15.06.12

Aum-Sekte in Japan

17 Jahre lange Flucht endet vor Internet-Café in Tokio

Die Polizei hat das letzte gesuchte Mitglied der Aum-Sekte in Japan festgenommen. Katsuya Takahashi soll 1995 an dem verheerenden Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn beteiligt gewesen sein.

Quelle: Reuters
15.06.12 1:47 min.
17 Jahre hatte sich Katsuya Takahashi versteckt. Am Freitag ging er den Beamten in Tokio ins Netz. Takahashi gilt als das letzte Mitglied der japanischen Aum-Sekte, das noch auf der Flucht war.

Die 17 Jahre währende Flucht des Katsuya Takahashi endete mit seiner Festnahme ohne Aufsehen und Gegenwehr am Freitag vor einem Tokioter Internet-Café: Takahashi (54) war das letzte flüchtige Mitglied des Aum-Kultes, der am 20. März 1995 mit dem Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn 13 Menschen ermordete und Tausende verletzte.

Fünf Mitglieder des Endzeit-Kults, der brillante Akademiker anzog und sie einem eher ungebildeten, aber charismatischen Guru namens Shoko Asahara hörig machte, verbüßen lebenslange Haftstrafen, 13 wurden zum Tode verurteilt, darunter Asahara.

Festnahme der Komplizin erst kürzlich

Weniger als zwei Wochen vor Takahashis Festnahme war seine mutmaßliche Komplizin Naoko Kikuchi ins Netz der Fahnder gegangen. Die Verhöre von Kikuchi waren ergiebig. Es heißt, ihre Aussagen und mehr als 1700 Hinweise der Öffentlichkeit hätten dazu geführt, dass Takahashi erkannt und festgenommen werden konnte.

Die Tokioter Kriminalpolizei hatte 170 Fahnder für die Suche nach Takahashi abgestellt, mehr als 5000 Beamte hatten die zentralen S- und U-Bahnhöfe beobachtet. Katsuya Takahashi wird vorgeworfen, mehrere Kultmitglieder am Morgen des 20. März 1995 zu den Anschlagsstationen gefahren zu haben und sich selbst an dem Durchstechen der mit Sarin gefüllten Plastikbeutel in den U-Bahnen beteiligt gewesen zu haben.

An zwei weiteren Morden, darunter an einem Beamten, der Kultmitgliedern helfen wollte, sich abzuwenden, soll Takahashi mitgewirkt haben.

Annus horribilis 1995

Niemand, der damals in Japan lebte, wird je das Annus horribilis 1995 vergessen. Es begann im Januar mit dem verheerenden Erdbeben in Kobe, bei dem mehr als 6000 Menschen starben und Zehntausende verletzt wurden; viele, weil lokale wie Bundesbehörden zu lange zögerten, etwa von den in Japan stationierten US-Streitkräften Hilfe anzunehmen.

Das Grauen von Kobe lag keine drei Monate zurück, als der Kult Aum Shinri-kyo (gesprochen: "Ohm Schinri-kjo") seinen mörderischen Plan umsetzte, der mit den Morden Chaos stiften und die japanische Regierung stürzen sollte. Es war eine Vorahnung von "9/11", wenn nicht in der Zahl der Toten, so in der mit Massenmorden unterstrichenen, religiös-fanatischen Kriegserklärung an den Staat.

Entsetzt mussten die Japaner begreifen, dass ihre so angenehme, kaum an Gewalt leidende Gesellschaft die kranken, kriminellen Gehirne des Aum-Kults an Elite-Universitäten des Landes ausgebildet hatte. Im Führungsstab des Kults fanden sich hervorragende Natur- und Geisteswissenschaftler. Selbst ihre PR-Strategen arbeiteten auf hohem Niveau.

Gemeinsam auf der Flucht

Bis 2005 sollen Katsuya Takahashi und Naoko Kikuchi, die an der Herstellung von Sarin beteiligt war, gemeinsam auf der Flucht gewesen sein. Beide wurden seit 1995 steckbrieflich gesucht, ihre Fotos waren entsprechend in die Jahre gekommen.

Takahashi war im Gründungsjahr von Aum Shinri-kyo 1987 in den Kult eingetreten; er diente zunächst als Bodyguard des Gurus Shoko Asahara. Später wurde er der "Geheimdienst"-Abteilung der Gruppe zugeteilt.

Zuletzt war ein "Kopfgeld" von umgerechnet 100.000 Euro für Hinweise auf den mutmaßlichen Mörder ausgelobt worden.

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