06.08.12

Paradigmenwechsel

Union debattiert Ehegattensplitting für Homosexuelle

13 CDU-Abgeordnete fordern – mit Unterstützung der Fraktionsspitze – die steuerliche Gleichstellung homosexueller Paare. Das bedeutet einen überraschenden Paradigmenwechsel.

Foto: DPA
Portugal: International Day Against Homophobia
Ein lesbisches Paar küsst sich. Steuerlich ist die eingetragene Lebenspartnerschaft der Ehe in Deutschland noch nicht gleichgestellt

Der Union steht überraschend eine weitere kontroverse Debatte in Haus. Nach der Sommerpause soll die Fraktion über eine Ausweitung des Ehegattensplittings auf eingetragene Lebenspartnerschaften von Homosexuellen debattieren. Nach Informationen von "Berliner Morgenpost" wird die Fraktionsführung das Thema sogar selbst zur Diskussion stellen. Damit reagiert sie auf einen Vorstoß von 13 CDU-Abgeordneten, die in dieser Frage eine Kurskorrektur anmahnen.

Begonnen hat alles bei den Abgeordneten Elisabeth Winkelmeier-Becker und Ingrid Fischbach. Die erste bezeichnet sich als "einfache Abgeordnete im Familienausschuss", die zweite verantwortet als stellvertretende Fraktionsvorsitzende die Familienpolitik ihrer Fraktion. Die zwei Politikerinnen wurden aktiv, nachdem das Bundesverfassungsgericht vor einer Woche entschied, homosexuelle Beamte, Richter und Soldaten in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft im Besoldungs- und Versorgungsrecht mit Ehegatten gleichzustellen.

"Das Verfassungsgericht hat nicht zum ersten Mal in diese Richtung entschieden und absehbar auch nicht zum letzten Mal", sagt Winkelmeier-Becker. Dies dürfe die Politik aber nicht abwarten: "Wir sollten uns nicht zu etwas zwingen lassen, was wir eigentlich selbst für richtig halten." Die Ansicht, das Gesetz solle eingetragene Lebenspartnerschaften genauso behandeln wie die Ehe zwischen Frau und Mann, werde längst von vielen Unionsabgeordneten geteilt.

Gemeinsame Erklärung

Immerhin 13 Parlamentarier, die gezielt von Winkelmeier-Becker und Fischbach angesprochen wurden, haben sich dieses Anliegen jetzt auch öffentlich zu Eigen gemacht. Vor allem Familienpolitiker und Abgeordnete aus Großstädten sind darunter, der bekannteste ist wohl der junge gesundheitspolitische Sprecher Jens Spahn.

"Wir sprechen uns dafür aus, nun endlich auch die steuerliche Gleichstellung von eingetragenen Lebenspartnerschaften als unsere eigene politische Entscheidung umzusetzen." schreiben die Abgeordneten in einer gemeinsamen Erklärung. Und weiter: "Wir haben uns im Koalitionsvertrag zur Ausgewogenheit von Rechten und Pflichten von eingetragenen Lebenspartnerschaften verpflichtet. Lebenspartner wie Ehegatten tragen die gegenseitigen Unterhalts- und Einstandspflichten füreinander, insofern ist das Steuersplitting auch für Lebenspartnerschaften nur konsequent."

Anteil der Eltern unter Profiteuren umstritten

Bisher hat die Union freilich eine andere Position vertreten. Noch vor zwei Jahren blockierte sie eine von der FDP-Justizministerin geplante Gleichstellung im Dienst- und Steuerrecht. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) erklärte damals, die "Förderung der Ehe, insbesondere im Hinblick auf ihre bleibende Bedeutung als typische Grundlage der Familie mit Kindern" bleibe ein hinreichender "Differenzierungsgrund".

Beim Ehegattensplitting werden Mann und Frau gemeinsam beim Finanzamt gemeinsam veranlagt – daraus ergibt sich, vor allem bei hohen Einkommensunterschieden zwischen den Eheleuten, eine Steuerersparnis.

Diese wird damit begründet, dass das Grundgesetz die Ehe zwischen Mann und Frau besonders schützt. Außerdem kommt die Regelung vor allem Ehepaaren mit Kindern zugute, bei denen ein Elternteil für die Betreuung des Nachwuchses auf ein eigenes Einkommen verzichtet.

Umstritten ist allerdings, wie hoch der Anteil der Eltern unter den Profiteuren tatsächlich ist. Während das Finanzministerium ihn vor zwei Jahren noch mit 90 Prozent beziffert, behaupten Befürworter der Gleichstellung, nur 70 Prozent der durch das Steuersplitting geförderten Ehepaare hätten Kinder.

Kauder will Thema selbst einbringen

Die jetzt initiativ gewordenen CDU-Abgeordneten haben einiges getan, um die in der Union traditionell schwer umstrittene Frage zu entschärfen. So beziehen sie sich nur auf die steuerpolitische Gleichstellung von Ehe und homosexueller Lebenspartnerschaft. Ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare fordern die Abgeordneten nicht. Winkelmeier-Becker sieht der Debatte deshalb hoffnungsvoll entgegen: "Wir wollen ja nicht in der nächsten Woche abstimmen, sondern erst einmal eine Diskussion in Gang bringen. Vielleicht gelingt es ja, mit sachlicher Befassung alte Reflexe auszuräumen."

Auf keinen Fall soll Streit entstehen, wie er um das Betreuungsgeld geführt wird. Deshalb war die Fraktionsspitze von der Aktion der 13 Abgeordneten auch vorab informiert und will die Debatte auch selbst betreiben. Wie "Berliner Morgenpost" erfuhr, plant der Fraktionsvorsitzender Volker Kauder (CDU) sogar, das Thema in einer Fraktionssitzung nach der Sommerpause selbst einzubringen.

Kontrovers dürfte der Streit dennoch werden, zumal sich auch hier ein Schisma zwischen den Unionsparteien andeutet. Anders als Familienministerin Kristina Schröder (CDU) ist ihr bayerische Kollegin Christine Haderthauer (CSU) eine erklärte Gegnerin der Gleichstellung von homosexueller Lebenspartnerschaft und Ehe. Ähnlich verlaufen die Fronten auch in der Fraktion. Das zeigt sogar die Initiative selbst. Die 13 Abgeordneten gehören nämlich alle der CDU an, einen Parlamentarier der CSU konnten sie für das Thema nicht gewinnen.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Alle Hoffnungen ruhen auf ihr: Cascada tritt für Deutschland an
17.05.13ESC 2013
Eurovision Song Contest - Die Teilnehmer und ihre Chancen

Am Sonnabend tritt Cascada mit ihrem Dance-Song "Glorious" für Deutschland beim Eurovision Song Contest in Malmö an. Bei den Buchmachern stehen aber Dänemark und Norwegen ganz vorn. mehr...


Monumental: Anish Kapoor steht in seiner Installation aus Wachs „1st Body“
07:34Ausstellung
Starkünstler Kapoor zeigt sein Universum im Gropius-Bau

Tonnenschwere Installationen: Starkünstler Anish Kapoor aus London bespielt den Martin-Gropius-Bau mit spektakulären Großskulpturen aus Wachs, Pigmenten und PVC - seine erste große Schau in Berlin. mehr...


Hoch hinaus: Breakdancer am Blücherplatz stimmen auf das Multi-Kulti-Fest ein
07:36Karneval der Kulturen
Kreuzberg ist bis Pfingstmontag wieder die Bühne der Welt

Der Karneval der Kulturen hat mit dem obligatorischen Straßenfest am Blücherplatz begonnen. Höhepunkt ist wieder der große Umzug am Pfingstsonntag. Dazwischen machen viele Events Kreuzberg schön bunt. mehr...


Knut Hechtfischer (li.) und Frank Pawlitschek haben Ubitricity gegründet
11:17Elektromobilität
Warum Ubitricity Berlins liebstes Öko-Start-up ist

Das junge Duo entwickelt Ladegeräte für E-Autos. Damit wollen sie Berlins Straßenlaternen ausrüsten. Von der Idee ließ sich auch ein namhafter Investor wie Ex-Bahnchef Heinz Dürr locken. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
Parlament Bundestag debattiert über Atommüllendlager
Cannes Emma Watson spielt Kriminelle in Coppolas Film
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Großeinsatz

Feuer in Berliner Autowaschanlage

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote