25.07.12

Kinderheilkunde

Zu wenige Kinder gehen zur Vorsorge

Bis zum zweiten Lebensjahr werden die U-Untersuchungen noch regelmäßig wahrgenommen. In späteren Kinderjahren sinkt die Teilnahme allerdings stark ab. Pädiater warnen vor elterlicher Nachlässigkeit.

Foto: picture-alliance
Baby beim Kinderarzt
Die Kontrolle des Hüftgelenks ist nur eine von vielen wichtigen Untersuchungen im Kindesalter

Vergessen kann wahres Glück sein. Oder würden Sie gerne in Erinnerungen an Ihre ersten Lebenstage schwelgen? Kaum hat man das Trauma der Geburt überstanden, schon gibt es den ersten Check-up. Und bald darauf den nächsten.

Die Untersuchungen des Neugeborenen starten im Minutentakt. Abhorchen, absaugen und Blut abnehmen – das mögen Babys genauso wenig wie Erwachsenen.

Untersuchungen sind in jedem Alter wichtig

Auch wenn es Eltern schwerfällt, dabei zuzusehen, wie der Kinderarzt ein medizinisches Gerät nach dem nächsten zückt, lassen sie ihren kleinen Wonneproppen meist bereitwillig untersuchen. Schließlich drängt die Frage, ob es ihm tatsächlich gut geht.

Um diese zu beantworten, genügt es aber nicht, das Kind einmal nach der Geburt durchchecken zu lassen. Manch eine Erkrankung kann noch nicht so früh festgestellt werden, andere bilden sich überhaupt erst im fortgeschrittenen Kindesalter aus.

Damit nichts übersehen wird – und das Kind vor allem rechtzeitig behandelt wird –, gibt es die sogenannten U-Untersuchungen eins bis neun; seit 2006 auch zehn und elf. Jede einzelne davon ist wichtig. Dabei testen die Kinderärzte nämlich nicht nur auf gefährliche Krankheiten, sie beraten auch die Eltern.

Früherkennung und Prävention

"Wir setzen uns dafür ein, dass die U-Untersuchungen nicht nur als Früherkennungs-, sondern als echte Präventionsmaßnahmen anerkannt werden", sagt Professor Norbert Wagner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). So sei die Gesundheit von Kleinkindern beispielsweise weniger durch Erkrankungen selbst als durch Unfälle im Alltag bedroht. "Der Kinderarzt informiert auch über mögliche Verletzungsfallen", sagt Wagner.

Bis die Kleinen aber tatsächlich von einer Gefahrenquelle zur nächsten stapfen, stehen zunächst andere Risiken im Vordergrund. Direkt nach der Geburt entscheiden zunächst einmal körperliche Grundfunktionen über die Gesundheit des Kindes. Deshalb wird bei der allerersten Vorsorgeuntersuchung, der U1, überprüft, ob alles richtig angelegt und vor allem ob es auch funktionstüchtig ist: Sind Luft- und Speiseröhre durchgängig? Hat das Kind einen normalen Darmausgang?

Daneben werden natürlich noch lebenswichtige Funktionen wie Pulsschlag, Atmung und Reflexe geprüft und im sogenannten Apgar-Wert zusammengefasst. Dieser wird mindestens dreimal bestimmt – direkt nach der Entbindung; und dann noch einmal nach fünf und nach zehn Minuten. Das Ergebnis entscheidet darüber, ob das Neugeborene eine dringende Behandlung braucht oder einfach in den Armen der stolzen Mama liegen bleiben darf.

Schon am dritten Tag die zweite Untersuchung

Auch wenn alle Befunde unauffällig sind, müssen diese ihr Baby bald wieder in die Hände des Kinderarztes geben. Frühestens nach drei Tagen, spätestens nach zwei Wochen steht bereits der zweite Vorsorgetermin an. Bei der U2 schaut der Kinderarzt besonders gründlich nach.

Neben der genauen körperlichen Untersuchung stehen noch zwei spezielle Tests auf seinem Plan: Zum einen wird das Hüftgelenk auf eine Fehlbildung überprüft. Denn wenn diese bereits im Säuglingsalter behandelt wird, kann eine spätere Hüftoperation vermieden werden.

Screening auf Stoffwechselstörungen

Zum anderen wird eine Blutprobe aus Ferse oder Handgelenk entnommen, um damit das sogenannte Neugeborenen-Screening durchzuführen. Der Kinderarzt testet damit auf wichtige Stoffwechselerkrankungen und Hormonstörungen – allerdings nur auf diejenigen, die bestimmte Kriterien erfüllen.

"Die Krankheit muss erstens durch ein Testverfahren leicht zu diagnostizieren sein. Zweitens müssen beim Nichterkennen schwere Konsequenzen für das Kind drohen, und drittens müssen sich diese erfolgreich behandeln lassen", erklärt Wagner. "Es macht keinen Sinn, auf eine Erkrankung zu screenen, deren Verlauf man überhaupt nicht positiv beeinflussen kann."

Eine Erkrankung, bei welcher der Zweck des Neugeborenen-Screenings besonders deutlich wird, ist zum Beispiel die Unterfunktion der Schilddrüse. Mangelt es dem Neugeborenen nur für ein paar Wochen an dem lebenswichtigen Schilddrüsenhormon, wird es später außerstande sein, je das Abitur zu machen. Wird die Hormonstörung allerdings beim Screening entdeckt und rechtzeitig behandelt, wird sich das Kind völlig normal entwickeln.

Oft sind die Erwartungen zu hoch

Die motorische und geistige Entwicklung wird insbesondere auch bei den folgenden U-Untersuchungen genau überprüft. Mit gezielter Förderung kann ein etwaiger Rückstand gerade in jungen Kinderjahren noch gut aufgeholt werden.

Wagner warnt jedoch vor übereilter Sorge: "Heutzutage haben viele Eltern einfach zu hohe Erwartungen." Sollte sich der Rückstand allerdings objektiv bestätigen lassen, kann ebenso gut etwas ganz anderes dahinterstecken. Wenn das Kind nicht richtig hört und sieht, ist es gegenüber seinen Altersgenossen deutlich benachteiligt. Deswegen ist auch die Überprüfung des Hör- und Sehvermögens noch ein wichtiger Bestandteil der späten U-Untersuchungen.

Ab dem zweiten Lebensjahr beginnt die Nachlässigkeit

Leider werden die U7 und die darauf folgenden Vorsorgetermine aber gar nicht mehr von den Eltern wahrgenommen. "Bis zum Alter von zwei Jahren kommen noch knapp 90 Prozent der Kinder zu den U-Untersuchungen. Danach sinkt die Beteiligung aber bedauerlicherweise deutlich ab", sagt Wagner.

Grund dafür sei weniger die strikte Ablehnung, sondern vielmehr Nachlässigkeit. Oft würden Eltern den nächsten Termin schlichtweg vergessen. Und das ist doppelt schlimm. Denn mit dem Besuch beim Kinderarzt können Krankheiten nicht nur frühzeitig entdeckt, sondern sogar verhindert werden.

Pädiater fordern mehr Impfvorsorge

Bestandteil der U-Untersuchungen ist nämlich auch die Überprüfung des Impfstatus. Was fehlt, wird nachgeimpft. Kinderkrankheiten werden zwar oft verharmlost, können aber lebensbedrohliche Folgen für das Kind haben.

Zum Beispiel warnen Kinderärzte immer noch davor, die Masernimpfung fatalerweise zu vergessen oder abzulehnen. Die hoch ansteckende Viruserkrankung hat schwere Komplikationen, die zu einer lebenslangen Beeinträchtigung führen können. Zudem erkrankt jedes 1000. Kind an einer lebensbedrohlichen Entzündung des Gehirns.

All das könnte durch einen kleinen Piks verhindert werden. Wagner fordert daher eine Erweiterung der Impfvorsorge. "Der Wert von Impfungen ist so groß, dass eine generelle Verpflichtung Sinn macht", sagt er.

Bis die Impfungen und die U-Untersuchungen aber zur gesetzlichen Pflicht werden, liegt die Gesundheit der Kinder immer noch in den Händen ihrer Eltern. Der alles entscheidende Satz im Kreißsaal – "Sie haben ein gesundes Baby!" – mag zwar erleichternd sein. Aber damit ist es nicht getan. Damit das Kind auch später noch gesund bleibt, ist der regelmäßige Besuch beim Kinderarzt vonnöten – und das auch noch bis ins Jugendalter hinein.

Quelle: shl
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Die U-Untersuchungen
  • U1

    direkt nach der Geburt

    Überprüfung auf Fehlbildungen und Check-Up grundlegender Körperfunktionen wie Atmung, Puls und Reflexe

  • U2

    3.-10. Lebenstag

    sehr gründliche Basisuntersuchung; Bluttest auf bedrohliche Stoffwechselerkrankungen und Hormonstörungen

  • U3

    4.-5. Lebenswoche

    Überprüfung des geistigen und motorischen Entwicklung; Untersuchung des Hüftgelenks; Kontrolle des Hörvermögens

  • U4

    2.-4. Lebensmonat

    Untersuchung der Organsysteme, Hör- und Sehtest; Kontrolle des Knochenwachstums; Überprüfung von Beweglichkeit und Reaktionsvermögen; 6-Fach-Impfung gegen Tetanus, Diphtherie, Kinderlähmung, Hämophilus influenzae, Keuchhusten und Hepatitis B

  • U5

    5.-8. Lebensmonat

    körperliche Untersuchung; Überprüfung von Beweglichkeit und Körperbeherrschung; Hör- und Sehtest

  • U6

    9.-14. Lebensmonat

    körperliche Untersuchung; Überprüfung der Körperbeherrschung und der Beweglichkeit; Kontrolle der sprachlichen Entwicklung; Auffrischimpfungen

  • U7

    20.-27. Lebensmonat

    körperliche Untersuchung; Überprüfung der geistigen Entwicklung; Zahnkontrolle; Überprüfung des Impfstatus

  • U7a

    33.-38. Lebensmonat

    soll die Lücke zwischen 2. und 4. Lebensjahr schließen; körperliche Untersuchung mit besonderem Augenmerk auf Allergien,Verhaltensstörungen, Übergewicht, Sprachentwicklungsstörungen und Zahnfehlbildungen

  • U8

    43.-50. Lebensmonat

    körperliche Untersuchung; Hör- und Sehtest; Beurteilung des Sprachvermögens und der Körperbeherrschung; Blutdruckmessung; Urintest

  • U9

    58.-66. Lebensmonat

    genaue körperliche Untersuchung; Urintest; Blutdruckmessung; Hör- und Sehtest; Testung der Grob- und Feinmotorik; Überprüfung der Körperhaltung; Sprach- und Intelligenztest

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