08.08.12

Literatur

Hermann Hesse war nie peppig, fetzig, sexy

Zu seinem 50. Todestag wird Hermann Hesse wieder entstaubt. Doch seien wir ehrlich: Außer Behäbigkeit hat uns der große Provinzler der deutschen Literatur kaum noch etwas zu bieten.

Von Tilman Krause
Foto: akg
Hermann Hesse in der Casa Camuzzi / 1929
Vollgepumpt mit Weltanschauung, wie er als Abkömmling schwäbisch-pietistischer Missionare schon von Haus aus war, hat er zwar immer viel zu sagen, doch darauf, wie er es sagt, verwendet er zu wenig Aufmerksamkeit: Hermann Hesse (1877-1962) in Montagnola (Tessin)

Von George Bernard Shaw stammt der schöne Spruch: Wer mit zwanzig nicht Kommunist ist, hat kein Herz; wer es mit vierzig immer noch ist, keinen Grips. Ein bisschen so verhält es sich auch mit Hermann Hesse. Wer ihn in den Entwicklungsjahren nicht zu schätzen weiß, tendiert vielleicht gefährlich zum aalglatten Mainstream; aber wer ihn als Erwachsener immer noch toll findet, verfügt über zu wenig ästhetisches Empfinden.

In der Pubertät weiß man die Geschichten von Peter Camenzind und Hans Giebenrath, von Narziss und Goldmund oft zu schätzen, weil man sich oft selbst als ein solcher von Hesse beschriebener Einzelgänger empfindet: voller Fremdheitsgefühle gegenüber einer Gesellschaft, von der man dumpf ahnt, dass vieles in ihr nicht in Ordnung ist.

Die große "Lehre des Abraxas", die Hesse in seinem psychologisch reflektiertesten Roman, dem "Demian", entwickelt, dass wer ganz er selbst werden will, vorher eine Welt zerstört haben muss, mit anderen Worten die Aufforderung, "dagegen" zu sein: Dieses Herzstück allen Denkens und Schreibens Hermann Hesses hat ihm schon zu Lebzeiten die Sympathie, ja Gefolgschaft all derjenigen eingebracht, die sich mit den "Verhältnissen" nicht abfinden wollen.

Opfer verständnisloser Mächte

Wir wissen längst, dass Hermann Hesse sich selbst in dieser Attitüde außerordentlich wohl gefiel. Er fühlte sich von früh auf als Opfer autoritärer, verständnisloser Mächte. Schon seine für ihre Zeit erstaunlich liberalen, liebevollen Eltern schüttelten darüber den Kopf und wussten nicht so recht, was ihr Sohn ihnen eigentlich vorwarf.

"Unterm Rad", die Geschichte vom sensiblen Schüler Giebenrath wiederum, der am pädagogischen Drill zugrunde geht, hat schon bei Erscheinen dieses ersten großen hesseschen Erfolgsromans von 1906 die Sachlichen auf den Plan gerufen. Unisono versicherten sie, so grausam wie von Hesse geschildert, sei heutzutage kein Schulsystem mehr (schon gar nicht das im Klosterseminar zu Maulbronn, das die Folie abgibt).

Mit anderen Worten: Hesse war groß darin, einen Popanz von Feindlichkeit aufzubauen, den es zumindest in seinem eigenen Leben gar nicht gab – selten hat ein Autor so geradlinig seine Bahn ziehen können, von Frauen und Freunden, Kollegen, Kritikern und Verlegern behütet, ja verwöhnt und schließlich auch noch mit dem Literaturnobelpreis bekrönt.

Das alte deutsche Laster!

Aber das kann nicht der Haupteinwand gegen diesen Autor sein. Jeder Mensch und schon sowieso jeder Schriftsteller hat natürlich das Recht, ein Bild von sich zu entwerfen und zu kultivieren, das an der Lebenswirklichkeit vorbeigeht. Auch Hemingway glaubte bekanntlich, er sei ein Supermacho, dabei war er im Grunde eine Mimose. Thomas Mann wiederum empfand sich als skrupulösen, kränklichen Décadent und kann doch letztlich als grundsolider, machtbewusster Durchsetzer seiner umfänglichen Interessen gelten.

Nein, was zumindest den fortgeschrittenen Leser an Hesse unbefriedigt lässt, das ist sein mangelndes Formbewusstsein. Vollgepumpt mit Weltanschauung, wie er als Abkömmling schwäbisch-pietistischer Missionare schon von Haus aus war, hat er zwar immer viel zu sagen, doch darauf, wie er es sagt, verwendet er zu wenig Aufmerksamkeit.

Das alte deutsche Laster! Während um ihn herum die Schriftsteller alle möglichen Anstrengungen unternahmen, um die deutsche Sprache federn zu lassen, ihr gar impressionistisch, pointillistisch, expressionistisch Flügel zu verleihen, klebt an Hesse lebenslang der heilige deutsche Ernst eines Wissens "um" das "unsagbar Schwere" der menschlichen Existenz "hienieden". Nicht zu vergessen seine nur schwer erträgliche Larmoyanz: "Seltsam, im Nebel zu wandern! / Leben ist Einsamsein. / Kein Mensch kennt den andern, / Jeder ist allein."

Immer seriös und nie frivol

Hesse ist gemütvoll, nicht amüsant, immer seriös und nie frivol, gern wolkig-mulmig, keinesfalls jedoch prägnant, präzis. Als Lyriker ein Epigone Eichendorffs, in der Prosa behäbig auf den Spuren Gottfried Kellers wandelnd, kriegt er einfach nichts hin, was peppig, fetzig, sexy wäre. Selbst wenn er mal, was selten genug und eigentlich auch nur in seiner "Steppenwolf"-Zeit Anfang der Zwanzigerjahre vorkam, wenn er also einmal richtig die Sau rauslassen wollte, dann klang das einfach nur kitschig und verschwiemelt: "Tausend nie erlebte Schweinereien / Ahn ich sehnsuchtsvoll im Traum der Nacht."

Hesses Problem war wahrscheinlich, dass er sich mental nicht aus der Sphäre des deutschen Idealismus lösen konnte und dass er zeit seines Lebens kein Verhältnis zur Großstadt fand. Berlin, Paris, London, New York: Das alles befremdete ihn nur. Er war und blieb ein deutscher Provinzler aus Calw in Württemberg. Basel oder Zürich galten ihm schon als Metropolen. Und es fehlte ihm ganz und gar das Coole, Zynische, das zum Beispiel eine urbane Erscheinung wie Gottfried Benn aus dem Effeff beherrschte. Der hat bekanntlich mal gesagt (ein schönes, böses Wort): "Das Gegenteil von gut ist gut gemeint." Und Hesse hat's halt immer gut gemeint.

Man muss lange suchen, bis man zum Beispiel in seinem Künstlerroman "Gertrud" lustvoll gemalte schlechte Menschen findet. Was bei ihm dominiert, ist ein verstiegenes Gutmenschentum, das sich in gewundenen Sätzen ausdrückt. Wer Hesse liest, zieht Filzpantoffel an.

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Hesse in Zahlen
  • Werk

    Sein Werk ist in über 70 Sprachen übersetzt.

    Rund 125 Millionen Bücher wurden bis heute verkauft.

    Allein der Suhrkamp-Verlag setzt 350.000 bis 400.000 Hesse-Titel pro Jahr ab.

    Hesses am meisten verkaufte Bücher sind in Deutschland: „Siddhartha“ (3,7 Millionen Exemplare), „Steppenwolf“ (3,5 Millionen), „Unterm Rad“ (1,95 Millionen)

  • Briefe

    Neben Deutschland sind international Spanien, Südamerika, Italien, Korea und Japan Umsatzspitzenreiter.

    Hesse schrieb etwa 44.000 Briefe.

    35.000 Briefe hat er erhalten.

  • Rezensionen

    Er verfasste etwa 3000 Rezensionen, die in rund 50 deutschsprachigen Zeitschriften veröffentlicht wurden.

    Er hinterließ rund 4000 Aquarelle.

    Die Gesamtausgabe seiner Werke umfasst 14.000 Seiten in 20 Bänden.

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