ob seiner vermeintlich unaufhaltsamen Produktivität, aber auch nicht. Er arbeitet, sagt er, sicher weniger als der Durchschnittsschweizer. Acht bis zehn Stunden sitzt er oben und schaut aufs Meer in der Ferne (inzwischen schreibt er auch auf Ibiza). Tausend Wörter hat er sich als Ziel für den Tag gesetzt.

Nicht viel eigentlich. Und wenn er dann noch Zeit hat, schreibt er Songtexte oder Musicals oder Drehbücher. Zum Schreiben zwingen, muss er sich nicht, es fällt ihm leicht, fiel ihm auch in der Trauerzeit leicht. "Das ist halt meine Arbeit", sagt er. "Ich erlaube mir nicht die Möglichkeit, dass am Abend der Bildschirm noch leer ist."

Seine "Business Class"-Kolumne ist legendär

Seine Kolumne allerdings hat er nach 15 Jahren aufgegeben. Gerade noch rechtzeitig vor der Krise. Rechtzeitig, weil die doch alles übertrifft, was er sich jemals in seinen Kolumnen ausgedacht hat, und weil jetzt jeder über Wirtschaft schreibt. Es war die vielleicht bestbezahlte Kolumne im deutschsprachigen Raum. Als der Chefredaktor dann irgendwann kam und ganz vorsichtig fragte, ob es nicht ein bisschen, naja, billiger ginge, wusste Suter, dass es allmählich gut ist mit dem Kolumnenschreiben und hat die erste Kolumne zum günstigeren Tarif mit den Worten beendet, dass aus Kostengründen leider die Pointe habe entfallen müssen.

Er hat sogar eine Webseite gekauft – www.schlusspointe.com -, da, dachte er, könnte man ja dann für fünf Franken oder so, all die fehlenden Schlüsse seiner Texte abrufen, die er jetzt im Druck einsparen würde. Die Seite gibt's immer noch. Kürzlich erst habe man ihm ein Angebot gemacht. War jetzt nicht so der Rede wert.

Wir schlurfen über die rote Erde. Suter führt uns in die kühle, blitzeblanke Bodega. Da stehen Schnäpse, Selbstgebranntes - Angesetzte mit Zitronen (hatte ich die vollhängenden Zitronenbäume erwähnt?) und mit Lavendel. Da stehen die Kelter und die Stahlfässer, die auf den Herbst warten. Die Weinflaschen liegen nebenan. Suter gibt mir noch zwei Rote (einen Cabernet Sauvignon, einen Monastrell-Syrah) und eine Flasche Olivenöl auf den Weg.

Es ist früher Nachmittag. Ana kommt gleich aus der Schule. Für Martin Suter geht das Leben weiter im Paradies. Suters Haushälterin fährt mich durch Stein und Staub zurück.

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