09.07.12

Fruktose

Saft und Smoothie für jeden Fünften eine Gefahr

Die Fruktose in Nahrungsmitteln überfordert den Verdauungstrakt. Jeder fünfte Erwachsene und jedes dritte Kind verdauen Fruchtzucker nicht richtig. Mögliche Folgen: Nährstoffmangel und Depressionen.

Von Jörg Zittlau
Foto: Infografik Welt Online, NMI Portal

Fructose in Rosinen, Trauben, Apfelsaft und alkoholfreiem Bier

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Wenige Fasern, dafür umso mehr Energie – Obst ist im Vergleich zu Gemüse eigentlich relativ leicht zu verdauen. Doch offenbar empfinden das immer mehr Menschen ganz anders: Sie leiden unter einer Fruktoseintoleranz, der Unverträglichkeit gegenüber Fruchtzucker. In einigen Fällen kann sie sogar zu Depressionen und zu schweren Nährstoffmängeln führen.

Eigentlich sollte man Fruchtzucker nur im Obst vermuten, wie etwa in Äpfeln, Birnen, Kirschen und Trauben. Doch im Zeitalter industriell gefertigter Nahrungsmittel findet man ihn mittlerweile fast überall. Denn auch Rohr- und Rübenzucker bestehen zur einen Hälfte aus Glucose und zur anderen aus Fruktose.

Zudem haben Säfte und Smoothies aus gepressten Früchten den Getränkemarkt nachhaltig erobert, und immer mehr Lebensmittel werden mit einem Fruktose-Sirup aus Maisstärke gesüßt.

Verdauung von der Evolution geeicht

Je nach Speiseplan kann ein Mensch dadurch leicht Fruktosemengen aufnehmen, die den – in der Evolution durch bloßen Obstverzehr geeichten – Verdauungsapparat überfordern. Denn während die meisten anderen Zuckerarten im Zwölffingerdarm komplett aufgenommen werden, benötigt Fruktose zu ihrer Verdauung spezielle Transporter, und deren Kapazität ist begrenzt.

Wird aber nicht mehr genügend Fruchtzucker im Dünndarm aus dem Nahrungsbrei herausgezogen, gelangen größere Anteile des Zuckers unverdaut in den Dickdarm. Hier werden sie von Bakterien zu Gasen und kurzkettigen Fettsäuren zerlegt, die beispielsweise zu Blähungen und Durchfall führen können.

Bei den meisten Menschen geschieht das erst ab 35 Gramm Fruchtzucker, für die man schon sehr große Mengen Obstsaft trinken muss. Doch bei jedem dritten Kind und jedem fünften Erwachsenen reichen auch schon kleinere Mengen aus, um das Verdauungssystem aus dem Takt geraten zu lassen: Sie leiden unter einer sogenannten Fruktosemalabsorption, das heißt, dass ihr Verdauungspotenzial schon bei 25 Gramm ausgereizt ist. Für diese Menge reichen bereits zwei Gläser Apfelsaft oder weniger als 80 Gramm Rosinen.

Durchfälle, Bauchkrämpfe, Blähungen

Leichter Durchfall und Blähungen alleine sind allerdings nichts, was Ärzten wirklich Sorgen bereitet: Jeder Dritte, der solche Fruktosemalabsorption hat, entwickelt daraus ein Symptom mit Krankheitswert. In diesen Fällen sprechen Mediziner und Ernährungsexperten von einer Fruktoseintoleranz. Typisch dafür sind Durchfälle, Bauchkrämpfe und Blähungen.

Doch es kann sogar noch schlimmer kommen. So fanden österreichische Wissenschaftler bei Menschen mit einer Fruktosemalabsorption heraus, dass sie überdurchschnittlich häufig an Depressionen leiden. Als Ursache vermutet Studienleiter Maximilian Ledochowski von der Uni-Klinik Innsbruck, dass der durch die Fruktose gereizte Darm weniger Tryptophan aus der Nahrung zieht.

Dieses Eiweiß wird für die Herstellung des Hirnbotenstoffes Serotonin benötigt: Fehlt er, kommt es, wie Ledochowski warnt, zu depressiven Beschwerden. Zudem könne es zum sogenannten Süßhunger kommen. Wer mehr Tryptophan im Blut hat, verspürt einen größeren Hunger nach Süßem. Isst er dieses, so wird die Darmwand weiter gereizt, es wird mehr Tryptophan ins Blut ausgeschüttet – und so entsteht ein Teufelskreis.

Veränderungen tief im Darm

Das ist natürlich gerade für Diabetiker, die oft zu diätetischer und damit fruktosehaltiger Kost greifen, geradezu kontraproduktiv. Denn auch sie spüren nach dem Verzehr dieser Nahrungsmittel mehr Hunger auf Süßes als vorher – und gleichzeitig sinkt ihre Stimmung.

Ledochowski und seine Mitarbeiter entdeckten außerdem, dass die Fruktosemalabsorption gerade bei Menschen jenseits der 35 Jahre oft den Folsäurespiegel im Blut nach unten drückt. Die Forscher vermuten, dass dies dadurch zustande kommt, dass die Fruktose in den tieferen Bereichen des Darms die Bakterienflora verändert.

Diese Bakterien spielen aber eine Schlüsselrolle in der Verwertung des B-Vitamins. Auch Zusammenhänge zwischen Fruchtzuckerverdauung und Zinkversorgung sind mittlerweile belegt. "In unserer Studie war kein einziger Patient mit Zinkmangel zu finden, der nicht gleichzeitig eine Fruktosemalabsorption zeigte", sagt Ledochowski. Die Fruchtzuckerunverträglichkeit führt somit zu einer Fehlversorgung mit verschiedenen Nährstoffen.

Keine Bagatelle

Es sei sogar durchaus möglich, dass hinter so mancher Immunschwäche eine überforderte Fruktoseverdauung steckt: Folsäure und Zink stärken das Immunsystem. Man sollte also auch diesen Aspekt ins Kalkül ziehen, wenn man häufig mit grippalen Infekten oder anderen Infekten zu kämpfen hat, vor allem dann, wenn man nach dem Genuss von Frucht- oder Obstsäften immer wieder an Durchfällen und Blähungen leidet.

In jedem Fall handelt es sich bei Fruktoseintoleranz nicht um eine Bagatelle, sondern um eine Erkrankung, die therapiert werden sollte. In der Behandlung aber setzen Mediziner nicht mehr auf die so naheliegende Therapie: Früher wurden die Patienten auf radikalen Fruktose-Entzug gesetzt. Doch dergleichen führe nur dazu, dass der Darm endgültig den Umgang mit dem Fruchtzucker verlernt "und langfristig die Beschwerden zunehmen anstatt besser werden", erklärt die Hamburger Ernährungswissenschaftlern Christiane Schäfer.

Deshalb setze man heute auf ein Drei-Stufen-Konzept, mit einer zwei- bis vierwöchigen Karenzphase am Anfang, in der kleine, fruktosearme und leicht verdauliche Mahlzeiten mit geringem Ballaststoffanteil auf dem Speiseplan stehen, um den Verdauungstrakt zu entlasten. Darauf folgt dann eine Testphase, in der der Arzt ermittelt, wie viel Fruktose der einzelne Patient genau verträgt, ohne Symptome der Unverträglichkeit zu entwickeln.

Frieden mit dem Fruchtzucker schließen

Diese Phase dauert sechs bis acht Wochen und endet schließlich in einer Langzeiternährung, in der die Patienten ihren Frieden mit dem Fruchtzucker geschlossen haben sollten und ihn – in den angepassten Mengen – wieder in ihren Speiseplan integrieren.

Bei dem neuen Speiseplan sollten Patienten daran denken, dass Fruktose nicht der einzige Zucker in Lebensmitteln ist. Denn auch Lebensmittel mit hohem Fruktosegehalt können besser verträglich sein, wenn ihr Glucose-Gehalt ebenfalls hoch ist. Enthalten Lebensmittel den Fruktosealkohol Sorbit, so wird die Fruktose schlechter aufgenommen – er erhöht die Unverträglichkeit.

Doch vor der Erstellung des Drei-Stufen-Plans kann mit einem Gentest abgeklärt werden, ob nicht eine "hereditäre Fruktoseintoleranz" vorliegt. Diese sehr seltene Erkrankung wird vererbt und kann aufgrund extremer Stoffwechselentgleisungen zu lebensbedrohlichen Leberschäden führen. Betroffene Patienten müssen ein Leben lang auf eine fructosearme oder sogar fructosefreie Ernährung achten. Meist wird diese Krankheitsform schon im Kindesalter erkannt.

Fürs Gewicht zählen die Kalorien

Für Übergewichtige ist Fruchtzucker keine Alternative. In jüngerer Zeit tauchten zwar Meldungen auf, wonach Fruktose wegen ihrer Stoffwechseleigenschaften – sie mobilisiert angeblich die Fettsynthese – eine Ursache für das häufiger werdende Übergewicht in unserer Gesellschaft sei.

Doch kanadische Forscher haben kürzlich die wissenschaftlichen Datenbanken zu dem Thema gesichtet. Das Ergebnis: Fruchtzucker bewegt den Zeiger auf der Waage weder mehr noch weniger nach rechts als andere Zucker. "Man kann Fruktose nicht für Übergewicht verantwortlich machen", sagt Studienleiter John Sievenpiper vom St. Michael's Hospital in Toronto. "Was allein zählt, sind die Kalorien."

Wenn also irgendein Nährstoff genauso viele Energie wie Fruktose liefert, trägt er auch genauso zu Speckpolstern bei. "Der Über-Konsum ist das Problem", sagt Sievenpiper. "Nicht der Stoffwechselweg."

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