20.07.12

Lebertransplantation

Mit gekaufter Diagnose nach vorne auf die Warteliste

12.000 Menschen stehen auf der Warteliste für eine neue Leber. Doch in Göttingen sollen reiche Patienten bevorzugt ein Spenderorgan zugeteilt bekommen haben. Ein lukratives Geschäft.

Foto: DPA
Organtransplantation
In der Göttinger Universitätsklinik hat es bei Leber-Transplantationen vermutlich im großen Stil Manipulationen gegeben

Es könnte der größte Skandal in der Geschichte der deutschen Transplantationsmedizin sein: Ein Göttinger Oberarzt soll Daten seiner Patienten gefälscht haben, damit ihnen früher als vorgesehen Spenderorgane zugeteilt wurden. Das berichtete die "Süddeutsche Zeitung".

Christian Albrecht, Sprecher von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), sprach in der Bundespressekonferenz von einem "höchst respektlosen" und "ethisch verwerflichen" Verhalten. "Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, wird es massive Konsequenzen geben."

Albrecht wies darauf hin, dass die bereits verabschiedete Reform des Transplantationsgesetzes "verschärfte Kontrollmechanismen" bei der Organspende vorsehe. Das Gesetz soll im August in Kraft treten. Eine Verschärfung darüber hinaus sieht das Gesundheitsministerium derzeit nicht als notwendig an.

Der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer und Strafrechtsprofessor an der Universität Halle-Wittenberg, Hans Lilie, bezeichnete den Fall als "unglaublich". Er forderte, die Bundesärztekammer müsse die Richtlinien für Transplantationen verschärfen.

Spenderorgan bevorzugt zugeteilt

Der Trick des verdächtigen Arztes: Er soll zusätzliche Krankheiten für diese Personen erfunden haben, um sie auf der Warteliste für Leberspenden nach oben zu rücken. Bei Leberkranken soll er demnach Nierenprobleme dazu erfunden haben. Danach hätten diese privilegierten Patienten von der internationalen Vermittlungsstelle Eurotransplant, in der Deutschland und sieben weitere europäische Länder zusammengeschlossen sind, bevorzugt ein Spenderorgan zugeteilt bekommen.

Das Motiv ist derzeit noch unklar. Fest steht, dass Transplantationen ein lukratives Geschäft sind: Eine Klinik verdient an einer einzigen Lebertransplantation etwa 150.000 Euro.

Der 45 Jahre alte Chirurg, der an der Göttinger Universitätsklinik tätig war, soll laut internen Untersuchungen des Klinikums in mindestens 25 Fällen falsche Angaben gemacht haben. Ein Sprecher der Universitätsmedizin sagte, es gebe zudem neue Vorwürfe gegen ihn. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig sei über diese neuen Fälle informiert. Seitens der Klinik sei eine externe Gutachterkommission einberufen worden. Man stehe in der Angelegenheit in engem Austausch mit der Bundesärztekammer.

Drei Wohnungsdurchsuchungen

Martin Siess, Vorstandsmitglied der Uniklinik, hält es für wahrscheinlich, dass weitere Mitarbeiter involviert waren. Zahl und Umfang der Manipulationen seien zu groß gewesen, als dass der verdächtige Arzt alleine hätte handeln können.

Allerdings ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig bislang nur in einem Einzelfall gegen den Arzt – wegen Bestechlichkeit: Der Mediziner soll im Jahr 2011 Geld von einem ausländischen Patienten angenommen haben, sodass dieser früher eine Spenderleber implantiert bekam.

Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Serena Stamer, sagte "Berliner Morgenpost", die Ermittlungen wegen Bestechlichkeit richteten sich derzeit nicht gegen weitere Angestellte des Universitätsklinikums. Gegen den ausländischen Patienten und dessen Vermittlungsfirma mit Sitz in Nordrhein-Westfalen werde wegen des Verdachts auf Bestechung ermittelt. Im Zuge der Ermittlungen haben es drei Wohnungsdurchsuchungen gegeben.

12.000 Patienten auf der Warteliste

Stamer betonte aber: "Der Verdacht gegen den Arzt hat sich akut noch nicht erhärtet, weil wir noch mit der Auswertung der Unterlagen beschäftigt sind und weitere Zeugen zu vernehmen sind. Wir können noch nicht von einem hinreichenden Tatverdacht sprechen."

Die weiteren Verdachtsfälle beruhten auf den internen Untersuchungen der Bundesärztekammer und des Universitätsklinikums Göttingen. "Die Ergebnisse dieser Recherchen werden natürlich Eingang in unsere Ermittlungen finden", sagte Stamer. "Welche Dimensionen der Fall letztlich hat, bleibt abzuwarten."

Das Thema Organspende ist in Deutschland von großer Brisanz: Bundesweit stehen etwa 12.000 Patienten auf der Warteliste für ein Spenderorgan, durchschnittlich drei sterben täglich, weil für sie keines zur Verfügung steht. Laut dem Deutschen Herzzentrum sank die Zahl der Spenderorgane 2011 um 7,4 Prozent.

Sterben innerhalb weniger Tage

Vorrangig werden Betroffene in akut lebensbedrohlichen Situationen behandelt; ohne Transplantation würden diese Patienten innerhalb weniger Tage sterben. Im Fall von Lebertransplantationen fallen Patienten mit akutem Leberversagen oder lebensbedrohlichen Leberverletzungen darunter. Alle anderen – solche mit chronischem, nicht akutem Leberversagen – kommen auf die Warteliste bei Eurotransplant

Der Organ-Zustand wird bei Lebertransplantationen anhand des sogenannten MELD-Score ermittelt ("Model for Endstage Liver Disease"). Je höher der Wert, umso höher ist auch das Risiko, innerhalb der nächsten drei Monate an der Lebererkrankung zu sterben.

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