Konflikt
Syrische Widerstandskämpfer planen Offensive
Ein Ende der Gewalt in Syrien ist nicht in Sicht. Die Kämpfer der Freien Syrischen Armee hoffen auf Hilfe aus dem Ausland.
Die internationalen Bemühungen um ein Ende des Konflikts in Syrien kommen nur schleppend voran. Die Aktionsgruppe für Syrien beschloss am Wochenende in Genf ein Grundsatzpapier zur Beilegung der Auseinandersetzungen, dieses stieß bei Oppositionsgruppen jedoch umgehend auf Ablehnung. Auf Druck Russlands wurde in der angenommenen Version des vom internationalen Sondergesandten Kofi Annan eingebrachten Vorschlags offengelassen, ob Präsident Baschar al-Assad Teil einer vereinbarten Übergangsregierung werden soll oder nicht.
Die türkische Armee ließ unterdessen Kampfjets gegen syrische Hubschrauber aufsteigen, die sich der türkischen Grenze genähert hatten. Wie der türkische Generalstab bekannt gab, wurde gleich dreimal Alarm ausgerufen. In zwei Fällen seien Kampfjets von der Nato-Basis im südtürkischen Incirlik, in einem weiteren Fall vom Luftwaffenstützpunkt in Batman aufgestiegen. Nach Angaben des Generalstabs handelte es sich um Kontrollflüge, keiner der syrischen Hubschrauber sei in den türkischen Luftraum eingedrungen.
Syrien in Schutt und Asche
Ein ausgebrannter Panzer neben der Straße, den eine unter der Fahrbahn versteckte Bombe in den Graben wuchtete. In den Häuserwänden klaffen Löcher vom Granatenbeschuss. Die Straßen sind mit riesigen Felsbrocken und Steinschutt versperrt. Vor zehn Tagen kontrollierten hier, in der Nähe von Hawar, noch Soldaten der syrischen Armee alle Fahrzeuge.
Heute sind es die Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA), die die Wagen freundlich durchwinken. Siegsicher lachende Männer, die ihre Kalaschnikows neben Motorrädern im Schatten der Bäume liegen haben. Innerhalb einer Woche konnten die Rebellen das befreite Gebiet ausweiten und stehen nun zehn Kilometer vor Aleppo, der größten Stadt Syriens.
Benzin ist Mangelware
Ob Sammeltaxis oder Lkw, die Tomaten, Aprikosen oder Elektrogeräte transportieren – alle müssen durch das Gebiet der "Terroristen", wie der syrische Präsident Baschar al-Assad die FSA nennt. Die Fahrer kümmert es wenig. Ärgerlich sei nur, dass die Fahrtroute zwischen Aleppo und der 45 Kilometer entfernten türkischen Grenze ständig wechsele und über holprige Pisten führe. "Mal wird hier geschossen, mal dort gekämpft", sagt Farouk fast belustigt. Er fährt die Strecke seit zwölf Jahren. "Man muss sich eben durchfragen."
In Dana, etwa fünf Kilometer vom syrischen Grenzübergang Bab al-Hauwa entfernt, ist ein Kiosk mitten auf dem Dorfplatz Treffpunkt und Tankstelle zugleich. Rebellen, noch sichtlich müde vom nächtlichen Kampfeinsatz, trinken gemütlich Cola und tauschen dabei Informationen und Geschichten aus. Ständig halten Fahrzeuge der FSA, die hier aufgetankt werden. Hinter dem Kiosk stehen mehrere 200 Liter große Plastikbehälter. Benzin wird in diese Gegend vom syrischen Regime schon lange nicht mehr geliefert. Aber selbst in Aleppo ist es Mangelware und nur mehr auf dem Schwarzmarkt zu erhöhten Preisen erhältlich. Die FSA hat mehrere Ölpipelines in die Luft gesprengt. Kilometerlang sind in Aleppo die Schlangen vor den Tankstellen. Die Autofahrer legen sich dabei oft unter ihre Fahrzeuge, wenn sie sonst keinen Schutz vor der Sonne finden. Bei Temperaturen bis 45 Grad mehr als verständlich.
Warten auf Raketen
In Dana ist man optimistisch. "Wir werden Assad und sein Regime besiegen", erklärt Ahmed, ein junger Kämpfer. "Wir warten nur auf Raketen, mit denen wir Hubschrauber abschießen können." In einigen Wochen sollen sie geliefert werden, meint der 24-Jährige zuversichtlich. "Dann können wir auch tagsüber kämpfen", wirft Mohammed ein, der gerade dazu kommt. Er ist Lehrer an der hiesigen Schule. Die Kampfhubschrauber der syrischen Armee sind für die FSA die größte Bedrohung. Sie verfügen über schwere Maschinengewehre und Raketen. Deshalb starten die Rebellen ihre Operationen in der Regel nie vor Sonnenuntergang. "Sobald sie uns am Boden sehen, eröffnen sie das Feuer", erzählt Ahmed. "Im freien Gelände, in dem es fast keinen Schutz gibt, ist das tödlich." Aber wie durch ein Wunder, meint Mohammed, der Lehrer, sei das Dorf noch nie beschossen worden. "Nur die Stellungen der FSA, außerhalb in den Bergen", versichert er mehrmals. "Die Piloten müssen gute Menschen sein, heißt es bei uns im Ort schon."
Sein Dorf mag Glück gehabt haben, andere Städte und Dörfer in Syrien hatten das nicht. Sie wurden von Regierungstruppen gnadenlos beschossen und vielfach in Schutt und Asche gelegt. Etwa 15.000 Menschen, davon die meisten Zivilisten, sind bisher im 16-monatigen Bürgerkrieg umgekommen. Und fast täglich kommen Hunderte Opfer hinzu.
"Bald werden wir den Grenzübergang Bab al-Hauwa einnehmen", sagt der junge Rebell Ahmed. Ein FSA-Offizier, der seinen Wagen tankte, kommt hinzu und bestätigt: "Lange werden wir nicht mehr warten. Die Waffen, die wir dazu brauchen, sind unterwegs." Woher sie kommen, will der über 40 Jahre alte Soldat jedoch nicht verraten.
Katar und Saudi-Arabien hatten vergangene Woche angekündigt, die syrischen Rebellen finanziell und mit Waffenlieferungen zu unterstützen. Laut Medienberichten sind auch Vertreter des US-Geheimdienstes CIA vor Ort, um Oppositionsgruppen auszuwählen, die man bewaffnen will.
Fieberhafter Kampf
"Wir müssen auf Hilfe aus dem Ausland nicht warten", behauptet der FSA-Offizier, der seinen Namen nicht nennen will. "Wir holen uns selbst, was wir brauchen." Er meint wohl die Waffenlager der syrischen Armee, die von der FSA kürzlich geplündert wurden. Am 23. Juni bedienten sich die Rebellen in einer Kaserne in Deir al-Zour, eine Stadt im Osten des Landes. Aber für die FSA, die in der Region Aleppo operiert, war die Eroberung des Stützpunkts des Bataillon 1041 der syrischen Luftabwehr ein Volltreffer. In Darat Ezzah, nur zwei Kilometer von Dana entfernt, gab es alles, was ein Rebellenherz begehrt. Neben reichlich Gewehren und Munition auch Flugabwehrgeschütze sowie Panzerabwehrraketen, die man von der Schulter aus abschießt und die ihr Ziel selbst suchen. Jede Nacht werden syrische Truppen von FSA-Einheiten angegriffen.
Auf der türkischen Seite, in der Stadt Antakya, wird fieberhaft an der Organisation des bewaffneten Kampfes gegen die Regimetruppen im Raum Aleppo gearbeitet. "Wir versuchen möglichst viele neue Bataillone aufzustellen", erklärt Mohammed Hamoudi, der selbst eine 90 Mann starke Einheit in Lattakia anführt. Hamoudi gehört nicht offiziell zur FSA-Führung. Er ist aber Teil des inneren Zirkels und trifft sich regelmäßig mit dem FSA-Chef Mustafa al-Scheich. 80 Prozent aller Kämpfer der syrischen Opposition, so behauptet Hamoudi, würden den Oberbefehl der FSA akzeptieren. "Wir brauchen Disziplin und koordiniertes Vorgehen", sagt er aufgewühlt.















