01.08.12

Infektiologie

Tollwut macht um Amazonas-Bewohner einen Bogen

Forscher haben erstmals Menschen mit einer natürlichen Resistenz gegen das Tollwut-Virus entdeckt. Dabei endet die Infektion für gewöhnlich tödlich. Das bringt Hoffnung auf eine effektive Therapie.

Foto: Bildagentur Huber
Iquitos, Loreto, Peru
Bei zehn Prozent der Einwohner im Amazonas-Gebiet fanden sich Antikörper gegen das Tollwut-Virus. Ihr Körper kann den Erreger offenbar ohne Impfung oder weitere Behandlung unschädlich machen

Eine Tollwutinfektion ist offenbar doch nicht in 100 Prozent der Fälle tödlich: Zumindest im peruanischen Amazonasgebiet scheint es Menschen zu geben, die eine natürliche Widerstandskraft gegen das Virus besitzen. Ihr Körper kann den Erreger ohne Impfung oder weitere Behandlung unschädlich machen.

Das haben US-Forscher entdeckt, als sie Blutproben von 63 Angehörigen zweier Volksstämme aus abgelegenen Gebieten in Nordperu untersuchten. Bei etwa zehn Prozent von ihnen fanden sich Antikörper gegen das Virus, die nur durch eine Infektion mit dem Erreger entstanden sein können.

Ließe sich klären, wie genau ihr Körper das Virus unschädlich machte, könnte es gelingen, endlich eine Therapie gegen die als unbehandelbar geltende Krankheit zu entwickeln, schreiben Amy Gilbert von den amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) und ihre Kollegen im Fachblatt "American Journal of Tropical Medicine and Hygiene".

"Impfung danach" kann Tod verhindern

Die Tollwut wird klassischerweise von Wildtieren, insbesondere Füchsen und wildlebenden Hunden, aber auch von Fledermäusen übertragen. Während die klassische Variante in Deutschland als ausgestorben gilt, gibt es nach wie vor das Risiko, sich bei einer Fledermaus zu infizieren.

Nach einem Biss sollte sofort eine sogenannte Postexpositionsprophylaxe (PEP) erfolgen – eine Art verspätete Impfung, mit der sich der Ausbruch der Krankheit fast immer verhindern lässt. Erfolgt die PEP nicht und bricht die Tollwut tatsächlich aus, verläuft die Krankheit praktisch immer tödlich. Eine Behandlung ist in diesem Stadium nicht mehr möglich.

Die neuen Ergebnisse von Gilbert und ihrem Team legen nun allerdings nahe, dass es Menschen gibt, die eine Infektion mit dem Tollwut-Erreger auch ohne PEP unbeschadet überleben.

Fledermäuse injizieren Gerinnungshemmer

Die Wissenschaftler hatten das Vorkommen von Tollwut im Amazonasgebiet in Peru untersucht, wo das Virus vor allem durch Vampirfledermäuse verbreitet wird. Diese Tiere ernähren sich eigentlich von Blut von Nutztieren, können sich jedoch auch am Menschen gütlich tun.

Dazu ritzen sie mit ihren scharfen Zähnen die Haut auf und injizieren mit ihrem Speichel einen Gerinnungshemmer, der das Blut flüssig hält. Sie sind nachtaktiv, sodass viele Menschen im Schlaf heimgesucht werden und den Biss gar nicht bemerken.

Die Wissenschaftler befragten für ihre Untersuchung 92 Angehörige der indigenen Gemeinschaften der Truenococha und der Santa Marta, bei 63 von ihnen nahmen sie zusätzlich Blutproben.

Antikörper nach Infektion

In sieben dieser Proben fanden sich Antikörper gegen den Tollwut-Erreger. In einem Fall waren sie das Ergebnis einer Impfung, in den anderen gab es jedoch keinen Hinweis auf eine vorhergehende Behandlung. Zum Teil konnten sich die Betroffenen nicht einmal an einen Fledermausbiss erinnern.

Solche Antikörper können nur entstehen, wenn tatsächlich eine Infektion stattfindet, erläutert das Team. Natürlich sei es möglich, dass es sich um eine Virusvariante gehandelt habe, die weniger aggressiv ist als die gängige. Da jedoch im betroffenen Gebiet immer wieder Tollwuterkrankungen ausbrechen, sei das eher unwahrscheinlich.

"Nicht tödliche Infektionen kommen möglicherweise häufiger vor als angenommen", kommentiert Studienleiterin Gilbert. Sie würden lediglich nicht registriert, denn die Betroffenen kämen ja nur ins Krankenhaus, wenn sie Symptome verspürten. Das gelte besonders für Gegenden, in denen der Zugang zu medizinischer Versorgung eingeschränkt sei.

Als nächstes müsse nun untersucht werden, warum genau die Infizierten überlebt haben. Das könnte bei der Entwicklung einer effektiven Behandlung helfen, hoffen die Forscher.

Quelle: dapd/cl
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