10.08.12

Der "Fall" Drygalla

Die spezielle Faszination des "gefährlichen" Partners

Beispiel Nadja Drygalla: Warum sind Frauen mit Männern zusammen, die eine ganz andere Lebenseinstellung haben als sie? Es gibt eine besondere Faszination, sagt Diplompsychologe Michael Thiel.

Foto: DPA
Drygalla
Nadja Drygalla – sie teilt, so betont sie, die politische Ausrichtung ihres Freundes nicht

Der "Fall" Nadja Drygalla zeigt es: Ihre politische Einstellung war – nach eigener Aussage – eine ganz andere als die ihres Lebensgefährten Michael Fischer, der ehemals NPD-Mitglied war. Trotzdem sind die beiden noch ein Paar. Diplompsychologe Michael Thiel berät seit Jahrzehnten Frauen und Männer mit Beziehungsproblemen. Ein Gespräch über Paare, deren Lebenseinstellungen weit auseinander gehen.

Berliner Morgenpost: Warum ist eine Frau mit einem Mann zusammen, der so ganz andere Lebenseinstellungen hat?

Michael Thiel: Gegensätze ziehen sich am Anfang tatsächlich an: Wenn z.B. der eine Partner sehr schillernd ist, man selbst eher ruhiger, finden wir diese Anteile an der Person sehr attraktiv. Der Partner lebt sozusagen die Seiten meiner Persönlichkeit aus, die ich nicht besitze. Es gibt besonders Frauen, die finden "gefährliche, reparaturbedürftige" Partner faszinierend. Sie füllen deren Leben aus, sie machen sich den ganzen Tag über den Partner Gedanken. Und sie glauben: Wenn sie ihn nur genug lieben, wird er auch seinen "wahren, liebenswerten" Kern zeigen.

Berliner Morgenpost: Wie kann es sein, dass Nadja Drygalla mit Michael Fischer zusammen geblieben ist, obwohl sie, wie sie betont, seine politische Ausrichtung nicht teilt?

Thiel: Ich kenne beide nicht, kann mich nicht direkt zu ihnen äußern. Hier gilt aber der Satz von oben: Sie kennt ja seinen "wahren Kern". Und gerade Liebe in der Anfangsphase beschönigt vieles. Das ist die Macht der Hormone, die alles rosarot erscheinen lassen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Da wird vieles nur selektiv wahrgenommen.

Berliner Morgenpost: Sie hat seinetwegen sogar den Dienst bei der Polizei aufgegeben. Jetzt haben seine Aktivitäten ihrer sportlichen Karriere schwer geschadet. Kann das die Basis einer bleibenden Beziehung sein?

Thiel: Niemand darf in einer Beziehung sein Eigenleben, seine Wünsche und Ideale aufgeben. Wer nur Opfer bringt, nur in die Beziehung investiert, aber keine Gegenleistung erhält, wird unglücklich, macht den anderen für sein Unglück verantwortlich. Es gibt aber solche Nähemenschen, die den Sinn ihres Lebens nur darin sehen, den Partner glücklich zu machen, ihm die Wünsche von den Augen abzulesen. Diese Form von seelischer Abhängigkeit erlebe ich häufig in der Paartherapie.

Berliner Morgenpost: Was können Sie aus Ihrer Praxiserfahrung sagen? Gibt es viele Paare, die völlig konträre Vorstelllungen haben?

Thiel: Am Anfang: Ja! Deshalb kommen sie manchmal auch in die Beratung, um den anderen mit Hilfe des Psychologen zu verändern. Ich wäre aber ein schlechter Therapeut, wenn ich darauf reinfallen würde...

Berliner Morgenpost: Was empfehlen Sie denen? Wie können die mit ihren Gegensätzen zurechtkommen?

Thiel: Einen Menschen lieben heißt, nie mit ihm fertig zu sein. Ihn auch in seiner Andersartigkeit lieben und immer wieder neue Facetten in ihm zu entdecken. Ihn auch manchmal in seiner Andersartigkeit zu ertragen – eben weil man ihn grundsätzlich so liebt, wie er ist. Ansonsten heißt es täglich: Freiheitsräume abstecken, Differenzen ausdiskutieren, streit- aber auch kompromissfähig zu sein.

Berliner Morgenpost: Wie viele Gemeinsamkeiten braucht eine Partnerschaft?

Thiel: Gleich und gleich gesellt sich gern! Je mehr Gemeinsamkeiten, umso besser!

Berliner Morgenpost: Wie weit können die Unterschiede gehen?

Thiel: Geklärt werden muss: Wollen wir Kinder haben? Wie und wo wollen wir leben? Wie stellen wir uns unsere Zukunft vor? Wie sieht die "Machtverteilung" aus, was Finanzen angeht?

Berliner Morgenpost: Wo sind Ihrer Ansicht nach die Grenzen? Wann sind die Gegensätze nicht mehr tragbar?

Thiel: Wer nur durch faule Kompromisse, durch ständige Selbstaufgabe, durch permanente Zugeständnisse eine Beziehung halten kann, sollte schleunigst den Schlussstrich ziehen. Das sind Beziehungen, die krank machen können!

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Zur Person
  • Michael Thiel

    Der Hamburger Autor (mit Annika Lohstroh „Deutschland, einig Jammerland“, Gütersloher Verlagshaus; „Raus aus der Sackgasse!“, Droemer) und Diplompsychologe berät seit Jahrzehnten Paare mit Beziehungsproblemen

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