03.08.12

Hans Eichel

Der Ex-Finanzminister und die Documenta

Der ehemalige Bundesfinanzminister Hans Eichel führt in Kassel Besucher über die Documenta – mit Begeisterung. Schon als Kind war er bei der ersten Ausstellung dabei.

Foto: DPA
documenta (13) - Hans Eichel
Hans Eichel (r.) bei einer Führung durch die Documenta

Beim Anblick der Neun-Zylinder-Motoren kann Hans Eichel seine Begeisterung nicht zügeln. "Hier, sehen Sie sich das einmal an", platzt es aus ihm heraus, "das ist ein technisches Kunstwerk, ein toller Sound, außerdem unglaublich ästhetisch."

Thomas Bayrle heißt der Künstler, der aus Porsche-Motoren Exponate gemacht hat. Deren Knattern untermalt Beyrle mit betenden Stimmen, aufgenommen in Frankfurter Kirchen. In der Documenta-Halle dringen sie nun aus Lautsprechern, während der Motor schwungvoll arbeitet. "Wird hier Technik angebetet?", fragt der Oldtimer-Fan Eichel, "oder verherrlicht Technik sich selber?"

Eine Antwort gibt er nicht. Das widerspräche der Philosophie dieser Documenta, die Gewissheiten infrage stellt und ihre Besucher mit Fragn konfrontiert sehen will. Hans Eichel, ehemaliger SPD-Bundesfinanzminister, früherer hessischer Ministerpräsident und davor 16 Jahre lang Oberbürgermeister von Kassel, führt über die Documenta. Noch bis in den September ist er "weltläufiger Begleiter" der größten Ausstellung zeitgenössischer Kunst.

Eichel ist kein Kunsthistoriker, und er nennt sich nicht einmal einen Experten für Gegenwartskunst, auch wenn ihn diese neben Architektur und Design seit Kindestagen fasziniert. Nein, Eichel führt als Zeitzeuge über die Documenta, und wenn er einmal loslegt, dann erweist er sich schnell als ein wandelndes Lexikon.

Eichel blieb Kassel treu

Gerade einmal 13 Jahre alt war der Kasseler Architektensohn, da besuchte er mit seinen Eltern die erste Ausstellung. Im Jahre 1955 war das, von den Nazis als "entartet" verunglimpfte Kunst wurde damals ausgestellt.

Seither hat Eichel alle Documenta-Ausstellungen besucht. Zu jeder von ihr fallen ihm Anekdoten ein, 15 Jahre lang saß er schließlich dem Aufsichtsrat der Documenta vor. Viele Namen fallen, manchmal entfährt Eichel ein "typisch!", wenn er von Mitstreitern redet, und die diesjährige Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev ist für ihn wie selbstverständlich "CCB".

Eichel, das wird schnell klar, mag die Feministin und Anhängerin des Kein-Konzept-Konzepts. Und er blieb der Documenta und Kassel treu, auch in den Jahren 1999 bis 2005 als Bundesfinanzminister in der rot-grünen Koalition, als er zu Tagungen des Internationalen Währungsfonds oder G-8-Gipfeln um die halbe Welt reiste und – je nach Haushaltslage – als "Hans im Glück" oder "blanker Hans" etikettiert wurde.

Sein "Standbein" nennt er die Heimatstadt, wo er in einem Viertel lebt mit kleinen Läden, Antiquitätenhändlern und vielen Grün-Wählern. Die Wohnung in Berlin-Mitte sei lediglich sein "Spielbein".

"Hallo Hans"

Doch zurück zur Documenta. Während er über den Friedrichsplatz läuft, nestelt Eichel einen roten Ausweis aus der Jeans, der den Minister a. D. samt Passfoto zum Mitarbeiter macht. "Maybe Education", Vielleicht Vermittlung betreibt Eichel auf der Documenta. Er legt sich das grüne Band, an dem der Ausweis baumelt, um den Hals.

"Na, Sie wollen sich wohl ein Zubrot verdienen" spricht ihn ein Rentner mit weißem Haar an. "Hören Sie mal, ich mache das ehrenamtlich", weist Eichel den Mann freundlich, aber unmissverständlich zurecht. Natürlich, Eichel wird von vielen Menschen entdeckt, "Hallo Hans" ist das eine oder andere Mal zu hören. Da, die ältere Dame, sie war einmal Amtsleiterin im Rathaus. Dort der Herr mit Schirmmütze, "ihn habe ich mal eingestellt". Eichel und Kassel sind miteinander verwoben. Mehr als 20 Mal führt der SPD-Politiker Gruppen über die Documenta.

Begeistert schildert er, warum sich die diesjährige Documenta für eine Außenstelle in Kabul entschieden hat. "In Kabul erinnert heute manches an das Kassel der 1950er-Jahre", sagt Eichel, der den Bildersturm der Nazis mit dem der Islamisten vergleicht. "Aber wenn man betrachtet, wie Kassel seit dem Wiederaufbau aussieht, ist diese Assoziation doch ein echtes Hoffungszeichen für Afghanistan."

Über Finanzpolitik mag er sich nicht äußern

In der Karlsaue, einem Barockpark, steuert Eichel einen großen Hügel an, überwuchert von Gras und Blumen, geschaffen aus entsorgter Erde, Kies und Holz. "Doing nothing garden", nennt der chinesische Künstler Song Dong diesen blühenden Abfallhügel. "Etwas zu tun macht keinen Sinn", deutet Eichel die Philosophie des Künstlers, "nichts zu tun macht auch keinen Sinn. Man muss etwas tun, auch wenn es keinen Sinn macht."

Während Eichel wenig später vor der herrlichen Orangerie die Sonne genießt, berät in Frankfurt am Main die Europäische Zentralbank über den Ankauf von Staatsanleihen. Das scheint für Eichel weit weg, grantig wird er allein, spricht man ihn auf seine Mitverantwortung in punkto Griechenland an. "Diese Geschichte wieder", setzt er an und verweist darauf, lediglich EZB und EU-Kommission hätten die Beitrittsfähigkeit zum Euro bewertet – alle Regierungen und Parlamente der Euro-Zonen-Staaten hätten Athen auf dieser Basis aufgenommen.

Über die Finanzpolitik mag er sich nicht äußern, Hans Eichel meint, das gehöre sich nicht für ehemalige Minister. Doch auch als Minister a. D. hält er Vorträge. "Doing nothing", Nichtstun, das ist nichts für ihn. Mit einem prononcierten "Nein" kontert Eichel auf die Frage, ob er mehr Urlaub mache als früher. "Diesen Sommer fahren meine Frau und ich aus Kassel nicht weg. Sie hat schließlich eine Dauerkarte für die Documenta, und ich betreibe Maybe Education."

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