21.06.12

EM-Tattoos

Die Haut der Fußballstars wird zur Leinwand

Auch Sportler befriedigen ihr Geltungsbedürfnis mit aufwändigen Tätowierungen. Bei der EM gibt es diese überall zu sehen, obwohl nicht alle Spieler so zeigefreudig sind wie unsere Beispiele.

Foto: AFP

Der deutsche Nachwuchs-Mittelfeldzauberer Marco Reus trägt seinen Vornamen und Geburtsdatum auf der Innenseite des linken Unterarms. Bedrohlich.

28 Bilder

So ganz neu ist die Neigung nicht, seinen Körper unwiderruflich zu verzieren. In Chile wurden 7000 Jahre alte Mumien gefunden, die an Händen und Füßen tätowiert waren, und auch die Gletschermumie Ötzi trug Zeichen, die mit Nadeln oder durch kleine Schnitte unter die Haut geritzt worden waren. Von kaukasischen Reitervölkern, den Ureinwohnern Mikronesiens, Polynesiens, Samoas oder Japans, den Anui, ganz zu schweigen. Und jetzt also die Fußballer.

Wann immer sie sich bei dieser EM nach getaner Arbeit die Trikots über die Köpfe ziehen, sieht es aus wie früher im Seemannsheim. War David Beckham zu seiner Blütezeit mit seinem immer sichtbaren Hals-Tattoo noch ein Pionier, sind heute Tätowierungen zu sehen, wohin der Blick auch schweift.

Schriftzeichen, Drachen, Spielkarten, Pokale, Eheringe, Kindernamen, Nationalflaggen oder Frauenfiguren. Besonders auffällig: der Portugiese Raul Meireles, der Niederländer Nigel de Jong und der Däne Daniel Agger, der sogar selbst Hand anlegt.

Das Meister-Tattoo liegt bereit

Der Verteidiger des FC Liverpool gilt als hochqualifizierter Tätowierer. Ihn zieren beispielsweise lateinische Weisheiten wie "Mors certa, hora incerta" ("Der Tod ist sicher, sein Zeitpunkt nicht"), asiatische Schriftzeichen oder ein rückenfüllender Wikinger, auf einem Friedhof sitzend. Während auf seiner Hinteransicht durchgängig nur schwarze Tinte zum Einsatz kam, geht es auf seinem linken Arm, angefangen mit der dänischen Flagge ganz oben, bunt zu.

Zuletzt belohnte sich Agger für den Gewinn des britischen Carling-Cups mit einer riesigen Halskette bis knapp zum Bauchnabel. Für den Fall der Fälle, den Gewinn der Premier League, hält er für sich und sein Team schon ein exklusives Design bereit. Noch in der Schublade. Denn seit Agger 2006 zu den Reds wechselte, waren Manchester United, der FC Chelsea und zuletzt Manchester City Champions.

Der Italiener Daniele De Rossi bevorzugt leichtere Themen und zeigt Humor, ließ sich ein Warnschild mit einem grätschenden Fußballer in die Wade stechen. Lukas Podolski beweist auf dem Oberarm Liebe zu "Cologne", seiner Fußballheimat Köln.

Das Bild täuscht

"Ja, es sind viele Fußballer tätowiert", sagt der Psychologe Dirk Hofmeister (39) von der Universität Leipzig. Aber es seien nicht mehr als bei anderen Sportlern oder auch in anderen Bevölkerungsgruppen. Das Bild, das sich bei der Europameisterschaft biete, täusche möglicherweise. "Es gibt auch noch ausreichend Exemplare von Fußballern, die nicht tätowiert sind", findet der Wissenschaftler, der den Körperschmuck erforscht hat.

Einstmals signalisierten in die Haut geritzte Zeichen die Zugehörigkeit zu einem Stamm, einer Gruppe und mehr noch die Abgrenzung zu anderen. Die heute gängigen Tattoos brachten im 18. Jahrhundert europäische Seefahrer aus Polynesien mit.

Aus dem "tatau" oder dem haitianischen "tatu", wurde dann in England das "Tattoo". Einstmals die Domäne von Seefahrern, später von Gefängnisinsassen oder Soldaten oder Motorradgangs wurden Tätowierungen dann auch in der Rock- und Pop-Szene immer salonfähiger.

Zeichen von Geltungsbewusstsein

Dass der Trend, sich jetzt mitunter auch völlig sinnfrei körperlich zu schmücken, immer mehr in die Breite geht, sieht Hofmeister als ein gesellschaftliches Phänomen: Eine Untersuchung habe ergeben, dass hierzulande ungefähr ein Viertel der jungen Erwachsenen unter 25 Jahren tätowiert sei. Fußballer stünden in der Öffentlichkeit und seien möglicherweise auch Trendsetter.

"Um als Leistungssportler vorne dabei zu sein, muss man zum einen ein sehr ausgeprägtes Ego und zum anderen ein gewisses Geltungsbedürfnis haben." Geltungsbedürfnis kann sich demnach in Tätowierungen zusätzlich ausdrücken. So gesehen, doch wieder eine Art der Abgrenzung. Mein Tattoo gehört mir, und kein anderer kann es haben.

Persönliche Motive

"Sehr sympathisch" findet der Psychologe den Spruch des Briten Wayne Rooney. Dessen rechten Arm zieren die Worte "Just Enough Education To Perform" – "Gerade genügend Ausbildung, um aufzutreten", ein Albumtitel der walisischen Rockband Stereophonics. Man könnte das auch so übersetzen, dass bei Rooney die Bildung nur für den Fußballerjob reicht – für Hofmeister ein selbstironischer Umgang damit, dass der Stürmer nicht unbedingt für hochintellektuelle Aussprüche bekannt ist.

"Die Motive werden immer ausgefallener, auch immer persönlicher", sagt Hofmeister. Der Trend werde durchaus noch eine Weile dauern. "Allerdings, und das ist dann quasi Glück für die, die bisher nicht tätowiert sind, wird es auch in Zukunft abebben. Und dann wird wieder der weiße, unbefleckte Körper als trendy gelten." Und was tun, wenn sich der Trend schon bald dreht? Dann muss man wohl unter den Laser, angeblich schonend, narbenfrei und schmerzarm. Und auch restlos? Eventuell


Quelle: mit dpa
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