16.06.12

Julie Delpy

"Wir gehören zu den Letzten, die sterben müssen"

In ihrer neuen Komödie "2 Tage in New York" stürzen Gäste aus Frankreich Julie Delpys Leben ins Chaos. Ein Gespräch über Unsterblichkeit, Erziehung und die dunkelsten Momente ihres Lebens.

Von Rüdiger Sturm
Quelle: Senator
13.06.12 2:08 min.
Marion (Julie Delpy) lebt mit ihrem Sohn, ihrem Lebensgefährten Mingus (Chris Rock) und dessen Tochter in New York. Als ihre französische Familie im Big Apple auftaucht, kommt es zum Kulturschock.

Wer erinnert sich nicht an die Julie Delpy der Neunziger – die ätherische Schönheit aus Filmen wie "Drei Farben: Weiß" und "Before Sunrise"? Doch dieses Image trog schon immer. Die Tochter des Schauspielerehepaars Albert Delpy und Marie Pillet wuchs wie ein anarchischer Freigeist auf, und spätestens mit ihrem Regiedebüt "2 Tage in Paris" vor fünf Jahren bewies sie ihren ebenso frechen wie melancholischen Humor.

Jetzt demonstriert die 42-Jährige, die inzwischen Mutter eines Sohnes ist, ihre Talente mit der Fortsetzung "2 Tage in New York". Beim Interview in München – wo die Eltern ihres Partners wohnen – zeigt sich eine vor Leben sprühende Frau, die einen chaotischen Charme verstrahlt.

Welt Online: Ihre neue Regiearbeit "2 Tage in New York" hat eine sehr versöhnliche, lebensbejahende Stimmung. Spiegelt das auch Ihre aktuellen Gefühle wider?

Julie Delpy: Offen gestanden, entstand diese Komödie in einer Zeit voller Verwerfungen. Ich hatte ein Baby, meine eigene Mutter starb, und ich hatte das unbedingte Bedürfnis, meine Gefühle auszudrücken. Deshalb schrieb ich zwei Filme gleichzeitig. Aber ich hatte keine Lust auf eine billige Romantikkomödie. Ich wollte vielmehr eine Situation zeigen, wo die Leute bereits zusammen sind und dann erst in Schwierigkeiten geraten. Sich zu verlieben ist einfach, du hast den ersten Sex miteinander, uh, ah, oh, alles macht Spaß. Aber das wahre Leben beginnt erst danach. Wirst du glücklich zusammen bleiben bis zum Ende aller Tage? Das ist die Frage.

Welt Online: Ihre Eltern, die über 40 Jahre verheiratet waren, waren ja ein gutes Beispiel.

Delpy: Ja, ich kenne sie nur, wie sie zusammen waren. Natürlich haben sie auch ständig gestritten, aber sie waren eine Inspiration für mich. Mich interessieren eben Paare, die mitten drin in einer Beziehung stecken. Wie kann das funktionieren?

Welt Online: Die beiden spielten ja Ihre Eltern im Vorgängerfilm "2 Tage in Paris", während Sie jetzt im zweiten Teil den Krebstod Ihrer Mutter reflektieren.

Delpy: Ja, sie hatte schon Krebs, als ich geboren wurde. Und als Kind nahm sie mich immer zur Behandlung mit. Sie verlor ihr ganzes Haar, als ich ganz klein war. Jedes Jahr musste ich mit ihr zur Nachuntersuchung. Sie bekam auch Panik, dass ich selbst Krebs bekommen könnte. Die ganze Zeit musste ich selbst Biopsien und Check-ups über mich ergehen lassen. In der Hinsicht war meine Kindheit wirklich hart.

Welt Online: Ein Blick zurück im Zorn?

Delpy: Oh nein, sie war eine wunderbare Frau, das war ja nicht ihr Fehler. Sie war einfach nur von der ganzen Geschichte traumatisiert. Meine Eltern waren verrückt, meine Mutter als Italienerin ganz besonders. Sie war immer überspannt, aber das war okay, denn sie war sehr liebevoll. Für meine Eltern war ich immer die Beste. Wenn ein Lehrer zu ihnen sagte 'Ihre Tochter ist blöd', meinten sie 'Sie sind der Blödmann. Fuck yourself.' Wenn deine Eltern unerschütterlich an deiner Seite stehen, dann glaubst du, dass dir alles möglich ist.

Welt Online: Ist es das?

Delpy: Durchaus. Mit 30 beschloss ich: 'Ich will Gitarre spielen', obwohl ich noch nie eine in der Hand hatte. Und in drei Monaten hatte ich es drauf. Es kommt nur auf deine Einstellung an. Die meisten Leute blockieren sich selbst. Aber was du kannst oder wozu du Talent hast, ist nur eine Frage der Geisteshaltung.

Welt Online: Und so erziehen Sie auch Ihren dreijährigen Sohn?

Delpy: Ich will ihm die gleiche geistige Freiheit beibringen, wie meine Eltern das bei mir getan haben. Wie ich schon sagte, es konnte mit ihnen schwierig sein. Und gesundheitlich war es auch bedenklich, denn sie rauchten ständig in meiner Anwesenheit. Deshalb werde ich wohl mit 55 an Lungenkrebs sterben. Aber intellektuell war es großartig. Sie brachten mir massenhaft Kultur nahe – Literatur, Kino, Kunst, Philosophie. Schon mit neun sah ich Bergman-Filme. Und meinem Sohn Leo habe ich schon "West Side Story" und "Singin' in the Rain" gezeigt – er liebt "Singin' in the Rain".

Welt Online: Aber Sie passen auf ihn hoffentlich besser auf als Ihre Eltern auf Sie?

Delpy: Keine Sorge, ich habe einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Nicht umsonst nennen mich meine Freunde mich "Mama Bär". Wenn jemand oder etwas meinem Kind zu nahe kommt, dann kille ich ihn. Glauben Sie mir, das werde ich. Niemand darf meinem Kind etwas zu leide tun, es anschreien. Das kann ich nicht akzeptieren.

Welt Online: Schreien Sie Ihren Sohn manchmal an?

Delpy: Klar. "Mach das nicht! Ich werde dich verhauen, denn du bist ein böser Junge." So was kriegt er schon von mir zu hören.

Welt Online: Ist das nicht so was wie Doppelmoral?

Delpy: Nein, denn ich bin ja seine Mutter und ich liebe ihn.

Welt Online: Und was ist, wenn ihm ein anderes Kind wehtut?

Delpy: Wenn es auf ihn draufspringt oder ihm das Spielzeug wegnimmt, da mische ich mich nicht ein. Das sind Kinder, die sollen das unter sich selbst ausmachen. Aber wenn ein Erwachsener zwischen mich und meinen Sohn kommt, dann geht das nicht.

Welt Online: Wie ist es mit seinem Vater, Ihrem Lebensgefährten Marc Streitenfeld?

Delpy: Wenn es um mein Kind geht, da werde ich schon mal wütend.

Welt Online: Ihr Kind?

Delpy: Unser Kind – sorry. Aber das ist der einzige Punkt, wo wir anderer Meinung sind. Wir ziehen Leo gemeinsam auf, und nachdem wir eine unterschiedliche Lebensauffassung haben, kommt es da schon mal zu Konflikten. Sonst gibt es eigentlich nichts, was mich wütend macht.

Welt Online: Es scheint es, als wären Sie nicht gerade eine pflegeleichte Partnerin.

Delpy: Ich muss zugeben: Mein Lebensgefährte hat es schon manchmal schwer. Denn abgesehen von meinem Beschützerinstinkt bin ich eine richtige Nervensäge. (lacht).

Welt Online: Was heißt das konkret?

Delpy: Wenn jemand mir frech in die Augen sieht, dann weiche ich seinem Blick nicht aus, ich schaue von oben auf ihn herab. Das ist meine Persönlichkeit. Ich hatte einen Freund – den inzwischen verstorbenen Autor Hubert Selby Jr., der unter anderem "Letzte Ausfahrt Brooklyn" schrieb. Er meinte zu mir: "Fantasie gibt es nicht umsonst." Will sagen: Ja, ich kann dank meiner Fantasie lustige Komödien schreiben und mir meinen Spaß machen.

Aber genauso bedeutet das, dass ich nachts nicht schlafen kann, weil ich meinen Obsessionen nachhänge. Und selbst Komödien sind nicht einfach. Je mehr du davon schreibst, desto düsterer wirst du innerlich. Komiker sind in Wirklichkeit geplagte Seelen. Meine Ideen kommen meistens aus negativen Erlebnissen.

Welt Online: Können Sie ein Beispiel geben?

Delpy: Wenn Leute zu mir gemein oder aggressiv sind, wenn sie jemand beleidigen, den ich liebe, wenn sie mit mir streiten.

Welt Online: Wie reagieren Sie, wenn das passiert?

Delpy: Natürlich mit Wut, aber dann baue ich Distanz dazu auf und am Schluss lache ich. Das hat mir mein Vater beigebracht. Egal wie schlimm die Situation ist, er findet immer einen Weg, sie aufzuheitern. Das ist viel besser, als in eine Depression zu flüchten. Aber das Drama verschwindet damit nicht. Charlie Chaplin erklärte einmal das Prinzip einer Komödie: Ein paar Schafe entkommen aus dem Schlachthaus, alle versuchen sie einzufangen, es kommt zu lustigen Scharaden, aber am Schluss landen die Schafe trotzdem auf der Schlachtbank und werden getötet.

Nur die Phase davor war furchtbar komisch. Meinen eigenen Ängsten liegen meistens Trennungserfahrungen zugrunde. Das waren die dunkelsten Momente meines Lebens – abgesehen vom Tod meiner Mutter.

Welt Online: Im Film deuten Sie die Möglichkeit an, dass es eine Existenz nach dem Tode geben könnte.

Delpy: Das war eher die Auffassung meiner Mutter. Die glaubte an solche Sachen. Aber ich nicht. Eine Freundin meiner Großmutter versprach ihr, sie würde ihr aus dem Jenseits ein Zeichen geben. Ist nie passiert. Genauso wenig gab meine Großmutter meiner Mutter ein Zeichen. Und ich bin mir sicher, wenn wir irgendwie weiterleben würden, dann hätte sich meine Mutter längst bei mir gemeldet. Es ist offensichtlich, dass auf den Tod das Nichts folgt.

Welt Online: Wären Sie gerne unsterblich?

Delpy: Oh ja. Vor kurzem habe ich einen Artikel gelesen, dass die Gehirnfähigkeiten von Leuten mit zunehmendem Alter wachsen. Denn sie haben mehr gelernt, haben mehr Erfahrung. Das heißt, wir werden alle klüger. Okay, nicht wir alle, einige Leute bleiben ihr ganzes Leben Idioten. Und abgesehen davon werden wir nicht mehr so sehr von unseren Hormonen kontrolliert.

Wenn du also diesen Zustand lange Zeit ausdehnst, dann würdest du wahrscheinlich große Entdeckungen machen und die Lösungen für viele Probleme finden. Ich glaube sowieso, dass wir eine der letzten Generationen sind, die sterben muss. Man wird einen Weg finden, die Menschen unsterblich zu machen. Eine Lösung wäre es, Erinnerungen digital zu speichern. Aber ich glaube eher, man wird es hinkriegen, dass sich Zellen für immer regenerieren.

Welt Online: Klingt ein wenig verrückt, nicht?

Delpy: Ja, ich weiß. Aber das geschieht doch schon. Im Experiment hat man es geschafft, das Leben von Mäusen zu verdreifachen und von Fliegen zu vervierfachen.

Welt Online: Wenn Sie im Lauf der Jahre immer klüger werden, müssten Sie sich übers Älterwerden freuen.

Delpy: Das schon, nur werde ich nicht sehr weit damit kommen. Ich glaube, dass ich weniger alt werde als Sie. Das sagt mir mein Gefühl. Aber ich möchte schon noch ein paar Filme machen. 15 Stück wären ideal.

Welt Online: Wann sind Sie glücklich?

Delpy: Glück als solches bedeutet mir nicht viel, aber es macht mir Spaß. Zum Beispiel wenn ich Zeit mit meinen Freunden verbringe, und vor allem wenn ich bei meinem Sohn zusammen bin. Mit ihm im Bett zu kuscheln, ist traumhaft. Ich bin total in ihn verliebt.

Welt Online: Aber eines Tages muss er sich von Ihnen lösen. Wird das für ihn nicht ein wenig schwierig?

Delpy: Ein Freund von mir ruft seine Mutter achtmal pro Tag an und er schafft es nie zu heiraten. Er hat zwar Freundinnen, aber er verlässt sie ständig. Ihm habe ich erzählt, wie sehr ich meinen Sohn liebe. Und er meinte: "Ach du Scheiße, der wird genau wie ich sein." Er wird also definitiv nicht heiraten und bei mir herumhängen. (lacht).

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