09.07.12

Ministergattin

Martina de Maizière erwägt Afghanistan-Besuch

Die Frau des Verteidigungsministers setzt sich für traumatisierte Soldaten und ihre Familien ein. Einen Afghanistan-Besuch schließt sie nicht aus - aber nur, wenn die Visite nicht zum "Showakt" würde.

Foto: Simone Meyer
Martina de Maizière (M.) im Gespräch mit dem evangelischen Militärseelsorger Christian Fischer und der Diplomsozialpädagogin Martina Müller von der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Soldaten über die Probleme traumatisierter Soldaten
Martina de Maizière (M.) im Gespräch mit dem evangelischen Militärseelsorger Christian Fischer und der Diplomsozialpädagogin Martina Müller von der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Soldaten über die Probleme traumatisierter Soldaten

"Komm heil nach Hause!", hatte sie ihrem Mann am Abend vorher noch gesagt. Er wünschte ihr "viel Erfolg und gute Gespräche", bevor er in den Regierungsflieger nach Afghanistan stieg. Gut zwölf Stunden später sitzt Martina de Maizière mit Menschen zusammen, die eben nicht heil aus Afghanistan nach Hause gekommen sind. Während Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) zum siebten Mal seine Truppe am Hindukusch besucht, spricht seine Frau an diesem Vormittag rund 6000 Kilometer entfernt mit traumatisierten Soldaten und deren Angehörigen.

Als die Dresdnerin nach zwei Stunden Autofahrt am "Haus Wiesenthal" ankommt, im kleinen Kurort Oberwiesenthal im Erzgebirge, taucht aus dem Nebel in den Bergen gerade wieder die Sonne auf. Im Garten toben Kinder auf einer Hüpfburg, ein Mädchen reitet auf einem Pferd, zwei Jungs kraxeln an einer Kletterwand. Ringsherum: Ruhe. Niemand macht viel Aufhebens darum, dass gerade die Frau des Verteidigungsministers im Haus ist. Und das ist der 57-Jährigen auch ganz recht. Aufmerksamkeit auf sich ziehen will sie nicht. Lieber fragen, zuhören, Mut machen.

Vor einem halben Jahr etwa hat Martina de Maizière beschlossen, dass sie sich für die Mitarbeiter ihres Mannes engagieren möchte, denen der Bundestag gefährliche Aufträge im Ausland erteilt. "Wir müssen auf alle zugehen, sie integrieren, weil wir als Gesellschaft insgesamt für sie verantwortlich sind, seien sie verwundet oder nicht", sagt sie.

Was bekommen Kinder von der Traumatisierung mit?

Das "Haus Wiesenthal", ein ehemaliges NVA-Erholungsheim, das seit 1990 dem Bundeswehrsozialwerk gehört, ist in diesen Tagen für vier Familien reserviert, deren Leben der Afghanistan-Einsatz auf den Kopf gestellt hat. Weil er die Väter seelisch krank gemacht hat, posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nennen das die Ärzte. "Viele vergleichen es mit einem Erdbeben", schildert der evangelische Militärpfarrer Christian Fischer der Frau des Ministers. "Da stürzt nicht nur das Haus ein, da geht auch drum herum viel kaputt."

Martina de Maizière nickt. Sie kennt solche Schicksale. Als Sozialpädagogin hat sie selbst beruflich mit Menschen zu tun, die mit Traumatisierten arbeiten. "Wie geht es den Kindern?", fragt sie als Erstes. "Was bekommen die von den Belastungen ihrer Väter mit?" Damit trifft sie schon im ersten Gespräch einen wunden Punkt. Mag sich die Bundeswehr seit zwei, drei Jahren auch besser um einsatzversehrte Soldaten kümmern als früher – diejenigen, die mittelbar leiden, stehen beim Dienstherrn noch nicht unbedingt vorn.

Diese Rückkehrerfreizeit in Oberwiesenthal ist eine Premiere, zum ersten Mal sind auch die Kinder von Betroffenen zu einer solchen Veranstaltung eingeladen. Organisation und Betreuung teilen sich die beiden Kirchen mit dem Bundeswehrsozialwerk. "Wir wollen den Familien hier Erholung anbieten, damit sie sich selbst nach diesem Erdbeben wieder sortieren können", sagt Martina Müller, Sozialpädagogin bei der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Soldaten.

Sie betreut die Familien gemeinsam mit Pfarrer Fischer und einem Familientherapeuten. "Wenn sie aus dem Einsatz zurückkommen, erkennen sich Soldaten manchmal selbst nicht wieder", sagt Martina Müller. "Wie soll er seine Veränderungen dann der Partnerin erklären?" Genauso müssten Kinder erst einmal verstehen, warum Papa plötzlich aggressiv wird, wenn eine Tür zuknallt oder sie beim Spielen zu laut kreischen. "Oft ist das ein Leben im Pulverfass."

"Der Apparat kann sehr unbeweglich sein"

Auch dieses Bild versteht Martina de Maizière. "Wo sollte sich etwas verändern?", fragt sie weiter. Man müsse die Familien viel eher in die Behandlung und Therapie mit einbeziehen, sagen beide Kirchenmitarbeiter sofort. Doch das hat die Bundeswehr ebenfalls erst spät erkannt.

Von bürokratischen Hürden, die vieles erschweren, hat die Frau des Ministers oft gehört in den vergangenen Monaten, seit sie sich im "Netzwerk der Hilfe" der Bundeswehr genauer umsieht. "Dieser Apparat kann sehr unbeweglich sein", sagt sie. "Das ist manchmal schwer auszuhalten."

Dem obersten Chef des Apparates geht das offenbar ähnlich, nur bekommt er die Probleme selten aus erster Hand berichtet, wie seine Frau neuerdings. "Natürlich erzähle ich meinem Mann, was ich bei meinen Besuchen sehe und welche Rückschlüsse ich ziehe", sagt Martina de Maizière.

Sie sage ihm auch durchaus: "Das kann ja wohl nicht sein, wie dieses oder jenes geregelt ist." Meistens antworte er aber: "Das weiß ich doch schon." Und trotzdem gibt es einige, Mitarbeiter wie Politiker, die dem Minister, Spitzname "Büroklammer", vorwerfen, er greife nicht genug durch, um Hilfsstrukturen wirklich zu verändern.

Grundsätzlich fehlendes Verständnis

Ein bisschen nimmt Martina de Maizière ihren Mann da in Schutz. "Es sind nicht alle Schwierigkeiten immer nur bundeswehrtypisch", sagt sie. Oft täten sich auch andere Institutionen, die an der Versorgung von Traumatisierten beteiligt sind, unglaublich schwer, etwa mit der Verrentung oder der Anerkennung von Verdienstausfällen.

An diesem grundsätzlich fehlenden Verständnis, gerade für die Besonderheiten einer Einsatzarmee, will die 57-Jährige etwas ändern. "Als Frau des Verteidigungsministers kann ich vielleicht ein größeres Maß an Öffentlichkeit herstellen als andere."

Einen Verein gründen werde sie nicht, auch keine Stiftung, eher mal eine Schirmherrschaft übernehmen. Die ersten Partner aus Sport und Musik habe sie schon gewonnen. Sie sei in Gesprächen mit Verantwortlichen aus der Bundesliga. Auch die frühere Dressurreiterin und Vizevorsitzende des Kinderhilfswerks Unicef Deutschland, Ann Kathrin Linsenhoff, habe Hilfe angeboten.

Besuch in Afghanistan "darf nicht zum Showakt werden"

"Ich will kein Geld einnehmen", sagt die selbstständige Supervisorin de Maizière. Vielmehr gehe es darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Möglicherweise wird sie dazu selbst mal nach Afghanistan fliegen. "Ich bin da nicht ganz abgeneigt", sagt die 57-Jährige. "Ich würde liebend gern mal persönlich sehen, wie die Soldaten im Einsatz leben, das muss aber nicht unbedingt mit meinem Mann gemeinsam sein."

Und sie würde sich vorher fragen: "Bin ich die Richtige, die mit so einem Besuch Wertschätzung in den Einsatz bringt?" Einerseits sei es schon wichtig, Öffentlichkeit herzustellen. "Das darf aber nicht zum Showakt werden." Deswegen spricht sie mit den vier Familien in Oberwiesenthal auch allein. Für die Betroffenen ist es schwer genug, Fremde in eine Runde zu lassen, in der jeder ähnliche Sorgen hat.

Als Martina de Maizière an diesem Abend wieder zu Hause in Dresden ankommt, ist ihr Mann noch auf dem Rückflug. Bei seinen Besuchen in Kundus und Masar-i-Scharif hat er sich zwar fast nur in geschützten Feldlagern bewegt. Trotzdem macht sich seine Frau bei solchen Reisen Sorgen. "Ich bekomme jedes Mal einen Anruf oder eine SMS, wenn er wieder in Usbekistan angekommen ist und dort in den Regierungsflieger steigt", sagt sie. "Dann sagt er immer Bescheid: alles gut."

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