15.08.12

Kriminalfälle

Warum immer mehr Verlage ihre Autoren erfinden

Einst stand der Name S. Fischer für große Literatur. Heute macht er mit erfundenen Schriftstellern von sich reden, ein Trend, mit dem auch andere Verlage ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen.

Von Elmar Krekeler
Foto: privat
Wer ist dieser Schriftsteller? Er soll der Autor des Buches "Der Sturm" sein, dessen Namen der Verlag S. Fischer mit Per Johansson angibt
Wer ist dieser Schriftsteller? Er soll der Autor des Buches "Der Sturm" sein, dessen Namen der Verlag S. Fischer mit Per Johansson angibt

Es ist nicht sehr lange her, da gingen einem Roman seine Autoren verlustig. "Der Regler" hieß das Buch. Es sollte – das ist im Folgenden nicht ganz unwichtig – bei Scherz erscheinen, das ist beim Frankfurter S..Fischer Verlag das Imprint fürs Grobe, für die Unterhaltung. Angekündigt als Autoren waren die Gebrüder Andreas und Stephan Lebert, Chefredakteur der "Brigitte" der eine, Reporter der "Zeit" der andere. Journalisten eben, auch das wird im Folgenden eine gewisse Rolle spielen. Als der ziemlich coole, ziemlich schnelle Thriller dann ein paar Monate später auf den Markt kam, war von den Leberts keine Spur mehr zu finden. Ein gewisser Max Landorff firmierte als Autor.

"Der Regler" schaffte es – unterstützt, auch das muss an dieser Stelle erwähnt werden, von einer hochintelligenten, nicht ganz billigen und branchenmarketingpreisgekrönten Internetkampagne – ganz hoch in der Bestsellerliste. Geradezu eine Sensation für einen (noch dazu deutschen) Krimi-Debütanten. Das Erscheinen des zweiten Bandes "Die Stunde des Reglers" ist für nächste Woche angekündigt.

Im erfolgreichen Umgang mit dieser Regler-Mechanik haben es gerade die Holtzbrinck-Verlage inzwischen zu einer gewissen Virtuosität gebracht. Ob nun – wie bisher nicht dementiert – der S. Fischer-Verlagschef Jörg Bong im Holtzbrinck-Nachbarverlag Kiepenheuer & Witsch unter dem Pseudonym Jean-Luc Bannalec bretonische Krimis veröffentlicht, die mittels "Regler"-mäßiger Medienstrategie hoch in die Bestsellerlisten katapultiert werden. Oder ob Thomas Steinfeld, Feuilleton-Chef der "Süddeutschen Zeitung", bei S. Fischer unter dem Namen Per Johansson in seinem nächste Woche erscheinenden Krimi "Der Sturm" ein Frank-Schirrmacher-Double ermorden und von Tieren kleinnagen lässt – worauf eine Spur hinweist, die so breit ist wie die einer Elefantenherde im Urwald.

Die Angst vor den Kollegen

Darüber, warum gerade deutsche Journalisten und Literaturschaffende sich immer noch gern unter den vermeintlichen Schutz von Pseudonymen flüchten, wenn sie Kriminalromane schreiben, darüber ließe sich tatsächlich trefflich spekulieren. Der immer wieder geleugnete, aber nirgends wie im Goetheland ausgeprägte Graben zwischen Unterhaltungsliteratur und Belletristik spielt eine Rolle. Die Angst, von den hochmögenden Kollegen in Kritiken zerfleischt zu werden.

Die angesichts des inzwischen üblichen schreiberischen Niveaus überflüssige Vorstellung eines Matthias Altenburgs etwa, dass man sich für Krimis gewissermaßen in eine proletarischere Version seiner selbst verwandeln und deswegen umnennen müsse. Und die Idee, dass man, wenn man sich zum Beispiel die Haut eines Per Johansson überstreift, als im Brotberuf der Wahrheit und der Objektivität und der Faktizität und Überprüfbarkeit verpflichteter Journalist meint endlich zu dürfen, was einem auf seinen Zeitungsseiten zu Recht verboten ist – ordentlich austeilen, beleidigen, unter Verdacht stellen, sein Mütchen an ehemaligen Kollegen kühlen.

All das legt aber nur einen Teil des Phänomens offen, die Seite des Urhebers und dessen psychischer Verfasstheit.

Der Lektor schreibt selbst

Um dem eigentlichen und fast ein bisschen profanen Grund für derlei fadenscheiniges Versteckspiel auf den Grund zu kommen, empfiehlt es sich wiederum zu lesen. Ein Buch – fast jenseits der feuilletonistischen Wahrnehmungsgrenze. "Das Lächeln der Frauen" (Piper Verlag) heißt es. Es steht seit Wochen in der Spitzengruppe der Taschenbuchbestsellerliste und ist der vierte Roman des 1980 geborenen, in einer Buchhandlung am Pariser Rive Gauche arbeitenden und ziemlich schnuckelig aussehenden französischen Schriftstellers Nicolas Barreau.

Die herrliche Schnulze handelt unter anderem von einem Schriftsteller namens Robert Miller, Autor eines herrlich schnulzigen Buches mit dem Titel "Das Lächeln der Frauen". Ein scheuer Mann, dieser Robert Miller, sein französischer Lektor schirmt ihn gegen alle möglichen Zugriffe ergriffener Leserinnen ab. Aus gutem Grund. Robert Miller gibt es nämlich gar nicht.

Der Lektor – müde der Anfechtungen seines Verlegers, doch endlich auch einen Autor zu finden, der dem britischen Bestsellerlieferanten eines Konkurrenten das Auflagenwasser reichen könnte – hat sich, statt lange zu suchen, mit einem potentiell hysterischen Autor zu verhandeln und viel Geld für Übersetzer auszugeben, hingesetzt und sich seinen Bestseller kurzerhand selbst geschrieben. Er wusste halt selbst am Besten, was es zum Bestsellen braucht.

Man spart sich das Reisen

Die Miller-Methode scheint sich inzwischen im deutschen Verlagswesen massiv durchzusetzen. Ein Programmleiter eines wichtigen deutschen Verlags, der nicht namentlich genannt werden will, erzählt beispielsweise, viele seiner Kollegen hätten schlicht nicht mehr die Geduld, sich mit Autoren herumzuplagen, die sich als Schriftsteller selbstverwirklichen wollen.

Während früher, zu Hochzeiten des skandinavischen Krimiexportes Mitte der Neunziger etwa, Lektoren einen schlechten Stand hatten, wenn sie – angeblich um konkurrenzfähig zu bleiben, um mit dabei zu sein beim Boom – von Buchmessen ohne einen neuen Schweden oder Norweger zurück nach München oder Köln kamen, fängt man im Zeichen der Krise augenscheinlich an, das windige "Müssen-wir-auch-haben"-Prinzip auf eine finanziell schlankere Ebene zu bringen.

Man spart sich die Reisen, spart sich die Übersetzer, spart sich die Zeit fürs Scouten und Lektorieren und ruft seine Kumpels in den Zeitungen und den Verlagen an. Die können leidlich bis brillant, vor allem aber zielgruppen- und marktorientiert und schnell schreiben. Und pflegeleicht sind sie, Skrupel haben sie keine, sie arbeiten ja schließlich nicht unter Klarnamen. Man muss nur die Szene ein bisschen beobachten und die Plots und Autorennamen sorgfältig den Trends anpassen, die andere Verlage vorher gesetzt haben.

Lustig ist es kaum, das Spiel

Wenn nächstes Jahr ein China-Boom einsetzt, dann heißt der Kollege Schmidt, der gerade noch beinahe Philippe Miosec gehießen hätte, eben Lu Ying. Das eingesparte Geld investiert man – ohne Rücksicht auf die Schriftsteller, die man sonst so in der Saison verlegt – vor allem in die Werbung der pseudonymisierten Reißbrettbestseller, instrumentalisiert noch rasch wiederum ein paar Kumpels dieser Kumpels für die Berichterstattung in den Medien – und fertig ist der Bestseller.

So die Theorie. Im Fall von Bannalec hat das Spiel funktioniert, im Fall von Per Johansson soll es funktionieren.

Lustig ist es kaum, das Spiel. Nicht für ein Genre, mit dem man diese Form von Autorcamouflage anscheinend machen zu können meint und das ohnehin gerade von Teilen des Hochfeuilletons immer noch abschätzig abgetan wird. Nicht für die übrigen Schriftsteller in den jeweiligen Verlagsprogrammen, für deren Marketing nicht mehr viel übrig bleibt. Nicht für die Leser, die sich durch gefälschte Biografien, falsche Bilder in höchstem Maße veralbert vorkommen müssen und kaum mehr glauben können, was sie da sehen.

Wo bleibt die literarische Qualität?

Nicht auch für eine Branche, die sich als literarische Qualitätssicherungsanstalt in der anbrechenden, anarchischen Internet-Zukunft überflüssig macht, wenn sie die Ansprüche ihrer Leser auf Quellenwahrheit ähnlich unterläuft wie es im Rest des Netzes üblich geworden. Soweit weg nämlich sind "Jean-Luc Bannalec" und "Per Johansson" jetzt schon nicht von "Susi 76" oder "Hohlkopferkenner" oder "Roter Ritter" oder wie sonst sich Kommentatoren von Online-Artikeln nennen.

Seid nicht feige, Leute, möchte man den Landorffs und Johanssons zurufen, traut euch mit eurem Namen hervor hinterm Baum. Es geschieht euch nichts, die Kollegen-Shitstorms waren gestern. Und in einer Zeit, in der jeder zweite Hardcore-Belletristik-Roman einen Krimiplot hat, muss sich niemand mehr der Autorschaft eines Thrillers schämen.

Dafür, dass es auch anders geht, als mittels der Bannalecisierung von Titeln, gibt es Beispiele genug. Dass man sich als Verlagschef nicht schämen muss, Krimis unter Klarnamen zu schreiben, hat in den Neunzigern Veit Heinichen bewiesen, damals verlegerischer Geschäftsführer des Berlin Verlages.

Es geht auch anders

Dass man sich nicht Timo Soinvaara nennen muss, um als Autor finnischer Krimis glaubwürdig zu sein, zeigt Jan Costin Wagner, der in Langen/Hessen geborene Erfinder des melancholischen Kommissars Kimmo Joentaa. Es braucht halt Qualität und verlegerischen Atem. Dann kann man am Markt schon was durchsetzen.

Ach, übrigens: Der nette Monsieur Barreau, der mit dem "Lächeln der Frauen", ist natürlich auch zu hübsch, um wahr zu sein. Und wer immer von den vielen weiblichen Fans versuchen sollte, mit ihm Kontakt aufzunehmen, wird an seiner Lektorin scheitern. Aus gutem Grund. Die Lektorin Daniela Thiele hat ihn nämlich augenscheinlich erfunden. In Frankreich gibt es Barreaus Bücher nur auf Deutsch. Und wer Bilder der "Übersetzerin" Sophie Scherrer sucht, findet Bilder von Daniela Thiele. Sie erzählt also ihre eigene Geschichte. Auch diese "Täterin" will überführt werden.

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