08.08.12

Gesundheit

Wenn Kinder lebenswichtige Arzneien verweigern

Sie pressen die Lippen aufeinander oder schreien wie am Spieß: Kindern grässlich schmeckenden Hustensaft oder bittere Pillen zu geben, kann für Eltern nervenaufreibend sein. Die Tricks helfen weiter.

Von Carina Frey
Foto: pa
Beim der Verabreichung von Kindermedikamenten ist  nicht nur viel Geduld nötig, sondern auch extreme Vorsicht bei der Dosierung geboten
Beim der Verabreichung von Kindermedikamenten ist nicht nur viel Geduld nötig, sondern auch extreme Vorsicht bei der Dosierung geboten

Kranke Kinder sind eh schon schwierig. Und dann sollen sie auch noch grässlich schmeckenden Hustensaft trinken oder bittere Pillen schlucken. Eltern brauchen nicht nur eiserne Nerven, um nicht nachzugeben.

Ein paar Tricks helfen, Tropfen, Antibiotikasaft oder Zäpfchen zu verabreichen. Wichtig ist aber vor allem, dass Eltern Zeit und Geduld mitbringen - und dem Kind vermitteln: Es gibt keine Alternative zu Tablette, Saft oder Tropfen.

Einnahme ritualisieren

Wenn Kinder regelmäßig Medikamente nehmen müssen, lohnt es sich, daraus ein Ritual zu machen, rät Prof. Gerd Glaeske von der Universität Bremen. Beim Inhalieren bekommt der Nachwuchs zum Beispiel immer vorgelesen. "Dann hat das Kind etwas, worauf es sich freut, und das Inhalieren steht nicht mehr im Vordergrund."

Wie gut ein Kind Medikamente akzeptiert, hänge auch stark von der Haltung der Eltern ab, sagt Ulrich Fegeler vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte in Berlin. "Wenn Eltern sagen: 'Das riecht aber komisch', ist das nicht besonders unterstützend."

Auf keine Diskussionen einlassen

Auch sollten sie sich auf keine Diskussionen einlassen. Wenn ein Kind aber nur seine Augen zusammenkneift, ist das nicht schlimm. Mutter oder Vater geben die Tropfen in den inneren Winkel des geschlossenen Auges, sagt Erika Fink, Apothekerin in Frankfurt und Präsidentin der Bundesapothekerkammer. Macht das Kind die Augen wieder auf, fließe der Tropfen hinein. Sind beide Elternteile da, könne eines die Augenlider vorsichtig auseinanderziehen, der andere gebe die Tropfen ins Lid, rät Fegeler.

Muss das Kind Nasentropfen nehmen, sollte es leicht überstreckt auf dem Rücken liegen, empfiehlt Fegeler. "Drücken Sie ein Nasenloch von außen zu und geben Sie in das andere die Tropfen." Danach werde getauscht. Bei sehr kleinen Kindern rät Erika Fink, ein Wattestäbchen mit den Nasentropfen zu tränken und damit vorsichtig die Nasenschleimhaut zu benetzen.

Keine halben Zäpfchen

Zäpfchen können an der Spitze eingecremt werden, damit sie besser in den After gleiten. "Geben Sie kein halbes Zäpfchen. Wenn es vorne nicht angespitzt ist, tut es weh", warnt Fink. Muss das Zäpfchen doch halbiert werden, sollte es in der Länge durchgeschnitten werden.

Vor allem Säfte müssen korrekt bemessen werden. Studien zufolge passieren Eltern die meisten Fehler, wenn sie flüssige Medikamente mit Messbechern dosieren, so das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) auf seinem Verbraucherportal Gesundheitsinformation.de.

Menge dreimal kontrollieren

Deshalb gilt: Beim Dosieren immer im Hellen stehen und besser dreimal die Menge kontrollieren. Für Babys gibt es spezielle Einwegspritzen. Der Medikamentensaft wird aufgezogen und in den Mund gespritzt. "Sie müssen nur aufpassen, dass das Kind nicht würgt", warnt Fegeler.

Bei Arzneisäften gilt sonst grundsätzlich: Im Stehen schluckt es sich am besten. Bekommen ältere Kinder den Saft auf einem Löffel gereicht und schlucken ihn nicht vollständig, sollten Eltern es das nächste Mal mit zwei halben Portionen probieren, rät Fink.

Mit Getränken mischen

Oder sie mischen den Rest mit einem Getränk, das das Kind gerne mag, rät Prof. Glaeske, der unter anderem zu Wirkungen und Risiken von Arzneimitteln forscht. Zwar enthalten Fruchtsäfte und Tees Inhaltsstoffe, die mit den Wirkstoffen der Medikamente reagieren können - das ist der Grund, warum Tabletten grundsätzlich nur mit Wasser geschluckt werden sollten. Nimmt das Kind das Medikament aber partout nicht anders ein, könnten Eltern sich so behelfen.

Sicherheitshalber sollten sie aber vorher den Beipackzettel lesen. Einige Antibiotika dürfen zum Beispiel nicht mit Milch eingenommen werden. Den Restsaft in den Kakao zu kippen, ist daher tabu. Spuckt das Kind einen Teil des Medikamentensaftes wieder aus, ist das Pech.

Nicht nachdosieren

Eltern sollten in solchen Fällen nicht aus der Hand nachdosieren oder beim nächsten Mal einfach mehr geben. Schließlich wissen sie nicht, wie viel des Wirkstoffs im Mund gelandet ist. "Die Dosierung ist schnell zu hoch", warnt Prof. Glaeske.

Kinder wiegen weniger und Arzneien wirken bei ihnen viel stärker als bei Erwachsenen. Deshalb sollten Eltern den Kinderarzt unbedingt fragen, wie sie die Arznei richtig dosieren, und wie oft und lange das Kind sie nehmen muss, betont IQWiG.

Im Beipackzettel steht zum Beispiel zudem, ob das Medikament zu bestimmten Uhrzeiten, vor oder nach dem Essen oder mit viel Flüssigkeit eingenommen werden muss. Das Institut rät Eltern, einen Zettel auf die Verpackung zu kleben und aufzuschreiben, wann sie ihrem Kind das Medikament zuletzt gegeben haben.

Arznei nicht zu früh verabreichen

Doch nicht schon bei jedem kleinen Schnupfen sind Medikamente notwendig. Viele Eltern geben ihren Kindern zu früh und zu oft Arznei. "Ich beobachte, dass Eltern viel zu häufig Fieberzäpfchen, Schmerzmittel und abschwellende Nasentropfen verabreichen", berichtet der Kinderarzt Ulrich Fegeler.

"Vieles wird zu schnell gegeben", sagt auch Prof. Gerd Glaeske. Der häufigste Fehler sei, dass Eltern in den Medikamentenschrank greifen und eine Arznei nehmen, die noch herumliegt. Besser sollten sie abwarten, ob die Beschwerden von alleine abklingen - und andernfalls erst zum Arzt gehen.

Mehr Informationen zum Thema:

Quelle: dpa/oc
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