16.08.12

Intimfeindschaft

Warum Fischer nicht mit Westerwelle aufs Bild will

Weil sich Außenminister Guido Westerwelle und sein Vor-Vorgänger Joschka Fischer nicht leiden können, ist eine gute Idee geplatzt: Ein gemeinsamer Auftritt von fünf deutschen Chefdiplomaten.

Foto: dpa
Guido Westerwelle, Joschka Fischer
Ein Foto mit Seltenheitswert: der damalige FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle und der damalige Außenminister Joschka Fischer trauern gemeinsam um die Opfer der Terroranschläge in New York und Washington 2001

Es war im Mai, da äußerte Guido Westerwelle im Gespräch mit der Berliner Morgenpost eine interessante Idee. "Wenn sich jetzt Autoren, Künstler und andere als Botschafter Europas bekennen würden", sagte der Außenminister, "was wäre das für ein schönes Bekenntnis!" Sogar eine Überschrift hatte er schon für diese Wunsch-Initiative: "Ich bin Europa".

Das war natürlich nicht nur so dahin gesagt. Schon einige Monate zuvor hatte das Auswärtige Amt ein Strategiepapier mit dem Titel "Europa-Kommunikation 2012" erarbeit. Darin sind Wege beschrieben, wie das durch die Schuldenkrise angekratzte Image Europas mit einer breit angelegten Öffentlichkeitskampagne im In- und Ausland wieder aufpoliert werden kann.

Und das Konzept trug Früchte: Mehrere Stiftungen, darunter die Mercator- und die Bosch-Stiftung, setzten die Idee in die Tat um. Schauspieler, Sportler und Unternehmer wurden für die Pro-Europa-Kampagne gewonnen, Bundespräsident Joachim Gauck übernahm die Schirmherrschaft.

Joschka Fischer will nicht mehr mitmachen

Der Clou aber war ein ungewöhnlicher Fototermin. Alle noch lebenden deutschen Außenminister sollten sich gemeinsam fotografieren lassen, um jenseits der Parteigrenzen für die EU als eine über Binnenmarkt und Gemeinschaftswährung hinausgehende Kulturgemeinschaft zu werben.

Hans-Dietrich Genscher, Klaus Kinkel (beide FDP), Joschka Fischer (Grüne) und Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagten zu, sich mit dem aktuellen Amtsinhaber fotografieren zu lassen. Eigentlich sollte der Termin in dieser Woche über die Bühne gehen, musste dann wegen des Todes von Steinmeiers Vater aber verschoben werden.

Nachdem die Berliner Morgenpost nun über die Hintergründe berichtete, ist die nette Idee geplatzt: Joschka Fischer will nicht mehr mitmachen. Er wolle keine Werbung für Westerwelle machen, sagte der Grünen-Politiker der "Süddeutschen Zeitung".

Er begründete das so: Ursprünglich sei es um eine Kampagne für Europa gegangen, jetzt solle es eine Kampagne für Westerwelle werden. "Dafür mangelt es mir an Glaubwürdigkeit", sagte Fischer - und warf dem Auswärtigen Amt vor, die Initiative für sich "gekapert" zu haben.

Auf die deutsche Außenpolitik eingedroschen

Nun hat das Amt nichts gekapert, sondern im Gegenteil gemeinsam mit privaten Stiftungen etwas auf den Weg gebracht. Das ist nichts Ungewöhnliches, Fischer sollte das wissen. So arbeiteten das Ministerium und die Stiftung Mercator bereits im vorigen Jahr bei der Ausstellung "Kunst der Aufklärung" im Pekinger Nationalmuseum eng zusammen.

Westerwelle eröffnete die Gemäldeschau, die Stiftung organisierte die Veranstaltungsreihe "Aufklärung im Dialog" als wissenschaftliches Begleitprogramm.

Für die EU-Kampagne wurde Fischer nun von den Stiftungen Bosch und Mercator kontaktiert – und sagte zu. Davon will er jetzt nichts mehr wissen. Tatsächlich durfte schon seine ursprüngliche Bereitschaft als kleine Überraschung bewertet werden, schließlich sind sich der grüne Ruheständler und der liberale Minister in herzlicher Abneigung verbunden. "Guiiiido" und "Joseph", wie man sich gegenseitig spöttisch betitelt, sind Intimfeinde.

Fischer scherte sich seit Westerwelles Amtsübernahme nicht mehr um die diplomatische Gepflogenheit, dass Vorgänger das Wirken ihrer Nachfolger öffentlich nur zurückhaltend kommentieren. Der nun unter anderem als Publizist tätige Fischer drosch mit Zeitungsbeiträgen lieber ordentlich drauf auf die deutsche Außenpolitik – von Libyen über Syrien bis Europa.

Westerwelle gibt gern Fischer die Schuld

Und auch Westerwelle war nicht sonderlich zurückhaltend. Er gibt gern Fischer die Schuld daran, dass die Außenminister in der EU nichts mehr zu sagen haben. In der Amtszeit des Grünen wurde der Vertrag von Lissabon ausgehandelt, der die Diplomaten von den regelmäßigen Treffen der Staats- und Regierungschefs ausschließt. Auch für die Aufweichung der Euro-Stabilitätskriterien prangerte der Liberale die ehemalige rot-grüne Bundesregierung regelmäßig an.

Die Leidtragenden der wieder entfachten, alten Rivalität der beiden Politiker sind nun die Stiftungen. "Wir bedauern das sehr", sagte eine Sprecherin. "Das Bild der fünf Außenminister wäre ein starkes Motiv gewesen." Die Pro-Europa-Initiative soll aber trotzdem starten – notfalls eben ohne das symbolträchtige Foto.

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