26.08.12

"X-Factor"

16-jährige Enya überzeugt mit Leoparden-Pumps

Bei der Castingshow "X-Factor" trällern ein Tourette-Kranker, eine Blinde und eine Verkäuferin um die Gunst von Sarah Connor. Skurriler Höhepunkt ist der laszive "Cock"-Auftritt einer 16-Jährigen.

Foto: VOX / Det Kempke

Die neue X-Factor-Jury: H.P. Baxxter (v.l.), Sandra Nasic, Moses Pelham und Sarah Connor. Till Brönner und Das Bo sind nicht mehr dabei.

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"Scheiß auf Klamotten. Klamotten sind austauschbar. Stimme nicht", sagt Melissa aus Bochum, 22. Sie trägt Schlapper-Shirt, bisschen Hüftspeck, Brille und hat ungekämmte Haare. Und das, obwohl sie gerade dabei ist, sich als Popstar zu bewerben.

Die Verkäuferin ist ein prima Beispiel, dass auch in der dritten Staffel der Castingshow "X-Factor" die Stimme und nicht etwa ein niedliches Gesichtchen übers Weiterkommen entscheidet. Auch wenn sich an die letzten Gewinner Edita Abdieski und David Pfeffer kaum noch einer erinnern kann, geht die Star-Suche weiter.

Die erste Folge wurde am Samstagabend ausnahmsweise auf dem großen Schwesterkanal RTL ausgestrahlt, am Sonntag geht es wie gewohnt weiter auf Vox.

Neu ist die Backstage-Kamera, die die Reaktionen von Kandidaten, Freunden und Konkurrenten festhält: Als Melissa Heiduk vor ihrem Auftritt nervös umherläuft, sagt sie: "Ich habe schon Mega-Schweißflecken unter den Armen." Zu viel Info, aber auch authentisch.

"Sagt dir Karaoke überhaupt irgendwas?"

In ihrem sozial-ungeschickten Umgang mit anderen erinnert sie ein wenig an den sympathischen Kult-Nerd Sheldon aus der US-Comedy-Serie "The Big Bang Theory". Sie erzählt, dass sie eine Karaoke-Show moderiert. Als Juror Moses Pelham nachfragt, was denn genau eine Karaoke-Show sei, reagiert sie arrogant-patzig: So als ob er sie gerade gefragt hätte: 'Was Alf ist bloß eine Puppe und existiert nicht wirklich?'.

Sie blafft ihn an: "Sagt dir Karaoke überhaupt irgendwas?" Ihre Mutter und Freunde werden eingeblendet: Sie stehen mit Moderator Jochen Schropp im Backstage-Bereich. Sie lachen über Melissas Reaktion. Sie merkt, dass der Ton falsch war, entschuldigt sich.

Singen kann sie ziemlich gut und überzeugt mit "Breathe Easy" von Blue. Sie darf in die nächste Runde: Das sogenannte Bootcamp.

Till Brönner hat keine Zeit dafür

Zum ersten Mal können sich auch Bands bewerben. "Rune" aus Karlsruhe singen ganz in Weiß gekleidet und sehen aus wie eine Neuauflage der Backstreet Boys. Statt Mädchenherz-Pop interpretierten sie David Guettas "Titanium" in ihrer Rock-Dubstep-Version. Sänger Patrick streckt die Arme aus und dreht sich, als ob er gerade Flugzeug spielt. Zwischendrin schreit er rockerlaut ins Mikro. Rune ist eine Runde weiter.

Die Jury ist diesmal zu viert besetzt: So brauchen die Kandidaten dreimal ein X, um ins Bootcamp zu kommen. Alteingesessenes Jurymitglied ist nur die frisch brünett-gefärbte Sarah Connor. Rapper 'Das Bo' und Jazz-Star Till Brönner haben angeblich keine Zeit mehr für ihre Jury-Rolle.

Dafür entscheiden jetzt "Hyper, Hyper"-Legende H.P. Baxxter von Scooter, Guano-Apes-Frau Sandra Nasic und 3-P-Produzent und Musiker Moses Pelham. Pelham ist so freundlich gesinnt wie Samson aus der Sesamstraße. Fiese Sprüche à la Dieter Bohlen gibt es von keinem.

Zudem sind die Kandidaten weit über DSDS-Niveau: Es ist keiner dabei, der so gar nicht singen kann. Peinlich vorgeführt wird niemand. Selbst als man denkt, jetzt kommt gleich ein Fremdschäm-Moment, ist das nie so. Dabei hätten die Macher genug Außenseiter-Kandidaten zur Auswahl für schlimme Kitsch-Szenen.

Kein Ausschlachten von Krankengeschichten

"Auf der Bühne ist mein Tourette gelöscht", erzählt Andrew Steven Fischer (21) aus Hechingen. Er punktet nicht aufgrund seiner Krankheit, sondern mit Gitarre und dem Song von Pop-Poet Philipp Poisel "Wie soll ein Mensch das ertragen". Er klingt fast wie Poisels Zwillingsbruder.

Bei anderen Casting-Formaten hätten die Macher wahrscheinlich den technischen Zeichner beim schlimmsten Tourette-Anfall mit Ticks und Schimpfwort-Attacken gefilmt. Aber auch die Blindheit von Fabienne Bender (16) aus Malsch wird nicht unnötig ausgeschlachtet. "Meine Behinderung ist nichts besonderes", betont sie selbstbewusst.

Mit 13 sang sie sich bis ins Finale vom RTL-Supertalent. Mit extrem guter Stimme überzeugt sie die Jury mit "You've got the love" von Florence and the Machine. Moses Pelham kommen die Tränen. Das wirkt nicht aufgesetzt, sondern ehrlich begeistert.

Optisch ein Abercrombie&Fitch-Model

Colin Besserer begeistert vornehmlich optisch: Der 25-jährige Schweizer ist eine Mischung aus dunkelblondem Enrique Iglesias und Abercrombie&Fitch-Model. "Deine Frisur erinnert ein bisschen an Gomez", sagt Nasic ein bisschen verliebt. Connor bangt: "Hoffentlich macht er das gut".

Doch er singt nicht annähernd so schön, wie er aussieht. Colin ist enttäuscht und behauptet, sein Scheitern lag an der Jury. Als einziger an diesem Abend erhält er nicht einmal ein X. Sandra Nasic ruft ihm beim Abgang von der Bühne hinterher: "Aber die Frisur ist super."

Pelham starrt fasziniert wie fassungslos auf die Leoparden-Print-Pumps und dann auf die 16-jährige Besitzerin. Enya Maria Jost mischt Kleinmädchen-Unschuld (Füße und Knie sind nach innen gedreht) mit lasziven "Ich- fass-mich-an"-Bewegungen.

Cock, nicht Peacock

Sarah Connor urteilt: "Ganz schön sexy für 16." Sie ist sich nicht sicher, ob Enya weiß, wovon Katy Perrys Song "Peacock" handelt. Doch Enyas Choreografie spricht andere Worte: Sie streckt ihren Finger beim Refrain "Peacock, cock, cock" hoch und runter.

Und auch schon vor Connors nachträglicher Erläuterung wird klar, dass nicht Pfau (peacock), sondern Penis (cock) gemeint ist. Der Auftritt bringt Enya weiter, auch wenn Nasic von ihrem Gesang nicht überzeugt ist. Enya selbst betont aber: "Es kommt nicht nur aufs Singen, sondern aufs Gesamtpackage an." Sie ist der Gegenentwurf zu Nerd-Frau Melissa.

Zwischendrin gibt es kurze Spannungs-Szenen. Man sieht einen Mann hinter der Bühne in sein I-Phone heulen. Die Stimme aus dem Off sagt: "Wer hat einen gestandenen Mann zum Weinen gebracht?" Es ist J.J. Jobbaggy (39) aus Wien. Der Personal Trainer singt "One" von U2. Sein Weinen entpuppt sich als Freudentränen des Weiterkommens.

Zottelbart singt mit Audrey Tatou

Niedlich ist der Auftritt vom Chinesen Shuangzhou Liu (21), der in Lübeck studiert. Sarah Connor ist sein Idol, er covert ihre Ballade "Just one last dance." Er bekommt aber nur ein Sympathie-X von Connor und das Versprechen, dass sie ihn bei ihrem nächsten Konzert in Shanghai besucht.

In der Kategorie Gesangsgruppe treten Mrs. Greenbird aus Köln auf: Das Liebespaar Steffen (36) und Sarah (28). "Herz, sei bitte ein bisschen nett. Nicht so verschroben", warnt sie ihn.

Ein ungleiches Paar: Sarah erinnert an die zarte, französische Schauspielerin Audrey Tautou, Steffen ist Zottelbart-Träger. Als Steffen ihren Bandnamen erklärt, schaut Sarah leicht verängstigt. Er sagt: "Wir kamen von einem Gig nach Hause, da lag vor unserer Haustür ein grüner Papagei im Sterben." Der habe ihnen zugeflüstert, dass sie bei "X-Factor" mitmachen sollen.

Schräge Story. Aber sie überzeugen mit Alex Claires "Too close" wie schon Lucas Mohr (16) vor ihnen. Ihre hübsche Country-Folkpop-Interpretation überzeugt nur H.P. Baxxter nicht. Seine Begründung: "Zu speziell." Steffen lacht und sagt ironisch: "Ich wollte ja noch stampfen."

Vielleicht hilft ihnen ja tatsächlich mehr Beat-Einsatz, um den Scooter-Frontmann zu überzeugen. Morgen singen aber erst einmal die nächsten Kandidaten um ihr Weiterkommen.

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