16.06.12

Deutscher Bundestag

Parlament der Eierkrauler, Hodentöter, Übelkrähen

Diese Woche war der Terminus Wort "Eierkrauler" im Hohen Haus zu hören. Pfui Teufel! Zeit, sich an die bemerkenswertesten Aussetzer im Deutschen Bundestag zu erinnern. Etwa: "Schnauze, Iwan!"

Foto: dpa
Josef Strauß
Der begabte CSU-Politiker Franz Josef Strauß hielt seine Beschimpfungen besonders prägnant

Der FDP-Politiker Martin Lindner sei der "berühmteste Eierkrauler dieses Parlaments" – so spottete die SPD-Abgeordnete Barbara Hendricks diese Woche im Rahmen der Niebel-Teppich-Debatte über ihren FDP-Kollegen im Bundestag. Es gab natürlich eine Rüge.

Dabei hat Hendricks nicht mal das Copyright auf diese Entgleisung. Denn schon Wochen zuvor hatte der Linken-Politiker Jan van Aken den FDP-Mann so bezeichnet.

Herbert Wehner hätte für derlei Sprüche wohl nur ein müdes Lächeln übrig. Der legendäre SPD-Fraktionsvorsitzende brachte es als Abgeordneter auf sage und schreibe 58 Ordnungsrufe, vorwiegend für Beleidigungen seiner Kollegen. In der Bonner Republik, im alten Plenarsaal am Rhein, ging es oftmals hoch her. Da wurde geätzt, gespottet und verhöhnt – immer wieder auch unter der Gürtellinie.

Doch es waren beileibe nicht nur persönliche Verunglimpfungen, mit denen Redner den politischen Gegner überzogen. Hinter den Beleidigungen offenbarten sich tiefe ideologische Gräben, zumal bei feurigen Debatten um die Grundfragen der jungen Bundesrepublik.

Solche Tumulte etwa gab es im Plenum am frühen Morgen des 25. November 1949. Noch um drei Uhr morgens debattierte das Parlament das Petersberger Abkommen, mit dem Bonn unter anderem dem Europarat beitrat. "Stürmische Protestrufe" verzeichnet das stenografische Protokoll der Sitzung, außerdem "großen Lärm und Klappern mit den Pultdeckeln".

Der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher schnauzte Kanzler Konrad Adenauer (CDU) an: "Sie sind der Kanzler der Alliierten!"

Jenes Wort zählt zu den prägnanten Formeln der Bonner Aufbauphase – und es spiegelt die Vorbehalte der damals national orientierten, "großdeutschen" Sozialdemokratie gegenüber der westlich und katholisch geprägten CDU Adenauers. Schumacher musste für seine Beleidigung hart büßen: Er wurde für 20 Sitzungstage des Parlamentes verwiesen.

Todenhöfer wird zu "Hodentöter"

Der begabte junge CSU-Politiker Franz Josef Strauß hielt es noch prägnanter als Wehner. "Schnauze, Iwan!" pfefferte Strauß 1951 dem stellvertretenden KPD-Fraktionschef Heinz Renner entgegen. Die KPD gehörte vor ihrem Verbot dem ersten Bundestag an – und Renner war ein äußerst schriller Redner.

"Hetzer" rief er Adenauer zu und kassierte damit den ersten Ordnungsruf in der Geschichte des Bundestages. Gleich zweimal wurde Renner später für jeweils 20 Tage des Parlamentes verwiesen.

Wie kein Zweiter verulkte Herbert Wehner die Nachnamen seiner Kollegen. "Hodentöter" nannte er Jürgen Todenhöfer (CDU). Den Abgeordneten Jürgen Wohlrabe (CDU) redete er 1970 mit "Herr Übelkrähe" an, und der Unionsmann Schneider war für Wehner ein "Ehrab-Schneider"."

Günter Pursch, der ein Lexikon der Bundestagsbeschimpfungen herausgegeben hat, listet allerlei Vergleiche aus dem Tierleben auf. Als Ratte, Schlange, Stinktier und feiger Hund verunglimpften Volksvertreter ihre Kollegen.

Weitere Zuschreibungen aus dem Abc der parlamentarischen Pöbeleien: Berufsrandalierer, Gangster, Galgenkandidat, Harzer Roller, Lackschuhpanter, Möchtegern-Schimanski, Nadelstreifen-Rocker, Petersilien-Guru, Putzlumpen, Massenmörder oder Giftspritze.

"Drei Zentner fleischgewordene Vergangenheit"

Natürlich, jenseits aller Beleidigungen mit politischem Hintergrund, gab es im Bundestag seit jeher die Beschimpfungen, die frei waren von politischen Inhalten.

"Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch", lautet ein Klassiker von Joschka Fischer (Grüne), der sich derart grob im Jahr 1984 an Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen (CSU) wandte. "Sie verkörpern Dick und Doof in einer Person", rief Karsten Voigt (SPD) Martin Bangemann (FDP) zu.

Nicht ohne eine gewisse politische Bewunderung sprach Joschka Fischer 1995 den damaligen ewigen Kanzler Helmut Kohl (CDU) als "Drei Zentner fleischgewordene Vergangenheit" an.

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