11.06.12

Internetsucht

Viele Jugendliche sind süchtig nach virtueller Welt

Forscher verzeichnen einen Anstieg der Betroffenen, darunter sind vor allem junge Menschen mit Problemen im realen Leben. In einer Ambulanz am UKE finden die Betroffenen Beratung und Therapie.

Foto: Lehtikuva/Hehkuva
Der Weg in die Isolation: Eine wachsende Zahl von Jugendlichen verbringt jeden Tag viele Stunden im Internet
Der Weg in die Isolation: Eine wachsende Zahl von Jugendlichen verbringt jeden Tag viele Stunden im Internet

Es ist 7:30 Uhr morgens – und Nicos Mutter auf dem Weg zur Arbeit. Sie weiß, dass ihr 14-jähriger Sohn in der Schule Probleme mit anderen Mitschülern hat, aber er hatte sie gebeten, in dieser Sache nichts zu unternehmen. "Damit es nicht noch schlimmer wird", hatte er gesagt. Dass ihr Sohn seit einem dreiviertel Jahr schon nicht mehr zum Unterricht geht, weiß sie nicht. Denn sie verlässt das Haus, bevor er sich auf den Weg zur Schule machen soll und kommt erst zurück, wenn er längst wieder da wäre.

Weil Nico in der Schule gemobbt wird, mag er nicht mehr hingehen. Stattdessen sitzt er Tage, Wochen, ja ganze Monate nur noch vor dem Computer. Chattet in Kommunikationsforen, klickt sich durch die unendliche Fülle von YouTube-Videos, sieht "zur Abwechslung" fern, chattet wieder. Die Stunden verfliegen. Von der Mutter zwei Jahre zuvor zur Unterstützung für die Schule angeschafft, erfüllt der Rechner mittlerweile einen neuen Zweck, wird zur Kompensation. Er ermöglicht virtuelle Kontakte, wo keine realen zustande kommen, sorgt für Unterhaltung in Nicos ansonsten einsamer, reizarmer Welt.

Nicos Fall ähnelt dem vieler Jugendlicher mit pathologischem Internetgebrauch. "Zuerst bringt ein einschneidendes Ereignis, wie zum Beispiel Mobbing oder eine Trennung der Eltern, den Jugendlichen aus seinem psychologischen Gleichgewicht, und das Sich-Zuwenden zur virtuellen Welt dient als vermeintlicher Lösungsansatz", erklärt Professor Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE).

"Zunächst mag es auch danach aussehen, dass das Selbstwertgefühl durch den Internetgebrauch wieder steigt. Denn wenn man virtuell kommuniziert, erfahren andere nicht im gleichen Maße von den eigenen Unsicherheiten." Auch Rollenspiele oder Egoshooter würden gespielt, um sich durch einen starken, mächtigen Avatar selbst stark zu fühlen.

250.000 Jugendliche gelten als internetabhängig

"Allerdings wird der Problemlösungsversuch irgendwann selbst zum Problem", sagt Thomasius. "Wenn der Internet- oder Medienkonsum derart das Leben bestimmt, dass der Jugendliche einen erheblichen Leistungsabfall aufweist, er gar nicht mehr zur Schule geht oder seine Hobbys und sozialen Kontakte stark vernachlässigt, dann ist das eine sehr bedenkliche Entwicklung."

Der kürzlich veröffentlichte Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung zeigt, dass Computerspiel- und Internetsucht bei Jugendlichen immer stärker verbreitet ist. Rund 250.000 der 14- bis 24-Jährigen gelten als internetabhängig, 1,4 Millionen als problematische Internetnutzer.

Schon seit etwa zehn Jahren lässt sich laut Bundesregierung in diesem Bereich ein zunehmendes Suchtverhalten beobachten, doch so ausgeprägt wie heute war es noch nie. "Problematisch hierbei ist, dass Internetspiele mit Belohnungssystemen reizen oder die Teilnehmenden in soziale Netzwerke einbinden – was eine hohe Suchtgefahr bei Jugendlichen birgt", so Thomasius.

Der pathologische Internetgebrauch gilt als eine stoffungebundene Sucht, die bislang nicht als Krankheit anerkannt ist, sondern als Verhaltensstörung angesehen wird. "Häufig treten Begleiterscheinungen auf, was bedeutet, dass die meisten onlinesüchtigen Patienten auch ängstliche oder depressive Züge aufweisen", sagt Bettina Moll, Psychologin am UKE. "In der Regel sind besonders schüchterne, zurückhaltende Jugendliche betroffen, die häufig von anderen ausgegrenzt werden und sich dann in eine Trost spendende, virtuelle Welt flüchten."

Jungen neigen dabei mehr zu Onlinespielen wie "World of Warcraft", Mädchen halten sich vor allem in sozialen Netzwerken auf. "Bislang hatte man angenommen, dass insbesondere Jungen internetsüchtig sind, vor Kurzem aber belegte eine Studie, dass Mädchen fast noch stärker betroffen sind", erläutert Thomasius.

Depressionen oder Ängste sind oft Begleiterscheinungen

Junge Menschen, die ihre Computer- und Onlinesucht nicht mehr kontrollieren können, finden an der Drogen- und Alkoholambulanz für Jugendliche, junge Erwachsene und deren Familien (DAA) am UKE seit 2006 Behandlung und Beratung. Seit 2009 gibt es zusätzlich eine "PC-Sprechstunde". Sie richtet sich an junge Menschen, deren Internet- oder Computergebrauch so exzessiv wurde, dass er ein Problem darstellt. "Für die meisten Patienten bietet sich an, einmal in der Woche an unserem Gruppenprogramm ,Lebenslust statt Online-Flucht' teilzunehmen", sagt Psychologin Moll.

Ziel des ambulanten Programms ist es, einen kompetenten Umgang mit dem PC zu lernen, soziale Kompetenzen zu stärken und alternative Freizeitaktivitäten zu planen. "Konkret kann man sich das so vorstellen, dass wir die Jugendlichen anleiten, ihren Computergebrauch dauerhaft angemessen zu reduzieren und den pathologischen Gebrauch ganz einzustellen", so Thomasius. "Außerdem ist es von entscheidender Bedeutung, die Begleitsymptome wie Depressionen oder Ängste mit zu behandeln."

Einige Fälle sind jedoch schwerwiegender, die Betroffenen müssen für zwölf Wochen stationär behandelt werden. Wie zum Beispiel der mittlerweile 17-jährige Nico. Seit Mitte März ist er in Behandlung, hat seitdem wieder einen geregelten Tagesablauf, lernt im sozialen Kompetenztraining, auf andere zuzugehen und darf nur unter Aufsicht und mit spezieller Zielsetzung ins Internet.

Nico will von zu Hause ausziehen

Heute sollte er sich im Netz die S-Bahn-Verbindungen zu seiner zukünftigen Wohngruppe heraussuchen. "Ich habe mich dazu entschieden, dass es besser ist, wenn ich nach der Therapie nicht mehr zu Hause wohne", sagt Nico. Schließlich hätte auch die familiäre Situation zu Hause zu seinem schlechten Gemütszustand geführt. Die Therapie hat ihm deutlich gemacht, dass auch andere Dinge im Argen lagen.

"Außerdem ist es besser für mich, wenn ich einen geregelten Tagesablauf habe – zu Hause würde es wohl schnell wieder einen Rückfall geben", sagt Nico. Auch über seine künftige Internetnutzung hat er sich Gedanken gemacht: "Ich bekomme jeden Tag nur für eine halbe Stunde eine Internetfreischaltung."

Hier finden Sie einen Überblick der Internetsucht-Beratungsstellen in Deutschland, zusammengestellt von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Die zuletzt noch vom Veranstalter erhofften 30.000 Zuschauer waren es nicht auf der Fanmeile, aber...
25.05.13Dortmund-Bayern
So erlebte Berlin das Champions-League-Finale

Auf der Fanmeile war noch Platz, einige Tausend Menschen feierten hier das Spiel zwischen Dortmund und Bayern. Die Kneipen Berlins waren hingegen voll. Das Protokoll des Champions-League-Abends. mehr...

Borussia Dortmund - FC Bayern München
25.05.13Champions League
Arjen Robben schießt die Bayern auf Europas Thron

Es war ein würdiges, hochklassiges und spannendes Champions-League-Finale mit einem verdienten Sieger. In der 89. Minute erzielte Arjen Robben des erlösende 2:1 für den FC Bayern gegen den BVB. mehr...


Jupp Heynckes und Jürgen Klopp zeigen, wie man richtig führt
00:33Kommentar
Die wahren Stars dieses besonderen Champions-League-Abends

Fußball ist die letzte Bastion des Darwinismus. In einer überwaldorften Welt setzt sich hier noch immer der Stärkere durch: Jürgen Klopp und Jupp Heynckes sind beide Gewinner dieses Systems. mehr...


Natalie Dawn spielt am Sonntagabend im Privatclub
25.05.13Tagesvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Sonntag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Freitag, den 26. Mai. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Anschlagswarnung Erhöhte Sicherheitskontrollen vor Finale
Randale Erneut Krawalle in Schweden – Schulen brennen
London-Stansted Kampfjets eskortieren Flugzeug – Terrorverdacht
Washington Brücke in USA eingestürzt
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. FC Bayern München2:1 gegen den BVBRobben schießt die Bayern auf Europas Thron
  2. 2. FC Bayern MünchenJupp Heynckes„Die Entscheidung über meine Zukunft ist gefallen“
  3. 3. FußballTriumph in WembleyHoeneß mit feuchten Augen beim Bayern-Bankett
  4. 4. FC Bayern MünchenMatchwinnerArjen Robben – vom Finalpatienten zum Bayern-Helden
  5. 5. FußballTV-KritikLeidenschaftsloser Rethy kann einem Leid tun
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Fanfest

Berlins Fanmeile Champions-League-Finale

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote