23.08.12

Geschäftsidee

Bezahlte Demonstranten – Miete Deinen Wutbürger

Werbestrategen, die Demonstrationen organisieren, Menschen, die gegen Bezahlung auf die Straße gehen und Vollzeitaktivisten,die hauptberuflich demonstrieren. PR, Satire, Lebensziel – wie ernst ist das Geschäft mit dem Widerstand?

Foto: AFP
Guy-Fawkes-Masken gehören mittlerweile zur Pflichtausstattung von Demonstranten
Guy-Fawkes-Masken gehören mittlerweile zur Pflichtausstattung von Demonstranten

Im Februar 2012 entschied der Frankfurter Flughafenbetreiber zu reagieren. Nach den ständigen Demonstrationen gegen den Westausbau des Terminal 1 engagierten Fraport, Lufthansa und Condor die PR-Agentur Burson-Marsteller.

Die Werbestrategen wurden beauftragt der breiten Protestbewegung aus Bürgerinitiativen und Blogger-Gemeinde etwas entgegenzusetzen. Bereits am 14. Februar präsentierte Burson-Marsteller die Kampagne "Ja zu FRA". Quasi über Nacht war eine Pro-Bewegung zum Flughafenausbau geboren.

Nicht etwa von "unten", entstanden aus dem Unmut der Gesellschaft heraus, tönte es aus den Lagern der Bürgerinitiativen. Die Gegner sahen in "Ja zu FRA" eher eine orchestrierte Ansammlung von Funktionären und Profiteuren des Ausbaus.

Als die "Initiative für den Luftverkehrsstandort Frankfurt" am 1. März 2012 eine Kundgebung organisierte, schienen die Grenzen von Protest und PR gänzlich zu verschwimmen.

Lufthansa rief ihre Vielflieger per Email zum Mitdemonstrieren auf, Fraport organisierte einen Bus-Shuttle, um die eigenen Mitarbeiter zur Kundgebung zu karren und Burson-Marsteller stellte vorgefertigte Transparente. Schnell wurde bei der Gegenpartei der Vorwurf bezahlter Demonstranten laut. Fraport-Sprecher Dieter Hulick winkte ab: Der Vorwurf sei "völliger Quatsch".

Eingekaufte Demonstranten für Pro-Acta-Demo?

Immer häufiger wird der Vorwurf gekaufter Demonstranten laut. Sei es in Stuttgart beim Bahnprojekt S21, wo sich die gegenüberstehenden Parteien zeitweise gegenseitig beschuldigten, unechte Demonstranten einzuspannen. Oder beim Reizthema Acta: Erst Ende April wurden dem Bundesverband der Industrie (BDI) und einer Berliner Werbeagentur vorgeworfen, sie hätten unter falschem Vorwand Demonstranten für eine Pro-Acta-Demonstration einkaufen wollen.

In keinem dieser Fälle bestätigte sich der heikle Verdacht. Einen Sündenfall gab es allerdings – im Dezember 2006 ließ die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) 170 gemietete Studenten und Arbeitslose für rund 30 Euro drei Stunden lang in weißen Arztkitteln vor dem Bundestag gegen die damalige Gesundheitsreform demonstrieren. Die KBV tat die Aktion als PR-Nummer ab, Politiker und Verfassungsrechtler verurteilten die Aktion allerdings.

Ungeachtet dessen gibt es im Internet Anbieter, die ganz offiziell mit dem Vermieten von Demonstranten Geld verdienen wollen. Auf www.demonstrantenmieten.de kann man seit Anfang April Demonstranten leihen. Benötigt man jemanden, der gegen Studiengebühren und Tempolimits protestiert?

Oder ist man eher auf der Suche nach dem klassischen Gegner von Globalisierung, Kapitalismus und Krieg? Jeder Demonstrant, der seine Dienste auf der Website anbietet, hat ein eigenes Profil. Zum Beispiel "Andi Anti". Andi demonstriert laut seinem Profil in Berlin und NRW, "ausschließlich gegen Atomkraft und Ölkonzerne und für die Energiewende und Öko-Strom". Das Honorar: zwölf Euro pro Stunde.

Für 150 Euro gegen Pelz und Tempolimit demonstrieren

Oder Jack W. Er geht in Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg auf die Straße. In seinem Profil gibt er an, dass er gegen Acta, Autobahnmaut, Pelzmäntel und Tempolimits demonstriert. Sein Tagessatz liegt bei 150 Euro und bei einer Demo gegen die CSU arbeite er sogar honorarfrei.

Tim Rohrer ist der Gründer der Plattform. "Die Seite ist eigentlich eine Satire". Da ein "eigentlich" auch ein "aber" impliziert, sagt er: "Die Demonstranten sind schon echt und auch buchbar. Aber ein ernsthaftes Geschäftsmodell steckt bisher noch nicht dahinter."

Tim Rohrer ist 32 Jahre alt und hauptberuflich Geschäftsführer seiner eigenen Online-Marketing-Agentur. Das sieht man der Seite an. Nettes Design, schicke Aufmachung, knallige Farben. Dazu eine in die Luft gestreckte Faust als markiges Logo samt knackigem Werbespruch: "So demonstriert man heute!"

Noch läuft das Geschäft nicht so richtig – gelegentlich kämen zwar ein paar Anfragen rein. Die seien dann aber "meist im Sand verlaufen". Trotz einiger amüsanter Fotos auf der Website, nur ein Spaß ist die Website nicht. Bevor "demonstrantenmieten.de" im April online gegangen ist, hat ein User namens "erleber" auf der Community-Seite von sueddeutsche.de eine Umfrage gestartet. "Erleber" fragte: "Haltet ihr es für ok, Demonstranten für Geld zu mieten um sich für eine gute Sache stark zu machen oder geht das gar nicht?"

"Eine asexuelle form der Prostitution"

Hinter dem User "erleber" steckt, das ist nach ein paar Klicks herauszufinden, Tim Rohrer. Zwei User antworteten. Einer schrieb: "Demonstranten zu mieten, ist eine asexuelle form der prostitution". Ein paar Tage später ging die Seite online.

Auch der Anbieter www.erento.com sucht das Geschäft mit dem Protest. Das Stichwort "Demonstrant" ist seit 2007 als Mietgegenstand ganz offiziell auf der Website gelistet. Sich selbst bezeichnet "erento" als der "weltweit größte Marktplatz für Mietartikel". Das im Grundgesetz verankerte Recht auf Versammlungsfreiheit wird hier neben Anhängern, Festzelten und Hüpfburgen angeboten.

Auf der Website steht: "Egal zu welchem Zweck, Demonstrantenvermietung ist schon längst kein Novum mehr. Demonstranten in vielen verschiedenen Regionen gehen für Ihre Anliegen auf die Straße und unterstützen Sie bei Ihren Vorhaben."

Neben diesem Werbespruch ist die Trefferliste allerdings leer. Auf Anfrage teilt der Vertrieb mit, dass es aber möglich sei, sich in die Kartei von erento aufnehmen zu lassen. Die Aufnahmegebühr: 238,80 Euro. 19,90 Euro im Monat. Dafür gibt es auf der Website von erento ein eigenes Profil mit drei Fotos und ein wenig Platz für Text. Der Kollege vom Vertrieb sieht das Profil schon vor seinem geistigen Auge. "Es wäre ja lustig ein Foto in Demonstrierpose einzustellen".

Seit 25 Jahren hauptberuflich Demonstrantin

Jemand, der weder Tim Rohrer noch ein Profil bei erento benötigt, ist Jutta Sundermann. Die 42-Jährige ist seit 25 Jahren hauptberuflich Demonstrantin. "Ich habe meinen Eltern noch den Gefallen getan, ein Einser-Abi hinzulegen und seitdem bin ich meinen eigenen Weg gegangen", sagt Sundermann. Schon als Schülerin hat sie sich für den Naturschutz eingesetzt. Und auch nach dem Abi hat sie die Straße nicht gegen einen Hörsaal eintauschen wollen. "Ich habe nicht gesehen, wie ein einziges Studienfach mich hätte befriedigen können", sagt Sundermann.

Sie ist Gründungsmitglied von Attac in Deutschland und demonstriert heute gegen Banken, Nahrungsmittelspekulationen, Gentechnik und vieles andere. Auch wenn Sundermann das Demonstrieren wohl weitaus ernster nimmt als "Anti Andi" oder "Jack W." - eine Parallele gibt es durchaus. Auch sie erhält Geld für ihre Demo-Einsätze. Jutta Sundermann ist eine von acht Vollzeit-Aktivisten der Bewegungsstiftung, eine sogenannte Bewegungsarbeiterin.

Die Bewegungsstiftung ist ein Kreis von 130 Stiftern, die ökologischen, sozialen und politischen Protest mit privaten Mitteln fördern. Das Gesamtkapital der Stiftung beträgt etwa fünf Millionen Euro.

Die Bewegungsarbeiter bekommen allerdings nicht einfach pauschal ein Bündel Scheine in die Hand, um dann plan- und ziellos zu demonstrieren. Zuvor müssen sich die Bewegungsarbeiter bei der Stiftung bewerben. Anträge dürfen höchstens 2000 Wörter haben, müssen in Schriftgröße elf verfasst sein und sollten mindestens einen 1,15-fachen Zeilenabstand haben.

900 Euro im Monat als alleinerziehende Mutter

Zudem müssen die Bewerber eine Kampagnenbeschreibung, einen Ausgaben- und Finanzierungsplan vorweisen. Das auf maximal zehn Personen ausgelegte Programm wird in Form von Patenschaften unter den Stiftern finanziert. Jutta Sundermann erhält von ihren Paten und weiteren Unterstützern etwa 900 Euro im Monat.

Als alleinerziehende Mutter nicht besonders viel. "Mein Freiheitsbedürfnis ist sehr groß", sagt sie und erzählt, dass sie es noch nie als Mangel empfand, Klamotten vom Flohmarkt zu kaufen.

Ihre Motivationsbekundungen klingen zunächst etwas schwammig. Sätze wie "Es war eine Lebensentscheidung" oder "Konsum ist Bäh" klingen zu klischeehaft nach einer Mischung aus 68er und Antikapitalist, als das sie wahr sein könnten. Doch nach einer langen Weile sagt Jutta Sundermann fast beiläufig: "Man kann nicht alles schaffen. Und man muss es aushalten, manche Dinge nicht ändern zu können."

"Was es gibt, sind ganz kleine Erfolge"

Es klingt auf eine gewisse Art geläutert und kämpferisch zugleich. "Was es gibt, sind ganz kleine Erfolge", so Sundermann und erzählt von einer wahrscheinlich für den Rest der Welt unbedeutenden Pflanze in den Tiefen des tropischen Urwalds am Amazonas, die nur durch ihre Hilfe erhalten werden konnte.

Die Stille nachdem sie das erzählt hat, ist rührend. Sie hält nicht lange an. Schnell spricht sie von viel wichtigeren Themen, wie Bio-Prospektion-Projekten und Index-Fonds, die Spekulationen um Nahrungsmittel ermöglichen.

Schon einige Male hat Sundermann gute Angebote für einen Job ausgeschlagen. Sie hält nicht viel vom großen Geld, wichtig für sie ist "zu informieren und etwas zu ändern", sagt sie. Jutta Sundermann erhält zwar Geld für ihren Protest. Doch für sie ist das Demonstrieren kein Geschäft, sondern eine Lebensaufgabe.

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