Hochschulen
Pragmatische Studenten sehnen sich nach Sicherheit
Einerseits geht die Mehrheit der deutschen Studenten von "guten bis sehr guten" Chancen auf einen Job nach dem Abschluss aus. Doch bei der Berufswahl ist Sicherheit wichtiger als Selbstverwirklichung.
Horrorszenarien wurden entworfen: Vorlesungen in Containern, Professoren, die mit Killer-Prüfungen die Zahl ihrer Studenten dezimieren, Studenten, die einfach draußen vor der Tür bleiben müssen. Das alles mag es geben an deutschen Hochschulen, doch die Mehrheit der Studierenden zeichnet ein anderes Bild der Massen-Universität.
Das Institut für Demoskopie Allensbach hat im Auftrag des Reemtsma Begabtenförderungswerks die Generation befragt, die mit den vollsten Hochschulen aller Zeiten leben muss. 515.000 Erstsemester haben im Studienjahr 2011 neu begonnen, 70.000 mehr als im Vorjahr.
Diese Zahlen sind Folge der doppelten Abiturjahrgänge, die in Bayern und Niedersachsen die Schulen in Richtung Unis verlassen haben. Entsprechend hoch ist das Plus an Erstsemestern in diesen beiden Ländern.
Kein Problem mit Massenunis
Doch die Studenten blicken mit großer Gelassenheit und Pragmatismus auf ihre aktuelle Situation. Offenbar wurde der Ansturm besser bewältigt, als von vielen erwartet. 66 Prozent bewerten ihre Studienbedingungen 2012 als gut bis sehr gut. Das sind zwar etwas weniger als 2011, als noch 74 Prozent ihre hohe Zufriedenheit ausdrückten.
Gleichwohl – ein Absturz sieht anders aus. Vor allem bewerten mit 4 Prozent der Studenten kaum mehr (3 Prozent 2011) ihre Situation als gar nicht gut. Von den Hochschülern, die schon vor dem Wintersemester 2011/12 eingeschrieben waren, empfanden 16 Prozent eine Verschlechterung.
Als Grund nannten sie überfüllte Seminare, schlechtere Betreuung sowie Probleme bei der Studienfinanzierung. Demgegenüber stehen 14 Prozent, aus deren Sicht sich die Bedingungen verbessert haben. 57 Prozent sehen keine Veränderung.
Zahl der Erstsemester stieg um bis zu 30 Prozent
Selbst die Studierenden in Bayern und Niedersachsen, wo die Zahl der Erstsemester teilweise um mehr als 30 Prozent gestiegen ist, berichten nicht häufiger über Verschlechterungen.
Um den Ansturm an Studenten auszugleichen, hatten Bund und Länder zwei Hochschulpakte zur Schaffung neuer Studienplätze aufgelegt.
Bis 2010 wurden 182.000 zusätzliche Plätze geschaffen, doppelt so viele wie ursprünglich prognostiziert. Für die Zeit ab 2011 bis 2015 sollen noch einmal 334.000 Plätze finanziert werden. Der Bund stellt für den Hochschulpakt II insgesamt rund 4,7 Milliarden Euro zur Verfügung.
Kritiker befürchten, dass die Kapazitäten aber bereits im kommenden Jahr erschöpft sein werden. Denn die Prognosen der Kultusminister, auf denen die Pakte beruhen, gingen von einer wesentlich geringeren Studierneigung aus.
Selbstbewusster Blick in die Zukunft
Doch seit Jahren übertreffen die tatsächlichen Studentenzahlen die Prognosen deutlich. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat in diesem Zusammenhang immer wieder klar gemacht, dass niemand am Studieren gehindert werden darf, weil die Zahl der Plätze erschöpft ist. Wenn nötig, will sie in Verhandlungen mit den Ländern für eine weitere Aufstockung des Paktes treten.
Ein Grund für die hohe Anziehungskraft eines Studiums sind sicher die Arbeitsmarktzahlen. Konstant pendelt die Arbeitslosigkeit von Akademikern bei um die drei Prozent. Im Grunde herrscht Vollbeschäftigung.
Die demografische Entwicklung spielt der jungen Generation ebenfalls in die Hände. Sie wird gebraucht, Fachkräftemangel herrscht schon jetzt in vielen Branchen.
Die Studenten sind sich dieser Tatsachen durchaus bewusst. Sonst würden nicht 71 Prozent angeben, das sie sich gute bis sehr gute Chancen ausrechnen, rasch den passenden Job zu finden.
Nur 22 Prozent blicken pessimistisch in die Zukunft. Dabei macht es erstaunlicherweise keinen großen Unterschied, wie die jungen Frauen und Männer ihre Leistungen einschätzen. Selbst die, die sich für eher mittelmäßige Studenten halten, sehen ihre Job-Aussichten mehrheitlich gelassen.
Konservative Einstellung zu Beruf und Karriere
Trotz dieses positiven Befunds machen sich viele dennoch Sorgen, wie es später, in fünf, zehn und mehr Jahren aussieht. 41 Prozent haben Angst, dass sich ihre Chancen in Zukunft verschlechtern. Woher diese Unsicherheit? Mehrere Dinge spielen hier zusammen.
Nachrichten aus den südeuropäischen Ländern, in denen es vor allem junge Leute trifft, wenn in Krisen Leute entlassen werden, erreichen natürlich auch die Studenten in Deutschland. Sie ziehen daraus offensichtlich den Schluss, dass sich die persönliche Lage schnell ändern kann und von äußeren Faktoren abhängig ist, die sie nicht beeinflussen können.
Zur Angst wird diese Überzeugung, weil die heutigen Studierenden in ihrer grundsätzlichen Einstellung zu Beruf und Karriere ziemlich konservativ sind. Der flexible, hippe Arbeitsplatz mit vielen Dienstreisen und Standortwechseln, mit Zeit-Verträgen und Ausbruchsmöglichkeiten ist nicht ihr Ideal.
Sie besinnen sich vielmehr auf ihre nähere Umgebung und dauerhafte Bindungen. So nimmt etwa der Drang, nach dem Abschluss ins Ausland zu gehen, ab. Das wichtigste Kriterium bei der Suche nach einem Arbeitsplatz ist für sie Sicherheit. 70 Prozent setzen hier die Priorität. Die Angst, nur einen befristeten Arbeitsplatz zu bekommen, ist entsprechend präsent.
Sicherheit statt Selbstverwirklichung
Sicherheit ist weit wichtiger als Selbstverwirklichung. An zweiter Stelle der Prioritätenliste rangiert mit nur noch 59 Prozent der Wunsch, sich im Beruf den eigenen Fähigkeiten und Neigungen gemäß entfalten zu können.
Schon an vierter Stelle, bei den Frauen an zweiter, steht der Anspruch an den Arbeitsplatz, Beruf, Familie und Privatleben vereinbaren zu können. Die heutige Studentengeneration ist also pragmatisch, wenn es um die Gegenwart und nahe Zukunft geht, gleichzeitig aber extrem sicherheitsbedürftig beim Blick in die Zukunft.
Gefragt, wo sie denn eigentlich die attraktivsten Jobs vermuten, folgen die Studenten dem gesellschaftlichen Trend und vollziehen in gewisser Hinsicht die Ereignisse der vergangenen Jahre nach.
Als Branchen, die an Attraktivität gewonnen haben, bezeichnen sie die Energiewirtschaft, Telekommunikation und Maschinenbau. Verloren haben in ihren Augen Politik, Verbände und Organisationen, Versicherungsunternehmen und vor allem die Banken.















