21.07.12

HIV

Wenig Hoffnung auf einen baldigen Aids-Impfstoff

Der Weg zu einem Impfstoff gegen HIV ist noch weit. In reichen Ländern helfen Pillen gegen Aids, in armen ist die Situation düsterer. Nach mehr als 30 Jahren ist wieder die Grundlagenforschung am Zug.

Foto: AFP
AIDS
Aids mag seinen ganz großen Schrecken verlieren - doch vorerst nur in den westlichen Ländern

Mehr als drei Jahrzehnte nach der ersten Beschreibung gibt es keine gut begründeten Hoffnungen auf einen Impfstoff gegen Aids. Daher muss das Virus auch weiterhin mit anderen Waffen bekämpft werden. Das ist durchaus möglich: Zu den schärfsten Klingen im Arsenal der Helfer gehören Aufklärung, Verhütung sowie Pillen für Millionen infizierte Menschen.

In den reichen Ländern nehmen teure Medikamente der Immunkrankheit einen Teil ihres Schreckens, weil sie die Vermehrung des Virus im Körper über lange Zeit bremsen. Damit gelangt Aids bei den Wohlhabenden in die Nähe einer chronischen Krankheit, mit der man durchaus alt werden kann. Wer aber einmal mit dem Virus infiziert ist, wird es nicht mehr los. In den armen Ländern sterben viele Menschen, weil Geld oder Pillen oder beides fehlen. Oft werden die Opfer stigmatisiert und vernachlässigt, viele Aids-Waisen wachsen in Heimen oder bei Angehörigen auf.

Im Vergleich zu anderen Krankheiten sind die medizinischen Fortschritte auf dem Weg zu einem Impfstoff gegen den Erreger der Immunschwäche klein. Nur mühsam tasten sich die Wissenschaftler voran. Denn der klassische Weg zum Impfstoff lässt sich im Fall von HIV (Humanes Immunschwäche-Virus) nicht beschreiten.

HIV trickst Abwehrzellen aus

Zum Schutz vor Tollwut oder Hepatitis werden dem Menschen abgetötete Erreger oder Teile von ihnen gespritzt. Das Immunsystem erkennt diese fremden Stoffe und macht sich mit ihnen bekannt. Kommt es später wirklich zu einer Infektion, ist der Körper vorbereitet und attackiert die Erreger mit Antikörpern.

Bei HIV jedoch ist dieser Weg verbaut. Immerhin, die Ursache dafür ist bekannt: Die Erbsubstanz der Virus-Nachkommen verändert sich im Lauf einer Infektion schnell. Daher kursieren im Blut sehr viele genetisch leicht verschiedene Erreger. Das Immunsystem muss sich also gegen viele verschiedene Gegner zur Wehr setzen. Mit dieser Aufgabe ist es überfordert, kann nicht genügend verschiedene Antikörper herstellen.

Gleichzeitig vermehrt sich HIV ausgerechnet in jenen menschlichen Immunzellen, die die Abwehr gegen diesen und andere Erreger koordinieren sollen. Diese Zellen kommen dabei um. Bildlich gesprochen ist das so, als würde die Feuerwehrzentrale erst gekapert und dann niedergebrannt. HIV schaltet die Steuerzentrale des Immunsystems aus – Bakterien und andere Viren überschwemmen den zunehmend wehrlosen Körper.

Antikörper im Fokus

Dann kommt es zum Vollbild der Krankheit Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome, erworbenes Immundefektsyndrom). Viele Infizierte sterben schließlich an Tuberkulose. Einige Forscher nehmen an, dass sich das Virus über lange Zeiträume besser an den Menschen anpassen wird, damit es seinen Wirt – im eigenen Interesse – nicht so schnell umbringt. Bis es so weit ist, wird aber noch eine lange Zeit vergehen.

Antikörper gegen HIV stehen im Mittelpunkt vieler Studien zu HIV. Mediziner kennen eine Reihe von Antikörpern aus Patienten, die lange Zeit mit HIV infiziert sind. Einige dieser Antikörper wirken gegen viele verschiedene HI-Viren. Das brachte eine Gruppe um David Baltimore vom California Institute of Technology auf einen Gedanken: Lässt sich die Produktion solcher Antikörper womöglich künstlich in einem Patienten anregen oder gar als Vorbeugung einsetzen?

Die Forscher schleusten die genetische Bauanleitung für bekannte, breit wirksame Antikörper in eine Genfähre ein. Dieses biochemische Vehikel sorgt für den Einbau der fremden Gene in einen anderen Organismus. In diesem Fall spritzten Baltimore und seine Kollegen das Gen in die Muskeln von Mäusen, die dank eines Tricks mit einem menschlichen Immunsystem ausgestattet sind.

HIV-Schutz bei Mäusen erfolgreich

Tatsächlich produzierten die Muskelzellen wie gewünscht die Antikörper, schrieben die Forscher Ende 2011 in "Nature". Sie nennen das Verfahren VIP (vectored immunoprophylaxis). Die Tiere produzierten die Antikörper nach nur einer Injektion ein Leben lang und in hoher Konzentration. Im nächsten Schritt infizierte die Gruppe die Tiere dann mit HIV. Auch bei hohen Dosen des Erregers schützten die künstlich eingeschleusten Antikörper die Mäuse zuverlässig, berichten die Forscher. Versuche am Menschen gibt es dazu noch nicht.

Zuvor hatten Laura Walker vom Scripps Research Institute im kalifornischen La Jolla und ihre Kollegen aus einer Gruppe von 1800 infizierten Patienten jene Gruppe ausfindig gemacht, deren Antikörper besonders viele verschiedene HI-Viren neutralisieren konnten (diese Menschen sind die sogenannten elite neutralizers).

Aus diesen wiederum wurden 17 vielversprechende Antikörper insoliert. Jeder von ihnen bindet sich an eine bestimmte Stelle auf einem Oberflächenprotein des Virus namens gp120. Einige der neuen Antikörper erwiesen sich als zehn oder gar hundert Mal potenter als die bisherigen "Spitzenvertreter". So wollen die Forscher lernen, welche Antikörper das Virus auf welche Weise neutralisieren. Auch diese Arbeiten sind im Bereich der Grundlagenforschung.

Angriffspunkte für neue Impfstoffe

Unterdessen zeigen sich auch Details dazu, warum der bislang erste und einzige große Impfstoff-Test gegen HIV am Menschen allenfalls moderate Erfolge brachte. Diese RV144-Studie bezog 16.000 Freiwillige in Thailand ein. Wie üblich erhielt eine Gruppe den Impfstoff, die zweite ein wirkstoffloses Scheinpräparat (Placebo). Die Wirkstoff-Gruppe hatte ein um 31,2 Prozent geringeres Risiko, sich zu infizieren, wurde 2009 im "New England Journal of Medicine" berichtet.

Daraufhin untersuchten Forscher 41 geimpfte Teilnehmer, die sich dennoch infiziert hatten, und 205 Geimpfte, die sich das Virus nicht zugezogen hatten. Geschützte Menschen verfügten über Antikörper, die sich an eine Struktur namens V1V2 in einem der äußeren Proteine (namens gp120) von HIV binden.

Dies scheint die Infektion zu erschweren. Denn das Virus muss mit seinem gp120-Protein Kontakt zu den menschlichen Immunzellen aufnehmen. Diese Bindung wird durch die anheftenden Antikörper vermutlich erschwert. Damit ist aber noch kein wirksamer Schutz vor HIV gefunden. Die Ergebnisse liefern aber neue Hinweise auf jene Regionen des wandlungsfähigen Virus, die sich gut als Angriffspunkte für neue Impfstoffe eignen.

Vervielfältigung der Erbsubstanz gebremst

Andere Teams untersuchen ein weiteres Phänomen im Zusammenhang mit HIV: Einige Immunzellen des Menschen haben einen Weg gefunden, um dem Virus seine Attacke zumindest schwerer zu machen. Mit dem erst kürzlich beschriebenen Protein SAMHD1 können sie die Vervielfältigung der Erbsubstanz des Virus bremsen. Diese ist eine der Voraussetzungen für eine erfolgreiche Infektion des Menschen. Eine internationale Gruppe um Florence Margottin-Goguet vom Institut Cochin in Paris hat weitere Erkenntnisse zu SAMHD1 im Journal "Nature Immunology" veröffentlicht.

Demnach verringert SAMHD1 in der Zelle die chemischen Bausteine der Erbsubstanz DNA. Das Protein greift dafür aber nicht die DNA-Doppelhelix im Zellkern an, sondern einzelne DNA-Bausteine (die sogenannten Nukleotide). Aus diesen werden bei einer Zellteilung neue DNA-Moleküle für die Tochterzellen aufgebaut. Auch das Aidsvirus braucht diese Nukleotide für die Vermehrung seiner Erbsubstanz. SAMHD1 baut die einzelnen DNA-Bausteine ab, schreiben die Wissenschaftler um Margottin-Goguet. Damit bremst es die Vermehrung von HIV, denn das Virus findet nicht mehr genügend Material, um seine virale DNA zusammenzubauen.

Virus ist den Forschern voraus

Dies sei womöglich ein Mechanismus, der gegen verschiedene Viren wirkt, ohne dass für jeden einzelnen Erreger ein besonderes Abwehrmolekül geschaffen werden muss, heißt es bei dem Team. Auch diese Arbeit zählt zur Grundlagenforschung – schnelle Hilfe ist davon nicht zu erwarten.

Diese und andere Studien zeigen, dass das Virus den Forschern derzeit voraus ist. Außer einer Impfung gibt es aber andere Rezepte gegen die Immunschwäche, die vielfach eine soziale Krankheit ist. In Gefängnissen und auch an anderer Stelle könnte der Tausch von gebrauchten gegen neue Spritzen das Risiko einer Infektion durch die gemeinsame Verwendung der Nadeln unter Drogenabhängigen mindern.

In Afrika und anderswo können sich viele Frauen nicht gegen ungeschützten Sex wehren, weil sie von Männern abhängig sind. Viele HIV-Infizierte wissen nichts von dem Virus, weil es keine Testprogramme gibt. So stecken sie weitere Menschen an. Kondome schützen nachweislich, aber sie stehen nicht allen Menschen zur Verfügung. Eine bessere Schulbildung würde viele der Probleme lösen, aber sie ist gerade in vielen armen Ländern kaum durchzusetzen.

Selbstbewusstsein schützt auch

Daher kämpfen viele Hilfsorganisationen dafür, die Rechte der Frauen zu stärken sowie Kinder zur Schule zu schicken und Arbeitsplätze zu schaffen. Derart gestärkte, selbstbewusstere Menschen hätten viel mehr Möglichkeiten, sich zu schützen, heißt es unter anderem beim Aidsbekämpfungsprogramm UNAIDS der Vereinten Nationen.

Eine zweite starke Waffe gegen die Erreger der Immunschwäche sind Medikamente. Es gibt inzwischen zahlreiche Wirkstoffe, die die Vermehrung der Viren behindern und ihre Zahl im Blut sehr stark verringern. Die Medikamente müssen aber ein Leben lang geschluckt werden. Unter ärztlicher Aufsicht und mit wechselnden Präparate-Kombinationen rückt eine HIV-Infektion damit in die Nähe einer chronischen Infektion. Auch das Übertragen des Virus von der Mutter aufs Kind lässt sich mit solchen Präparaten verhindern.

Dies jedenfalls gilt für die reichen Länder wie Deutschland. Die große Mehrzahl der Infizierten lebt aber in armen Regionen, in denen die Versorgung mit den Präparaten ungleich schwerer ist. Schwarzafrika bleibt in absoluten Zahlen Schwerpunkt der Aids-Epidemie: Mehr als zwei Drittel der Infizierten weltweit leben südlich der Sahara.

Stärkste Zuwächse in Osteuropa

Die Versorgung mit Medikamenten in dieser Region hat innerhalb von 10 Jahren um das 100-Fache zugenommen, teilte UNAIDS im Juli mit. Nunmehr bekämen 6,2 Millionen Bedürftige die Präparate. Noch im Jahr 2000 kostete die Behandlung eines Patienten dort pro Jahr 10 000 US-Dollar, heute seien es noch 100 Dollar. Ende 2010 hätten damit 56 Prozent der Bedürftigen südlich der Sahara die Medikamente erhalten – ein Zuwachs um 19 Prozent allein im Vergleich zu 2010.

In Osteuropa wächst die Zahl der HIV-Infektionen weltweit am schnellsten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldete Ende 2011 von dort Zuwächse von rund 250 Prozent seit Anfang des Jahrtausends. In Russland stieg die Zahl der HIV-Infizierten 2011 im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozent (62 000 Fälle). Besonders unter Männern zwischen 30 und 35 Jahren habe die Zahl der Neuinfektionen epidemische Ausmaße erreicht, sagte Russlands Oberster Amtsarzt Gennadi Onischtschenko im März nach Angaben der Agentur Interfax. Der Behördenchef machte vor allem verunreinigte Nadeln, die beim Drogenkonsum verwendet würden, für die Verbreitung der Infektion verantwortlich.

Homosexualität ist in Russland zwar straffrei. Die Behörden verbieten aber regelmäßig geplante Schwulenparaden im größten Land der Erde. Erst kürzlich erließ die Touristenmetropole St. Petersburg ein umstrittenes Gesetz, das "Homosexuellen-Propaganda" unter Strafe stellt. Bürgerrechtler kritisieren, dadurch werde die Aids-Vorsorge erschwert. Die Regierungspartei Geeintes Russland von Ministerpräsident Dmitri Medwedew begründet die Initiative mit dem Kinderschutz.

Quelle: dpa
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