03.07.2012, 23:29

Infektionsforschung Malaria-Infektionen gehen noch lange nicht zurück

Moskitonetz

Foto: DPA

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Von Annett Klimpel

Eine halbe Million Menschen erliegen jedes Jahr der Malaria-Infektion. In Asien breiten sich Resistenzen gegen einen wichtigen Wirkstoff aus. Ist vielleicht auch Afrika schon betroffen?

Die Zahl der Malaria-Todesfälle ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen – doch wie lange noch? In zwei Studien beleuchten Wissenschaftler zwei Bereiche im Kampf gegen die Krankheit: das Versprühen von Insektiziden und die Wirksamkeit von Artemisinin. Die Arbeiten sind im "American Journal of Tropical Medicine and Hygiene" (AJTMH) veröffentlicht. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von Ende 2011 sterben jährlich rund 650.000 Menschen an Malaria, 91 Prozent davon in Afrika.

Bis 2015 soll kein Mensch mehr an Malaria sterben – das haben sich die Vereinten Nationen (UN) mit ihrem Anti-Malaria-Projekt vorgenommen. "In unserer Welt des Überflusses gibt es keine Entschuldigung für den Verzicht auf kluge und bezahlbare Investitionen in die Malaria-Bekämpfung", betonte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erst im April.

Ein Ergebnis der beiden aktuellen Studien ist, dass sich zumindest im afrikanischen Mali die in Asien aufgetauchten Resistenzen gegen den wichtigen Wirkstoff Artemisinin noch nicht ausgebreitet haben. Artemisinin galt lange als Wunderwaffe im Kampf gegen Malaria. Es stammt aus Einjährigem Beifuß, an einem künstlichen Ersatzstoff wird gearbeitet.

Frei von Erregern in 2 Tagen

Die Forscher um Abdoulaye Djimde von der Universität in Bamako hatten für ihre Analyse den von Artemisinin abgeleiteten Arzneistoff Artesunat verwendet. Sie behandelten von Ende 2010 bis Anfang 2011 ein bis zehn Jahre alte Kinder im Dorf Bougoula-Hameau im Süden Malis, in dem es alljährlich zu sehr vielen Übertragungen des Malaria-Erregers Plasmodium falciparum kommt.

Alle acht Stunden wurden bei insgesamt 100 behandelten Kindern Blutproben genommen, bis kein Erreger mehr nachweisbar war. Im Mittel verschwand der Parasit binnen 32 Stunden, schreiben die Forscher. In Gebieten Kambodschas, in denen sich bereits Resistenzen zeigten, seien es dagegen 84 Stunden gewesen. Im Normalfall ist der Großteil der Malariapatienten binnen zwei Tagen nach Start der Behandlung frei von Erregern – eine Verzögerung um Tage wird als Hinweis auf eine beginnende Resistenz gewertet.

"Unsere Studie zeigt, dass es in dieser Region Afrikas keine Artemisinin-Resistenzen zu geben scheint", wird Djimde in einer Mitteilung zur Studie zitiert. In Mali werde Artemisinin allerdings auch erst seit 2004 großflächig verwendet, in Kambodscha schon mehr als 30 Jahre lang. Zudem fehle es an vergleichbaren Studien aus anderen Regionen Afrikas.

Resistenzen schwer zu erkennen

Zwar erfasse die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Daten aus Kliniken des Kontinents, um auf Wirkstoffresistenzen aufmerksam zu werden. Gegen Malaria werde dort aber meist ein Kombinationspräparat und nicht Artemisinin allein eingesetzt. Das könne das Aufspüren sich entwickelnder Resistenzen erschweren, schreiben die Forscher. Die Wirkstoffe neben Artemisinin könnten die ersten Anzeichen maskieren, befürchten sie.

Frühere Erfahrungen gäben Anlass, über die mögliche Entwicklung besorgt zu sein, gibt Koautor Christopher Plowe zu bedenken. "In der Vergangenheit haben sich Parasitenresistenzen gegenüber Malariawirkstoffen von Südostasien startend letztendlich auch in Afrika ausgebreitet."

Ein wichtiger Schritt wäre Plowe zufolge die Entdeckung eines genetischen Markers des Parasiten für dessen Artemisinin-Resistenz. Er glaube, dass die Wissenschaft einer solchen Entdeckung nahe sei.

Besprühen von Innenräumen

Forscher der North Carolina Central University (NCCU) und der Duke University in Durham (North Carolina) prüften den Erfolg eines anderen Ansatzes im Kampf gegen Malaria, der sich nicht gegen den Erreger, sondern den Überträger – die Anopheles-Mücke – richtet. Sie untersuchten in einer Metaanalyse 13 verschiedener Studien, wie wirksam der Einsatz von Insektizid-Innenraumsprays (Indoor residual spraying, IRS) in den vergangenen zehn Jahren war.

Mit dem Besprühen von Innenräumen sollen die Mücken getötet werden, bevor sie Menschen stechen und den Malaria-Erreger übertragen können. Knapp die Hälfte der von Malaria betroffenen Länder nutzten IRS-Verfahren, schreiben die Forscher, rund ein Dutzend verwendeten dabei auch das umstrittene Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT).

Im Jahr 2009 seien allein in Afrika 75 Millionen Menschen in IRS-Maßnahmen einbezogen worden. Im Schnitt gehe die Zahl der Infektionen dank der Sprüh-Einsätze um 62 Prozent zurück, schreibt das Team um NCCU-Forscher Dohyeong Kim. Und dies, obwohl die Mücken immer resistenter gegen einige weit verbreitete Insektizide geworden seien. Am wirksamsten sei die Methode in Gegenden mit hohen Erkrankungsraten oder solchen, in denen sowohl der Parasit Plasmodium falciparum als auch sein weniger gefährlicher Verwandter Plasmodium vivax vorkämen.

DDT effektiver als andere Mittel

Einen deutlichen Vorteil bringe es dann zudem, mehrere Sprührunden in Folge durchzuführen, schreiben die Forscher. Wirksamstes Mittel sei DDT. Die Substanz wurde jahrzehntelang als Kontakt- und Fraßgift eingesetzt. Sie ist chemisch stabil sowie gut fettlöslich und reichert sich daher im Gewebe von Menschen und Tieren entlang der Nahrungskette an.

Umstritten ist sie vor allem wegen ihrer hormonähnlichen Wirkungen, zudem besteht der Verdacht, dass DDT Krebs auslösen kann. In den meisten westlichen Industrieländern ist der Einsatz schon seit langem verboten.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass DDT effektiver das Malariavorkommen reduziert als Pyrethroide oder andere Insektizide", schreiben die Wissenschaftler. Derzeit würden in IRS-Programmen am häufigsten Pyrethroide verwendet, doch in den vergangenen Jahren seien die Überträgermücken in vielen Malaria-Gebieten unempfindlich dagegen geworden. Es gelte, die Gesundheitsgefahren von DDT von Fall zu Fall gut gegen den erzielten Nutzen abzuwägen, geben die Forscher zu bedenken. Zu berücksichtigen sei dabei, dass das Gift bei den IRS-Ansätzen bei weitem nicht so großzügig und bedenkenlos eingesetzt werde wie ehemals in der Landwirtschaft.

Natürliche evolutionäre Anpassung

Dass Mücken unempfindlich gegen Insektizide werden, ist eine natürliche evolutionäre Anpassung. Ähnliches gilt auch für die Resistenzen von Plasmodien gegen Malariamittel – allerdings verstärken betrügerische Machenschaften die Entwicklung. Gefälschte oder mangelhafte Medikamente gefährdeten den Erfolg im Kampf gegen die Malaria, indem sie zu Resistenzen führten, warnten Forscher der Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH) in den USA kürzlich im Fachmagazin "The Lancet Infectious Diseases" (Bd. 12, Nr. 488)

Das Team um Gaurvika Nayyar hatte Studien aus Südostasien und Afrika ausgewertet. Das Ergebnis: Zwischen 20 und 42 Prozent der getesteten Präparate, die in 28 Ländern angeboten worden waren, hatten eine schlechte Qualität oder waren gefälscht. "3,3 Milliarden Menschen sind von einer Ansteckung mit Malaria bedroht, die in 106 Ländern vorkommt", schreibt Nayyar, die am Fogarty International Center der NIH arbeitet.

Zuletzt wurden Resistenzen gegen Kombi-Präparate mit dem Wirkstoff Artemisinin aus der Grenzregion zwischen Thailand und Kambodscha bekannt. Dies alarmierte die Gesundheitsbehörden weltweit, weil Kombinationspräparate mit Artemisinin als besonders wirksame Waffe gegen Malaria gelten.

(dpa)
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