10.08.12

Medizin im Zwielicht

Organspende-Skandal gefährdet Spendebereitschaft

Politiker und Verbände warnen davor, die Manipulationen in Göttingen und Regensburg zu verallgemeinern. Doch der Schaden ist schon da: Einer Umfrage zufolge ist die Bereitschaft zur Spende gesunken.

Quelle: Reuters
09.08.12 2:01 min.
Bei einem Krisentreffen verständigten sich Ärzte, Kliniken und Krankenkassen auf ein Mehraugenprinzip. Bundesärztekammer-Präsident Montgomery forderte für effiziente Kontrollen mehr Geld und Personal.

Die Bereitschaft zur Organspende ist angesichts des Transplantationsskandals nach einer Umfrage stark gesunken. 45 Prozent der Bundesbürger haben Bedenken, sich als Organspender zur Verfügung zu stellen. 42 Prozent teilen die Bedenken nicht, wie aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa hervorgeht. 36 Prozent haben derzeit nicht vor, ihre Bereitschaft zur Organspende zu bekunden. Nur 30 Prozent haben dies vor.

In Befragungen anderer Institute vor einigen Monaten hatten noch rund zwei Drittel angegeben, dass sie sich prinzipiell vorstellen könnten, ein Organ zu spenden. Nur rund ein Fünftel (21 Prozent) wollte laut einer Forsa-Umfrage vom März keine Organentnahme nach dem Tod.

Die jüngsten Ankündigungen von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken zielen darauf ab, Vertrauen in der Bevölkerung wiederzugewinnen. In Göttingen und Regensburg wurden Patientendaten manipuliert. Nach Bekanntwerden des Falls entbrannte eine Debatte über die Organvergabe insgesamt. Nun sollen Kontrollen und Transparenz Manipulationen verhindern und Vertrauen stärken.

"Künftig werden Manipulationen schneller auffallen"

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, kündigte eine rasche Umsetzung der am Donnerstag vereinbarten strengeren Regeln an. "Ich gehe davon aus, dass sich die Zentren schon ab jetzt auf die angekündigten Maßnahmen einstellen und sie umsetzen", sagte er der "Rheinischen Post". "Wir werden das Vertrauen der Bevölkerung in die Organspende wieder herstellen können. Künftig werden Manipulationen schneller auffallen."

In der Umfrage geben 14 Prozent an, bereits einen Ausweis zur Organspende zu haben. Jeder fünfte weiß noch nicht, ob er sich bereiterklärt, oder macht keine Angaben. Nach der jüngsten Organspendereform werden die Krankenkassen bald Millionen von Briefen verschicken – die Aktion zielt darauf ab, die Spendebereitschaft deutlich zu erhöhen.

Vor dem Hintergrund der bekanntgewordenen Unregelmäßigkeiten glauben 69 Prozent der Bundesbürger der Umfrage zufolge, dass man in Deutschland mit viel Geld ein Spenderorgan wie Leber, Niere, Lunge oder Herz legal kaufen kann oder dies schneller bekommt. 19 Prozent glauben das nicht.

Söder – "Bitte weiter Ausweise ausfüllen"

Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) rief Organspender auf, sich durch die mutmaßlichen Manipulationen nicht verunsichern zu lassen. Söder, dessen Mutter Renate vor 18 Jahren nach schwerer Zuckerkrankheit im Alter von 56 Jahren in Folge von Nierenversagen gestorben war, sagte "Bild.de": "Die aktuellen Vorfälle müssen rasch aufgeklärt werden. Trotzdem bleibt die Organspende lebenswichtig. Keiner soll sich verunsichern lassen. Organspende rettet Leben. Daher bitte weiter Ausweise ausfüllen."

Der CSU-Politiker, der nach eigenen Angaben selbst mehrere Spender-Ausweise besitzt sagte: "Meine Mutter würde vielleicht noch leben, wenn es damals eine Spender-Niere gegeben hätte." Von ihm selber habe die Mutter eine Niere nicht annehmen wollen.

Stiftung warnt vor Verallgemeinerung

Günter Kirste, medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, sieht keine negativen Auswirkungen auf die Spendenbereitschaft in Deutschland. "Es gibt keinen dramatischen Abfall bei den Organspende-Zahlen", sagte er am Abend in der ARD-Sendung "Beckmann". Gleichzeitig warnte vor einer Verallgemeinerung der Vorfälle in Göttingen und Regensburg. "Wir haben keinen Organspende-Skandal. Wir haben den Skandal eines einzelnen Menschen, der an zwei Kliniken agiert hat."

Im vergangenen Jahr starben 1104 Patienten in Deutschland, während sie auf Organe warteten. Nur 1315 verstorbenen Spendern konnten - meist mehrere – Organe entnommen werden. Um die Spendebereitschaft zu verbessern, starten die Kassen demnächst eine groß angelegte Werbekampagne und schreiben ihre Versicherten an. Die Aktion geht auf neue gesetzliche Regelungen zurück, die vor geraumer Zeit beschlossen wurden.

Quelle: dpa/dapd/ks
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