11.08.2012, 08:49

Neu auf CD Die neue Amy Winehouse heißt Lianne La Havas

Lianne La Havas

Foto: Alex Lake / Warner

Lianne La Havas Foto: Alex Lake / Warner

Von Michael Pilz

Die BBC hat ihren Gesang zum „Sound of 2012” gekürt. Jetzt kommt Lianne La Havas mit ihrer ersten CD. Außerdem: Neuigkeiten von Nas und Angus und Julia Stone Stone. Und Fundstücke von Can.

Amy Winehouse galt als neue Billie Holiday. Die neue Amy Winehouse heißt Lianne La Havas. Eine 22 Jahre junge Sängerin aus London, die mit ihrer warmen Stimme auffällt und mit einem schiefen Dutt. Auch sie versucht den Soul der Sechziger- und Siebzigerjahre aufzufrischen. Ihr Debüt nennt sie "Is You Love Big Enough?" (Warner). Die Engländer bejahen die kokette Frage eifrig, 2011 bereits hatte die BBC ihren Gesang zum "Sound of 2012" bestimmt, und auch die Soulväter Amerikas haben Lianne La Havas öffentlich gesegnet.

Stevie Wonder hat sie im Konzert besucht. Prince hat bei seinen eigenen Konzerten ihr Lied "Lost & Found" von seinem Damenchor anstimmen lassen. Und das allerschönste ist: "Is Your Love Big Enough?" hält, was die Hysterie versprochen hat. Schon Amy Winehouse war ja eine Krisensängerin. Nicht nur in eigener Sache, auch im öffentlichen Auftrag. Bei ihr klang der Soul nach besseren Zeiten früher.

Bei Lianna La Havas, Tochter einer schwarzen Engländerin und eines Griechen, ist der Soul keine historische Musik mehr, sondern eine gegenwärtige und künftige, mit digitalen Mitteln angerichtet. Ein Stück Retro-Future-Funk heißt sogar aufmunternd "Forget". Lianne La Havas gönnt sich ein paar Scherze, um die Hörer aufzuheitern: In "No Room For Doubt" zweifelt sie an sich selbst. In "Age" beklagt sie sich über das Altern. Möge sie noch lange singen. (4 Punkte)

Nas: Life Is Good (Def Jam)

Was schert den Patriarchen sein Geschwätz von gestern, etwa seine Grabrede "HipHop Is Dead" vor sieben Jahren: Nas war immer groß und großartig darin, sich selbst zu wiederlegen. HipHop lebt. Das feiert er mit seinem zehnten Album. Es heißt "Life Is Good" und handelt, in gerappter Dialektik, von der Endlichkeit. Das Cover zeigt den Künstler selbst, bekümmert, mit einem zurückgelassenen Brautkleid auf dem Schoß. Weil Rap auch immer Tratsch ist, weiß man: Nas wurde geschieden, von der Sängerin Kelis. Es geht um die letzten Dinge, um die Liebe und das Leben. Nichts ist ewig.

Auch der Rapper Heavy D. wirkt mit auf "Life Is Good". Er war im Herbst 2011 verstorben. Dann tritt auch noch Amy Winehouse auf, um ihren erstes Todestag herum. 2006 hatte sie Nas bereits in "Me & Mr. Jones" erwähnt, dafür stand er ihr zuletzt in "Like Smoke" bei. Nas ereiferte sich über das Finanzwesen, sie wirkte abwesend, während die Welt sich draußen durch die Krisen quälte.

Heute weiß man: Es hat für ein weiteres Duett gereicht. In "Cherry Wine" fragt Amy Winehouse träge nach dem Mann, der sei wie sie. Nas redet sich heraus, lobt ihre Stimme und sagt, als sie still ist: "Life is good". Die Kunst ist größer als das Leben. (4 Punkte)

Angus Stone: Broken Brights; Julia Stone: By The Horns (EMI)

Man sieht eine schiefe Hütte auf der Hülle, und man hört die Hütte auch auf der CD, die in der Hülle steckt. Es ist das zweite Album des Australiers Angus Stone. Es klingt wie handgezimmert. Stone singt vor sich hin, von Holzstühlen und Vögeln, die auf Büffeln sitzen. Die bedeutsameren Zeilen stößt er durch die Nase wie Bob Dylan. Manchmal setzt er eine rostige Gitarre unter Strom, wahrscheinlich mit dem Dieselaggregat. Gelegentlich bläst er in ein verbeultes Flügelhorn, in Mundharmonika und Panflöte.

Wer bis jetzt noch kein Sommerhaus gebaut hat, baut sich keines mehr, verschiebt die Stadtflucht und hört sich die Stadt mit Angus Stone schön und dem zweiten Soloalbum seiner Schwester Julia. Gemeinsam bilden sie das singende Gespann der "Landlust"-Leser. Aber auch allein erfüllen beide ihre Auftrag, zuverlässig zwischen Baumblüte und Obsternte.

Während sich Angus um die Männer kümmert wie sie gern im Freien wären, karg und knorrig, hat sich Julia auf die Frauen eingespielt. Die Bilder zeigen sie im Heu oder auf einer Bank aus groben Eichenplanken. Sie umarmt ihre Gitarre wie die beste Freundin. Dazu singt sie wie ein Mädchen in den Sommerferien. Mehr kann man nun wirklich nicht erwarten an Klischees. (2 Punkte)

Modeselektor: Modeselektion Vol. 02 (Monkeytown)

Wer Vol. 01 sagt, muss auch Vol. 2 sagen. Als Gernot Bronsert und Sebastian Szary vor zwei Jahren ihre erste "Modeselektion" veröffentlichten, galt die Stückesammlung aus Bestandsaufnahme der Berliner Clubkultur. Wo Modeselektor dran- und draufstand, durfte unbeschwert gefeiert werden. Zwischen Berghain und Bar 25.

Auch der zweite längst fällige Teil erscheint als Dokument der Orte und der Zeit. Neben dem eigenen Tanzstück "Maik The Chicken" stellen Modeselektor Tracks von alten Freunden vor wie Lazer Sword und Prefuse 73. Mouse On Mars dürfen nicht fehlen, nachdem sie als Kölner in Berlin zu neuer Spielfreude gefunden hatten, angeregt von Bronsert und Szary. "Humoslab" klingt allerdings schon wieder fast so ziellos und vergrübelt wie ihre Elektrokunst früher im Rheinland.

Es wird wieder mehr experimentiert. Da hören Tracks sich an wie Rohrbrüche und Renovierungsarbeiten. Die Clublandschaft beklagt gerade Katastrophen wie Gentrifizierung, Gema, David Guetta und zu wenig Geld. Hier ist der Soundtrack. Phon.o etwa ist vertreten mit dem Beitrag "Fukushima" und dem Mantra "Save me!" (3 Punkte)

Can: The Lost Tapes (Spoon)

In Weilerswist bei Köln wurde die deutsche Popmusik durch Wertarbeit auf Weltniveau gehoben. Bereits in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren. Nur die Deutschen merkten davon lange wenig. Erst als sich verdiente Musiker aus Großbritannien und Amerika bei Can aus Weilerswist bedankten, Punks und HipHopper, erwärmte sich die Heimat für ihre geheimen Helden.

Zuletzt bauten Handwerker das Studio ab und wieder auf: Es steht heute im "Rock'n'Popmuseum" in Gronau. Dabei traten vergessene Tonbänder zutage. Dass die Fundstücke jetzt als "Lost Tapes" erscheinen, als verschollene Aufnahmen, wirkt etwas übertrieben. Hildegard, der Studiodrachen, hatte 35 Jahre über sie gewacht. Auch Can wussten von ihrer Existenz und den Begehrlichkeiten, hatten aber bisher keine Lust, sich 30 Stunden lang durch ihre eigene Musik zu hören.

Nun hat sie der Brite Daniel Miller überreden können. Stolz erklärt der Impresario der Firma Mute: "The Lost Tapes ist das beste Can-Werk aller Zeiten." Immerhin ist es das längste: Drei CDs laufen drei Stunden lang. Aber bereits nach wenigen Minuten, nach der Filmmusik zu Wolfgang Menges "Millionenspiel" treibt man beseelt in einem Fluss aus Beats und unergründlichen Geräuschen durch den Krautrock. Durch eine sehr deutsche Klanglandschaft. (5 Punkte)

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