Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
05.04.09

Wolfgang Tiefensee

"Die Diktatur der DDR wirkte wie lähmendes Gift"

Mit Wolfgang Tiefensee will die SPD die Wahl im Osten gewinnen. Der designierte Vorsitzende des "Forums Ostdeutschland" ist populär und hat 35 Jahre seines Lebens in der DDR gelebt. Der "Morgenpost Online" sagte er, wie er mit der Verklärung des Honecker-Regimes umgeht.

© AP
Wolfgang Tiefensee
Als Bau- und Verkehrsminister verantwortet Wolfgang Tiefensee seit 2005 auch den Aufbau Ost

Morgenpost Online: Herr Minister Tiefensee, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie lesen, dass 41 Prozent der Ostdeutschen die DDR nicht für einen Unrechtsstaat halten?

Wolfgang Tiefensee: Das zeigt einmal mehr, dass eine Diskussion "Unrechtsstaat – ja oder nein?" der Komplexität nicht gerecht wird und so nicht weiterführt. Ehemalige DDR-Bürger haben unter einem diktatorischen Regime gelebt, reklamieren aber zu Recht, dass ihre Lebensleistung anerkannt wird. Wir wehren uns gegen Schwarz-Weiß-Malerei. Das macht sich jetzt an der Debatte über den Unrechtsstaat fest. Dieser Begriff wird von jenen Ostdeutschen abgelehnt, die ihn als persönlichen Angriff auf ihre Lebensleistung deuten. Wir Ostdeutschen sollten die Diktatur beim Namen nennen und zugleich selbstbewusster sein, weil wir die Mauer zum Einsturz gebracht haben.

Morgenpost Online: Bedrückt Sie das Schönreden der Diktatur?

Tiefensee: Durchaus. Wir haben in einer sogenannten Diktatur des Proletariats gelebt, einem Staat, der demokratische Grundrechte versagte. Das bedeutet aber nicht, dass das Leben in der DDR nicht auch vielfältige schöne Seiten gehabt hat. Ich hatte eine wunderbare Kindheit, konnte mich bilden und reisen. Aber das ist nur die eine Sicht. Ich vergesse nicht, wie gefährlich es war, das offene Wort zu pflegen. Das führte zu einem Klima der Verlogenheit. Es gab keine Freiheit des Wortes, der Reise, der Wahl und des Wohnsitzes, Menschen sind an der Grenze gewaltsam zu Tode gekommen. Es war auch eine Diktatur des Alltags. Sie wirkte wie ein lähmendes Gift.

Morgenpost Online: Viele Westdeutsche verklären im Rückblick die alte Bundesrepublik und trauern über den Untergang der "coolen BRD". Woher kommt die Nostalgie im Westen?

Tiefensee: Wenn das so ist, dann wohl deshalb, weil wir in schweren Zeiten leben. Da blickt man gern auf die vermeintlich gute alte Zeit zurück. Bei uns im Osten wurden nach 1989 nahezu alle Lebensbereiche auf den Kopf gestellt und fast alle Strukturen abgewickelt. Manches hätte man durchaus auf den Westen übertragen können. Aber das war nicht gewollt. Das Motto lautete: Wir müssen im Westen nichts ändern.

Morgenpost Online: Die Sicht der Linkspartei auf die DDR scheint gesellschaftsfähig geworden zu sein. Das Ergebnis erfolgreicher Geschichtspolitik?

Tiefensee: Die Linke arbeitet mit simplen Formeln. Sie setzt Kritik am SED-Regime mit Herabsetzung ostdeutscher Biografien gleich und redet staatliche Willkür und Justizterror als "Demokratiedefizite" klein. Meine Botschaft ist nicht so eingängig: Die DDR-Bürger haben in einem Käfig gelebt. Selbst wenn man dort angenehm leben konnte, auch wenn er also gut ausgepolstert war, Erlebnisse hatte, es war doch ein Käfig.

Morgenpost Online: Atmet Lafontaines Linke noch den Geist der kommunistischen Kaderpartei?

Tiefensee: Der Geist der Verklärung der DDR ist in dieser Partei mit Händen zu greifen.

Morgenpost Online: Sahra Wagenknecht wird vermutlich in den Bundestag einziehen. Die alte PDS hatte eine solche Kandidatur der Führungsfigur der kommunistischen Plattform stets verhindert. Welches Signal geht davon aus?

Tiefensee: Durch die Kandidatur von Frau Wagenknecht wird die Linke endlich mit ihren Flügeln kenntlich. Das finde ich gut. Bislang hat sie verschämt versucht, sich von Mitgliedern mit radikalen Positionen zu distanzieren. In der Partei wirken Kräfte, die ziemlich dicht an rechtem Gedankengut dran sind. Schließlich gibt es stramme Marxisten wie Wagenknecht. Es ist legitim, dass sie ihre Überzeugungen äußern. Ich möchte aber niemals, dass sie an Einfluss gewinnen.

Morgenpost Online: Auch von Ihren Parteifreunden schaut mancher mit verklärtem Blick auf die DDR. Warum ist die SPD in dieser Frage so zerrissen?

Tiefensee: Die SPD hat einen gemeinsamen Nenner. Er lautet: 1989 ist ein System gescheitert, die Menschen jedoch nicht. Manchmal wird aber zu sehr nur eine Seite der Medaille hervorgehoben. Der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern hat jüngst die schöne Seite zu stark betont.

Morgenpost Online: Wie muss den Opfern zumute sein, wenn der Schweriner Regierungschef Erwin Sellering die Diktatur-Vergangenheit derart bagatellisiert?

Tiefensee: Wir werden den Opfern nur gerecht, wenn wir in aller Schärfe den Charakter der SED-Diktatur herausstellen. Da darf nichts ausgeblendet werden. Aber auch die Opfer werden verstehen müssen, dass ihr Schicksal das Wesen der DDR nicht vollständig abbildet. Die große Masse der Menschen hatte sich in diesem System eingerichtet, und so stoßen zwei Erfahrungswelten aufeinander. Wir müssen darauf achten, dass wir die Stimme der Opfer nicht überhören.

Morgenpost Online: Mehr als die DDR-Vergangenheit hat Sie zuletzt die Deutsche Bahn beschäftigt. Hartmut Mehdorn wollte den Konzern an die Börse bringen. Hat sich das jetzt erledigt?

Tiefensee: Die Teilprivatisierung lässt sich gegenwärtig schon wegen der Finanzmarktkrise nicht realisieren. Auch in der nächsten Legislatur sollte man davon Abstand nehmen.

Morgenpost Online: Stammte der Vorschlag, Daimler-Vorstand Rüdiger Grube zum neuen Bahn-Chef zu machen, von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) oder vom Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier (SPD)?

Tiefensee: Sechs Vertreter der Koalition haben sich über mehrere Kandidaten unterhalten. Darüber ist Stillschweigen vereinbart worden. Mich ärgert, dass solche Absprachen nicht eingehalten werden. Da die Diskussion darüber nun einmal begonnen hat, will ich betonen, der Vorschlag kam von beiden Seiten. Das ist keine diplomatische Antwort, sondern eine, die dem Gesprächsverlauf gerecht wird.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
EU-Gericht: Lindts Goldhase ist keine Marke
Bitteres Hasen-Urteil

Lindt-Goldhasen bekommen keinen EU-weiten Markenschutz.

Video Nachrichten mehr
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Atemnot Elton John sagt Vegas-Konzerte ab
Spitzentreffen Immer noch keine Einigung zum Fiskalpakt
Nasa-Satellit SDO Spektakuläre Aufnahmen der Sonne veröffentlicht
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Kaufberatung

Günstige Digitalkameras unter 150 Euro im Test

Habgier

Deutscher wegen Lego-Diebstahls vor US-Gericht

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote