Krankenhaus
Auf Intensivstationen herrscht akute Platznot
Dienstag, 19. Mai 2009 11:04 - Von Birgitta vom LehnAuf jeder dritten Intensivstation werden laut einer Umfrage an 540 deutschen Kliniken kranke Menschen abgewiesen, weil es an Platz fehlt. Krankenhäuser halten einerseits die Zahl der Betten niedrig, andererseits müssen immer mehr alte Menschen nach einer Operation intensiv nachbetreut werden.

Eine Hiosbsbotschaft macht die Runde. Gerade als Bundesgesundheitsministerin
Ulla Schmidt (SPD) das Thema der fünften Nationalen Branchenkonferenz
Gesundheitswirtschaft „Erfolgreich altern – der demografische Wandel als
Chance“ vorgestellt hat, die Anfang Mai in Rostock-Warnemünde stattfindet.
Sie zeigt die Kehrseite des demographischen Wandels einer- und des
medizinischen Fortschritts andererseits.
Durchgeführt hat die Analyse Professor Joachim Boldt, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Klinikum Ludwigshafen. Der Mediziner spricht von „versteckter Rationierung“: Viele Krankenhäuser würden die Zahl der Intensivbetten von vornherein niedrig halten oder den Rettungsdiensten „belegt“ melden, um sich schwierige und damit kostspielige Patienten zu ersparen. Gerade in Ballungszentren sei das ein Problem. „Es darf nicht sein, dass Krankenwagen mit einem Schwerverletzten von Klinik zu Klinik fahren, weil keine Intensivstation ein Bett frei hat.“
Jan-Peter Braun, Oberarzt an der Berliner Charité, ist selbst oft mit dem Rettungswagen unterwegs. Er bestätigt Boldts Aussagen: „Das ist eine Katastrophe. Viele Intensivbetreiber melden sich einfach ab, weil sie keine Kapazitäten frei haben. Es gibt aber nichts Schlimmeres, als mit Patienten auf der Straße zu sitzen.“
"Die Daten geben das nicht her"
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft weist die Vorwürfe zurück. „Die Daten geben das überhaupt nicht her“, sagt Sprecher Moritz Quiske. Es handle sich hier vielmehr um die Interessenpolitik einer Berufsgruppe. Tatsächlich kletterte die Zahl der Intensivbetten in deutschen Kliniken in den Jahren 1994 bis 2007 um elf Prozent von 20.971 auf 23.357. Allerdings ist Intensivbett nicht gleich Intensivbett: Viele stehen nicht auf Intensivstationen und sind damit gar nicht notfalltauglich, nur 445 der insgesamt 2087 deutschen Kliniken verfügten im Jahr 2007 über eine eigene Fachabeilung Intensivmedizin. Die restlichen 1286 Häuser begnügen sich mit so genannten „Betten zur intensivmedizinischen Versorgung“. Wo genau wie viel Betten aufgestockt oder abgebaut wurden, bleibt unklar. So werden zum Beispiel Intensivbetten außerhalb der Intensivstationen für Beatmungspatienten genutzt, die auf ihre Entlassung in ein Heim warten. „Damit lässt sich gut Geld verdienen. Das ist für die Klink gut planbar, besser jedenfalls, als einen komplizierten Notfall aufzunehmen und zu betreuen“, sagt Braun.
Die Zahl der Belegungstage in der intensivmedizinischen Versorgung erhöhte sich 1994 bis 2007 um 23 Prozent von 5,6 auf 6,9 Millionen. Das liegt auch daran, dass immer mehr Hochbetagte operiert werden. Boldt: „Wir haben heute 80- und 90-Jährige routinemäßig im OP. Bald werden wir über 100-Jährige haben.“ Die Zahl der 80- bis 85-jährigen OP-Patienten stieg von 2005 bis 2007 um elf Prozent, bei den über 95-Jährigen sogar um 16 Prozent. Das Problem, so Boldt, sei, dass es für den Chirurgen oft keinen Unterschied mache, ob er einen 20- oder 80-Jährigen operiere. „Die Nachsorge sieht bei beiden aber völlig anders aus.“ Der Jüngere kann meist rasch wieder nach Hause, der Ältere, der oft mehrere Grundkrankheiten mitbringt, muss intensiver nachbetreut werden – und blockiert damit länger ein Intensivbett.
"Der Platz hätte sie 1500 Euro gekostet"
Boldt berichtet von einem alten schwerkranken Patient, der wochenlang beatmet werden musste ohne Hoffnung auf Besserung seines Zustands. „Die Angehörigen waren sehr anspruchsvoll und wollten Maximalversorgung.“ Als Boldts Team schließlich einen Platz für den Patienten in einem Pflegeheim gefunden hatte, lehnte die Familie ab: „Der Platz hätte sie 1500 Euro gekostet. Das Geld wollten die Angehörigen nicht zahlen. Die Klinik sei für sie ja gratis.“
Oft komme es auch zu „unglücklichen Behandlungsketten“. In Pflegeheimen lasse
man alte Menschen nicht mehr in Ruhe sterben, sondern schicke sie bei ersten
Anzeichen von Unpässlichkeit in die Klinik. Boldt: „Hier werden sie oft noch
operiert, liegen wochenlang auf der Intensivstation und sterben am Ende
doch.“
Boldt spricht in diesem Zusammenhang vom „deutschen Machbarkeitswahn“. Eine
Untersuchung der Universität Basel zeigte im vorigen Sommer, dass 76 Prozent
der Ärzte und 86 Prozent der Pflegekräfte auf Geriatrie- und
Intensivstationen miterleben, dass eigentlich sinnlose medizinische
Maßnahmen getroffen werden. Schuld sind oft Meinungsverschiedenheiten
zwischen Chirurg und Intensivmediziner: Der Chirurg empfiehlt bei der
Übergabe Maximaltherapie, obwohl der Intensivmediziner sieht, dass die
Situation hoffnungslos ist.
„Wir sitzen in der Fortschrittsfalle“, sagt Boldt. Mehr Geld verlangt der Mediziner nicht für seine Disziplin, das „wäre sowieso nie genug“, aber endlich eine offene Auseinandersetzung mit dem Thema Rationierung. „Das ist hierzulande immer noch tabu, anders als in England und den USA. Dabei ist Rationierung unausweichlich, sie findet ja längst statt – nicht nur in der Transplantations-, auch in der Intensivmedizin.“ Anmerkung der Redaktion: Dieser Text trug eine zeitlang eine andere Überschrift: "Alte blockieren Betten auf Intensivstationen". Diese Überschrift ist von vielen Lesern als unangemessen kritisiert worden (siehe Kommentare). Diese Kritik war berechtigt. Wir haben die Überschrift geändert.
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Erschienen am 28.04.2009






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