16.08.12

"Der Sturm"

Steinfeld gesteht – aber nur die halbe Wahrheit

Der Feuilletonchef der "Süddeutschen Zeitung" bekennt sich zu seinem Pseudonym. Sein Mordopfer aber habe mit Frank Schirrmacher nichts zu tun, sondern trage "die Züge vieler Kulturjournalisten".

Foto: S. Fischer
Thomas Steinfeld
Seine Leiche sei keineswegs Frank Schirrmacher, sondern eine "abstrakte, idealtypische Gestalt": Thomas Steinfeld (Jg. 1954)

Der Verdächtige hat gestanden. Ja, so sagt er, ich habe in einem Roman einen einflussreichen deutschen Kulturjournalisten auf gewaltsame Weise zu Tode kommen lassen, und, ja, ich habe dabei die Maske eines Pseudonyms getragen. Doch das Opfer, das hätte der Ermittler falsch identifiziert. Es sei keineswegs Frank Schirrmacher, sondern gar keine "lebende Person", eine "abstrakte, idealtypische Gestalt". Also eigentlich ein Niemand.

Thomas Steinfeld, Feuilletonchef der "Süddeutschen Zeitung", wählt eine durchsichtige Strategie: Ohne Leiche kein Mord, und auch kein Rufmord. Tatsächlich sind die in einer schwedischen Scheune aufgefundene Überreste eines menschlichen Körpers für den normalen Dorfpolizisten nicht zu identifizieren. Dachse habe ihn so zugerichtet, dass nur noch ein Haufen Knochen, Knorpel und blutiger Stofffetzen herumliegen. Anhand der Autoschlüssel kommt die Polizei rasch auf Christian Meier.

Hauptlinie der Verteidigung

Dass in die Gestalt des Mordopfers "Züge vieler Kulturjournalisten eingeflossen seien", wie Steinfeld nun als Hauptlinie der Verteidigung in eigener Sache vorgibt, mag ja stimmen. Nur welche Züge sind das wohl? Dass dieser Meier vor seiner Verhackstückung "dunkelblond gelockt" war? Da kommen natürlich sehr viele Feuilletonisten in Frage.

Doch die diesem mächtigen Journalisten zugeschriebenen, mit apokalyptischem Ton gesetzten Debattenthemen, von der "Überalterung der Gesellschaft" über die "Zukunft der Roboter" bis zur Gentechnik und den Gefahren des Internets, werden in dieser Kombination nun einmal nur mit einem ganz konkreten Journalisten verbunden: mit Schirrmacher.

Steinfeld setzt auf die bekannte "Esra"-Strategie: Wenn jemand etwa an den üblen Seiten einer Romanfigur eine existierende Person erkennen wolle, dann, so die logische Spitzfindigkeit, dann tue dieser ihr Unrecht an, nicht der Autor, der sie ja gar nicht gemeint hat. Wie im Falle des Maxim-Biller-Romans die betroffenen Personen aber an einigen Details eindeutig identifizierbar sind, so deckt sich das journalistische Profil dieses Christian Meier eben nur mit dem "FAZ"-Herausgeber, alles andere ist juristische Lockendreherei.

Weitere Bosheit gegen die Konkurrenz

Klar, es heißt einmal, Meier leite bestimmt nicht die deutsche "New York Times", sondern eher die "New York Post", also eine Boulevard-Zeitung. Aber das ist eine weitere Bosheit gegen die Konkurrenz. Denn der Boulevard beschäftigt sich eher selten mit Demografie und Zukunftsforschung.

Die Enttarnung des Pseudonyms erfolgte ja unter anderem aufgrund der Merkwürdigkeit, dass hier ein unbekannter Schwede derartige Vernichtungsfantasien gegen Frank Schirrmacher hegen soll. So gerieten Konkurrenten des "respektierten Journalisten" (Steinfeld über Schirrmacher) in Verdacht. Ein Buch kann Fiktion sein und gerade so auf die Wirklichkeit zielen und verletzen wollen.

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