21.08.12

Integration

1400 Schüler in Berlin sprechen kein Deutsch

In der Hauptstadt steigt die Zahl der Schüler, die kein Deutsch sprechen. Der Senat plant, mehr Sprachmittler einzusetzen. Ein Konzept fehlt.

Von Regina Köhler
Foto: Massimo Rodari
Massimo Rodari
Lerngruppe: Sprachmittlerin Oana Bauer aus Rumänien bringt Benjamin, Emanuel und Annamaria (v.l.) an der Eduard-Möricke-Schule spielerisch deutsche Wörter bei

Am Anfang dieser Geschichte steht eine Zahl: 1400. So viele Kinder, die kein Deutsch sprechen, lernen zurzeit an den Berliner Schulen. 2011 waren es 1000, im Jahr davor 900. Ein Drittel dieser Kinder sind Roma, die mit ihren Familien aus Rumänien und Bulgarien in die Hauptstadt gekommen sind. Die anderen kommen aus Serbien, dem Libanon, aus Polen, und neuerdings auch vermehrt aus Griechenland und Spanien. Und die Zahl wächst weiter. Seit Rumänien und Bulgarien 2007 in die EU eingetreten sind, ist die Zahl der in Deutschland gemeldeten Roma um 125 Prozent gestiegen. Sie dürfte noch weiter zunehmen, wenn von 2013 an jeder EU-Bürger sich in jedem EU-Land ansiedeln kann, auch wenn er keine Arbeit hat.

Temporäre Lerngruppen

In der Hauptstadt sind vor allem die ohnehin stark belasteten Brennpunktschulen in Mitte, Neukölln, Reinickendorf und Tempelhof-Schöneberg von der Zuwanderung betroffen. An diesen Schulen führt die Integration der Kinder ohne Deutschkenntnisse die Schulleiter und Lehrer an ihre Grenzen. In temporären Lerngruppen – so die Idee der Senatsbildungsverwaltung – sollen die Kinder möglichst schnell wenigstens so viel Deutsch lernen, dass sie dem Unterricht zumindest annähernd folgen können und in den Regelklassen nicht untergehen. Doch oft fehlen Räume, von entsprechend ausgebildeten Lehrern ganz zu schweigen.

Vor allem die Roma-Kinder, die meist aus bildungsfernen Familien stammen und nicht selten noch nie in der Schule waren, müssen besonders gefördert werden. Sie brauchen Begleiter, die ihre Sprache sprechen und mit ihren Eltern kommunizieren können. Bislang sind aber viel zu wenige muttersprachliche Helfer an den Schulen. Viele Lehrer fühlen sich hilflos und überfordert.

Dominika aus Polen ist mit ihren Eltern vor acht Monaten nach Berlin gekommen. Deutsch sprechen konnte die Neunjährige damals nicht, inzwischen kann sie es schon ganz gut. Dominika wurde an der Hermann-Schulz-Grundschule in Reinickendorf eingeschult, dort besucht sie die dritte Klasse. Zwei Stunden jeden Tag hat sie zusätzlich Deutschunterricht, zusammen mit Serkan aus Bulgarien und den rumänischen Jungen Nemo und Adi. Bald werden noch fünf Erstklässler dabei sein.

"So macht der Wind"

Es ist Montagnachmittag, Dominika ist gerade mit Vorlesen dran. Aufgeregt setzt sich das Mädchen mit den rotblonden Locken neben ihre Lehrerin. Die klappt das Bilderlesebuch auf und hält ihr die Seite hin. Dominika fängt hastig zu lesen an. Sie möchte zeigen, was sie schon kann, aber auch möglichst schnell fertig werden. Dominika liest selbst schwierige Wörter wie Pirat oder Segelschiff ohne zu Stocken. Nur als vom Wind die Rede ist, weiß sie nicht weiter. Lehrerin Doris Stanicki bläst die Backen auf und pustet laut. "So macht der Wind", sagt sie und spricht dem Mädchen das Wort langsam und deutlich vor. Dominika nickt und liest noch einmal. Als sie fertig ist, klatschen die anderen. Das Mädchen ist die beste Schülerin in ihrer Gruppe.

An der Hermann-Schulz-Grundschule lernen zurzeit 20 Kinder ohne Deutschkenntnisse. Schulleiterin Brigitte Dietrich hat die Schüler entsprechend ihres Alters in zwei Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe hat täglich zwei Stunden Deutschunterricht zusätzlich, in allen anderen Stunden sind die Kinder in die Regelklassen integriert, um möglichst schnell im normalen Schulalltag anzukommen. An der Schule hoffen sie, dass dieser Weg der richtige ist. Sicher sind sie sich nicht. Die Lehrer haben zu wenig Erfahrung im Umgang mit Kindern, die keinerlei Deutschkenntnisse haben. Lehrerin Doris Stanicki, die für den Unterricht der Schüler ohne Deutschkenntnisse zuständig ist, ist zwar seit 22 Jahren im Schuldienst und weiß, was es heißt, Schülern das Lesen und Schreiben beizubringen. Eine Ausbildung für Deutsch als Zweitsprache hat die 62 Jahre alte Pädagogin allerdings nicht. Die Aufgabe, Schülern wie der kleinen Dominika in kürzester Zeit nicht nur Begriffe wie Wind, sondern den kompletten deutschen Wortschatz inklusive Grammatik beizubringen, ist selbst für gestandene Lehrer eine Herausforderung. "Ich werde mir alle Mühe geben, trotzdem bin ich unsicher, ob ich das schaffe", sagt Stanicki. Hinzu kommt, dass vor allem die Roma-Kinder nicht nur Deutsch lernen, sondern überhaupt erst sozialisiert werden müssen.

Noch immer kein Konzept

Reinickendorfs Bildungsstadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU) ist davon überzeugt, dass in nächster Zeit noch mehr Schüler ohne Deutschkenntnisse im Bezirk angemeldet werden. "Der Strom der Zuwanderer reißt nicht ab", sagt sie und kritisiert, dass die Bildungsverwaltung noch immer kein Konzept dafür hat, wie die Schulen auf die neue Herausforderung reagieren sollen. "Bisher sind die Schulen mit dem Problem weitestgehend alleingelassen worden", sagt Schultze-Berndt. Dabei hätten viele Einrichtungen schon genug damit zu tun, Kinder nichtdeutscher Herkunft und solche aus bildungsfernen Familien entsprechend zu fördern. Wenn dann noch viele Kinder hinzukämen, die kein Wort Deutsch verstehen, seien die Pädagogen schnell am Rande ihrer Möglichkeiten.

Wie Morgenpost Online erfuhr, will die Politik jetzt jedoch reagieren. So ist geplant, dass sich zusätzlich Lehrer bereithalten sollen, um bei Bedarf sofort temporäre Lerngruppen aufmachen zu können. Wie viele Lehrer das sein werden und wo die Bildungsverwaltung sie einsetzt, ist allerdings noch unklar. Fest steht bisher nur, dass der Senat in diesem und im kommenden Jahr jeweils 300.000 Euro für sogenannte Sprachmittler bereitstellen will. Ende August soll im Abgeordnetenhaus darüber abgestimmt werden. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) ließ bereits ausrichten, dass sie die Sprachmittler unmittelbar an den Schulen einsetzen will.

Ihre Sprecherin Beate Stoffers betont, dass der Zuzug von Kindern ohne Deutschkenntnisse nur schwer prognostizierbar ist. "Wir arbeiten eng mit der Integrationsverwaltung zusammen", sagt sie. Geplant sei deshalb ein städtischer Aktionsplan für die Eingliederung der betroffenen Familien. "Dabei geht es nicht nur um die Ausbildung der Kinder, sondern auch um die gesundheitliche Versorgung der Zuzügler und darum, wo sie wohnen können."

"Wir haben einfach keine Schulplätze"

Wie viel Sprachmittler in Berlin schon im Einsatz sind, kann Beate Stoffers nicht sagen. Bisher ist nur bekannt, dass Neukölln bereits im vergangenen Schuljahr elf solcher Betreuer eingestellt hat. Viel zu wenige für die 65 Schulen des Bezirks. Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) hofft deshalb, dass der Senat die Mittel für zusätzliche Sprachmittler nicht "mit der Gießkanne auf die Bezirke verteilt", sondern dort einsetzen wird, wo der Bedarf am größten ist. " Neukölln und Mitte haben einfach mehr Roma-Kinder an den Schulen als andere Bezirke", sagt sie. Der Zustrom dieser Familien halte weiter an. Allein von Januar bis August dieses Jahres habe ihr Bezirk 134 Kinder aus Rumänien und Bulgarien aufgenommen. Insgesamt seien in diesem Zeitraum rund 300 Schüler ohne Deutschkenntnisse zugezogen.

Wie groß die Herausforderung für manche Schulen ist, zeigt das Beispiel der Hans-Fallada-Grundschule an der Harzer Straße. Dort lernen derzeit 100 Roma-Kinder. Mehr kann die Schule nicht aufnehmen. Im Oberstufenbereich stehen in Neukölln momentan sogar 24 Schüler ohne Deutschkenntnisse auf einer Warteliste. "Wir haben einfach keine Schulplätze für sie", sagt Stadträtin Giffey.

"Schwer ist es mit den Eltern"

Eine der Sprachmittlerinnen, die bereits vor Ort sind, ist Oana Bauer. Sie arbeitet an der Eduard-Möricke-Schule an der Stuttgarter Straße. Dort sitzen inzwischen Schüler aus 96 Nationen in den Klassenzimmern. 50 der insgesamt 350 Kinder können kein Deutsch. Oana Bauer hat in Rumänien eine Lehrerausbildung für Rumänisch/Deutsch absolviert. "Das Schwerste ist die Arbeit mit den Eltern", sagt sie. Viele seien Analphabeten und würden kein Wort Deutsch verstehen. Sie müsse jede Nachricht der Schule übersetzen. "Sogar mit Briefen des Jobcenters sind die Eltern zu mir gekommen", sagt Bauer. Sie habe aber durchgesetzt, dass sie dafür nicht zuständig sei. "Schwer war es auch, den Eltern beizubringen, dass sie nicht einfach in den Unterricht platzen können, wenn sie ein Problem haben." Wie die Kinder müssten auch die Eltern die Regeln des sozialen Umgangs erst lernen. "Das ist harte Arbeit und neben dem Unterricht kaum zu schaffen." Bauer ist froh, dass in diesem Schuljahr eine zweite Sprachmittlerin dazu kommt.

Seit Beginn des Schuljahres arbeitet auch Dana Jelescu an der Eduard-Möricke-Schule. Die rumänische Diplomingenieurin lebt seit 2007 in Deutschland. Sie hat sich im Frühjahr bei der Neuköllner Bildungsstadträtin für die Arbeit als Sprachmittlerin beworben und wurde sofort eingestellt. Der Bedarf ist groß.

Schlecht bezahlt

Bauer und Jelescu sind froh über ihre Anstellung, kritisieren aber, dass sie schlecht bezahlt werden. "Unser Gehalt entspricht nicht unserer akademischen Ausbildung", sagt Dana Jelescu. Oana Bauer ärgert sich darüber, dass es offensichtlich einen großen Bedarf an rumänisch sprechenden Lehrern gibt, deren rumänische Abschlüsse aber nicht anerkannt werden.

Trotz aller Schwierigkeiten lieben die beiden Sprachmittlerinnen die Arbeit mit den Kindern. Beide sagen, dass sie jeden Tag spüren, wie sehr sie gebraucht werden. "Die Kinder sind dankbar dafür, dass es in der Schule jemanden gibt, der ihre Sprache spricht und ihnen hilft, sich zurechtzufinden", sagt Oana Bauer. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass ihre Schützlinge besonders motiviert sind. "Unsere Förderangebote während der Sommerferien waren ausgebucht", sagt sie. Und auch Lehrerin Doris Stanicki aus Reinickendorf schwärmt von ihren Schülern: "Den Kindern ist bewusst, dass die Schule eine große Chance für sie ist, entsprechend verhalten sie sich."

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