16.08.12

Rufmord

Das nicht normale Ich des Krimiautors Steinfeld

Ein Fall von Wahrnehmungsstörungen: Der Kulturchef der "Süddeutschen Zeitung", Thomas Steinfeld, rechtfertigt sich für sein Skandalbuch "Der Sturm" – und empört sich über die Enthüllungen der Berliner Morgenpost.

Foto: S. Fischer
Thomas Steinfeld
"Halten Sie mich für einen Kindskopf?": Thomas Steinfeld im Interview mit dem Deutschlandfunk

Am Montagabend um 20.43 hat Kurt Kister eine Mail bekommen. Und seit Montagabend warten wir auf seine Antwort. Dabei ist die Frage, die wir zu beantworten baten, recht einfach. Wusste die Chefredaktion der "SZ", dass ihr Feuilletonchef unter Pseudonym einen Schwedenkrimi schreibt, in dem das Mordopfer ein fiktiver deutscher Chefredakteur ist, dessen Figur eng an den "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher angelehnt ist?

Wenn es so wäre, es wäre ein Skandal. Wenn nicht, wüsste man dennoch gerne, wie die "SZ"-Chefredaktion zu den Vorwürfen steht, die seit Dienstag früh den Medien- und Kulturbetrieb beschäftigen. Doch Kurt Kister, dem in den letzten Wochen auch andere Führungskräfte wie Heribert Prantl und Hans Leyendecker wenig Freude bereitet haben, schweigt beharrlich.

"Das ist jetzt nicht mein normales Ich"

Dafür spricht nun sein Feuilletonchef, was die Sache nicht unbedingt besser, aber definitiv lustiger macht. Auf die Frage, warum er für seinen Krimi ein Pseudonym gewählt habe, sagte Thomas Steinfeld dem Deutschlandfunk am Mittwoch, er habe beim Schreiben das Gefühl gehabt: "Das ist jetzt nicht mein normales Ich". Müssen wir uns also Sorgen um den Autor machen?

Mitnichten. Denn Steinfeld wurde beim Schreiben durchgehend kompetent betreut. Ein Münchner Arzt sei der Co-Autor des Romans, so erfahren die verwunderten Radiohörer weiter, ein Arzt, mit dem er sich "mehrfach über intellektuelle Themen unterhalten habe" und der sich sehr gut mit Krimis auskenne. Aus diesen Gesprächen sei die Idee zu "Der Sturm" entstanden.

"Halten Sie mich für einen Kindskopf?"

Die These des Berliner Morgenpost-Literaturkritikers Richard Kämmerlings, das Mordopfer sei Steinfelds früherem Chef Frank Schirrmacher nachempfunden, ist für Steinfeld "völliger Blödsinn" beziehungsweise: "Welch ein Unsinn!"

Auf die Frage, ob er nicht doch an Schirrmacher gedacht habe, während er einen Chefredakteur sterben ließ, der Genom-Feuilletons publiziert und Bestseller zur Überalterung der Gesellschaft und der Macht von Computernetzwerken schreibt – auf diese Frage reagiert Steinfeld sehr ungehalten. "Halten Sie mich für einen Kindskopf?" fährt er die Moderatorin an – das alles sei nur "eine radikale Verschwörungsfantasie" eines Berliner Morgenpost-Autors, der offensichtlich "ein Problem" habe.

Nur auf Schirrmacher treffen alle Charakteristika zu

Nun darf man den normal genervten Interviewgast Thomas Steinfeld nicht dafür haftbar machen, was sein nicht normales Ich gemeinsam mit einem Münchner Arzt verfasst hat. Und doch darf die Frage erlaubt sein, ob Steinfeld nicht auch nach Fertigstellung seines Krimi-Debüts an Wahrnehmungsstörungen leidet. Kein Journalist in Deutschland bezweifelt ernsthaft Kämmerlings' "Schirrmacher"-These – weil es, wie Iris Radisch in der "Zeit" schreibt, keinen anderen Chefredakteur in Deutschland gibt, auf den all die Charakteristika zutreffen, die Steinfeld seinem von Dachsen zerfressenden Mordopfer andichtet.

Vielleicht hat Steinfeld zumindest einen Kollegen von seiner Unschuld überzeugt: Kurt Kister. Auch wenn wir vielleicht nie davon erfahren werden – wir würden uns für ihn freuen.

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