24.08.12

Scheidender Xing-Chef

US-Netzwerke sind "bis zu acht Quartale voraus"

Xing-Chef Stefan Groß-Selbeck will noch nicht verraten, was er ab Januar 2013 macht. Momentan plant er die Übergabe des Netzwerkes an seinen Nachfolger und warnt ihn vor Linkedin.

Von J. Brouzos, T. Nowack
Foto: dpa

Xing-Chef Stefan Groß-Selbeck möchte Mark Zuckerberg nicht als Konkurrenten haben
Xing-Chef Stefan Groß-Selbeck möchte Mark Zuckerberg nicht als Konkurrenten haben

Die Welt: Herzlichen Glückwunsch! Sie haben den Absprung noch rechtzeitig geschafft.

Stefan Groß-Selbeck: Ich weiß gar nicht, wie ich auf diesen Glückwunsch reagieren soll. Wie meinen Sie das?

Die Welt: Sehen Sie keine Parallelen zwischen dem schwächelnden Netzwerk StudiVZ mit dem großen Konkurrenten Facebook und Xing mit dem internationalen Konkurrenten Linkedin?

Groß-Selbeck: Der Vergleich hat nun aber einen Bart.

Die Welt: Warum sollte sich Xing gegen Linkedin behaupten können?

Groß-Selbeck: Studi VZ hat mit Facebook einen Wettbewerber, den ich nicht haben möchte. Mark Zuckerberg ist ein Genie. Er hat in dieser kurzen Zeit mehrfach das Internet revolutioniert.

Die Welt: Was spricht noch für Xing?

Groß-Selbeck: Ein professionelles Netzwerk ist anders beschaffen. In einem privaten Netzwerk kommuniziert man mit den Freunden und der Familie. Die können rasch auf ein anderes Netzwerk wechseln. In der Geschäftswelt will man sich hingegen über die Hierarchien hinweg vernetzen, dazu muss man dem Netzwerk treu bleiben. Sicher ist Linkedin ein Wettbewerber, gerade international, aber wir sind sehr gut aufgestellt und wachsen stark.

Die Welt: Haben Sie Zahlen über ungenutzte Accounts? Es gibt sicher viele, die Xing nur für die Jobsuche nutzen.

Groß-Selbeck: Das ist völlig legitim. Unternehmen zahlen eine Menge Geld, um bei uns Talente zu finden. Unser Netzwerk lebt von der hohen Qualität der Profile und der Leute. Wir freuen uns darüber, wenn Mitglieder Xing stark nutzen - aber auch die, die das nicht tun, haben einen Wert für uns, da sie für Andere auffindbar und ansprechbar sind.

Die Welt: Was können Sie von Linkedin abschauen?

Groß-Selbeck: Die beiden Unternehmen beobachten sich gegenseitig sehr genau. Linkedin hat sich in den letzten Monaten im Recruiting gut entwickeln, das ist für uns Ansporn, unsererseits weiter Gas zu geben.

Die Welt: Interne soziale Netzwerke wie Yammer sind immer beliebter. Ist das eine Gefahr?

Groß-Selbeck: Es gibt den Trend, dass die Mechanismen der sozialen Netzwerke für die interne Kommunikation verwendet werden. Junge Mitarbeiter erwarten das. Hier besteht auch eine Chance für uns. Zum Beispiel integrieren wir uns mit einem neuen Recruiting-Produkt stark in Unternehmensprozesse. Als soziales Netzwerk bringt man ja nicht nur die Technologie mit, sondern auch die Nutzer. Wir können uns sicher Partnerschaften mit Unternehmen vorstellen, die interne Prozesse abbilden.

Die Welt: Was machen US-Unternehmen im Web anders?

Groß-Selbeck: Die USA sind in diesen Dingen rund vier bis acht Quartale voraus. Da Arbeitskräfte wegen der demografischen Entwicklung knapper werden, müssen etwa Personalabteilungen anders arbeiten. Anzeigen zu schalten und auf Bewerber zu warten reicht nicht. Die Unternehmen werden daher selber aktiv, sprechen Kandidaten an und bilden sich eine Community, auf die sie dann zugehen können, wenn sie Bedarf haben.

Die Welt: Für Facebook ist die steigende mobile Nutzung ein Problem, da sie die Werbeumsätze sinken lässt.

Groß-Selbeck: Wir leben nur zu einem kleinen Teil von Werbung. Der größte Teil kommt aus den Premiummitgliedschaften. Auch die Stellenanzeigen und Events tragen mehr zum Umsatz bei als die Werbung. Wir wollen außerdem von der mobilen Nutzung profitieren, da es gerade bei Stellenanzeigen und Events viele Anwendungsmöglichkeiten gibt.

Die Welt: Was wollen Sie nach Xing tun?

Groß-Selbeck: Das möchte ich noch nicht sagen. Mein Nachfolger ist seit einigen Tagen da und wir befinden uns mitten in der Übergabephase.

Die Welt: Macht Ihnen die Kursentwicklung bei Facebook, Groupon und Co. Sorgen?

Groß-Selbeck: Als Unternehmer darf man sich nicht von der täglichen Kursentwicklung beeinflussen lassen. Wenn man ein gutes Geschäft hat, liest man das auch im Aktienkurs ab.

Die Welt: Erkennen Sie eine neue Tech-Blase?

Groß-Selbeck: Die meisten Unternehmen verfügen über substanzielle Umsätze und anständige Gewinne. Die meisten Unternehmen wachsen. Die Frage ist nur, wie stark sie wachsen werden. Ich glaube nicht, dass diese Firmen verschwinden werden.

Die Welt: Welche Aufgaben hinterlassen Sie ihrem Nachfolger Thomas Vollmöller?

Groß-Selbeck: Wir haben uns in den letzten Jahren stark auf unsere Kernmärkte fokussiert, zudem haben wir immer wieder neue Geschäftsfelder aufgebaut. Das Geschäft in den bestehenden und in neuen Geschäftsfeldern weiter auszubauen ist sicher eine zentrale Herausforderung.

Die Welt: Haben Sie nun genug von Sozialen Netzwerken?

Groß-Selbeck: Mein wichtigstes Projekt derzeit ist, dass ich zum vierten Mal Vater werde.

Das Interview ist zuvor auf Handelszeitung.ch erschienen.

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