09.06.12

Erstes EM-Spiel

Boateng, Bender – Wer kümmert sich um Ronaldo?

Nach Wochen akribischer Vorbereitung geht es für die Männer von Joachim Löw heute Abend endlich los. Offen ist noch, ob Jerome Boateng oder Lars Bender hinten rechts verteidigt.

Von Lars Gartenschläger und Lars Wallrodt
Foto: dpa

Manuel Neuer:
Maßgeblich dafür verantwortlich, dass Deutschlands Fans vor den EM-Partien nachts gut schlafen. Schläft im polnischen EM-Quartier selber auch ganz gut, wie er bei einer Pressekonferenz gegenüber neugierigen Journalisten bestätigte. Hat den Titel "bester Torhüter der Welt" nach dem verlorenen Champions-League-Finale inoffiziell an Petr Cech verloren. Könnte zunächst mal "bester Torhüter Europas" werden.

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Das letzte Training vor dem Start in die EM war zwar nicht mehr so intensiv wie in den Tagen zuvor. Aber dafür bekamen die Spieler der deutschen Nationalmannschaft am Freitag schon mal ein Gefühl für die Arena von Lemberg, in der sie am Samstagabend gegen Portugal ihr erstes Vorrundenspiel bestreiten (20.45 Uhr, ARD). "Wir sind gut vorbereitet", hatte Bundestrainer Joachim Löw vor dem Abflug nach Lemberg gesagt. Dort war der Tross nach einem 70-minütigen Flug 12.20 Uhr Ortszeit gelandet.

Löw ist vor dem Spiel gegen die Portugiesen um Superstar Cristiano Ronaldo optimistisch. Wenn auch die Wirren um den Auftritt von Co-Trainer Hans-Dieter Flick die letzten Vorbereitungen der deutschen Mannschaft auf das Spiel gegen Portugal etwas gestört haben, eine Partie, die ein erfolgreicher Startschuss in ein Turnier werden soll. Denn 16 Jahre nach Deutschlands bislang letztem Titelgewinn, dem Triumph bei der EM 1996 in England, will Löws Mannschaft endlich wieder ein Turnier für sich entscheiden.

Zwar hatte der Bundestrainer den Spielern zuletzt verordnet, das T-Wort vorübergehend aus ihrem Vokabular zu streichen und nicht mehr vom Titel zu reden. Trotzdem hat sich an der Zielstellung nichts geändert. Denn die Verantwortlichen wissen, dass sie sich der Lächerlichkeit hingeben, wenn sie jetzt anfangen würden tiefzustapeln. Deshalb sagte Löws Assistent Hansi Flick am Freitag vor dem Abflug nach Lemberg auch ziemlich deutlich: "Wir sind mit der Titelfavorit."

Endlich den großen Wurf landen

Das klingt selbstbewusst und steht der deutschen Mannschaft gut zu Gesicht. Nach Jahren, in denen sie die Nerven ihres Anhangs mit antiquiertem Fußball strapaziert hat, ist es ihr in der jüngsten Vergangenheit gelungen, mit schnellem Offensivfußball zu begeistern. Ihre Auftritte sind fast immer ein Augenschmaus und haben die Hoffnung auf einen Titel beflügelt. Nach Platz drei bei der Heim-WM 2006, Platz zwei bei der EM 2008 und dem dritten Platz vor zwei Jahren bei der WM in Südafrika soll nun endlich der große Wurf gelingen.

Die Voraussetzungen dafür sind gut. Nun liegt es an den Spielern, das umzusetzen, was in den vergangenen Monaten wieder einmal generalstabsmäßig vorbereitet worden ist. Schon im Januar waren die Arbeitspläne für die beiden Trainingslager auf Sardinien und in Tourrettes sowie die ersten Tage in Danzig detailliert ausgearbeitet. Dabei war jede Trainingseinheit mit dem Ziel konzipiert worden, nicht nur das Zusammenspiel zu verbessern, sondern die Grundlage dafür zu schaffen, dass die Nationalmannschaft auch am Ende einer Partie noch Kraft für schnelle Angriffe hat. Mit dieser Fähigkeit hatte das Team die Gegner gerade bei den drei vergangenen Turnieren beeindruckt – und so soll es auch diesmal wieder sein.

"Es läuft zwar nicht immer alles so, wie wir es uns vorstellen. Aber insgesamt sind wir gut vorbereitet", sagt der Bundestrainer. Doch nicht nur sportlich haben er und seine Assistenten alles dafür getan, damit die Mannschaft am 1. Juli das Finale in Kiew erreicht – und gewinnt. Wieder einmal haben die fleißigen DFB-Helferlein das Mannschaftsquartier in eine Wohlfühloase mit Rundumbetreuung verwandelt.

Spezielle Regenerationsmatratzen

Im Teamhotel "Dwor Oliwski", das ohnehin schon mit fünf Sternen versehen und luxuriös ausgestattet ist, wurde eigens die Sauna erweitert. Es gibt eine Lounge mit Sofas sowie Kicker- und Billardtischen, Dartscheiben und Spielekonsolen. Damit die Spieler nachts gut schlafen können, hat jeder eine klimatisierte Decke erhalten. Denn merke: Wer nachts schwitzt, regeneriert schlechter. Zudem wurden die Betten mit speziellen Regenerationsmatratzen ausgestattet. Für günstige Telefonate in die Heimat erhielt jeder Nationalspieler bereits im Trainingslager in Südfrankreich ein Handy – und für das leibliche Wohl sorgt wieder Sterne-Koch Holger Stromberg, der das Team schon seit zwei Jahren beköstigt. Und selbst den Frauen und Freundinnen der Spieler ist auch bei diesem Turnier der Zutritt zum Teamhotel gestattet. Natürlich nur an bestimmten Tagen und auch nur für eine bestimmte Zeit. Am Sonntag dürfen sie erstmals ihre Männer besuchen – und die Zusage des Bundestrainers steht selbst für den Fall einer Niederlage gegen Portugal.

Es ist also alles angerichtet für eine erfolgreiche EM, für die sich die deutsche Nationalelf mit zehn Siegen und ohne Punktverlust qualifiziert hatte. Doch nicht nur dadurch ist die Erwartungshaltung groß. Mit einem Altersdurchschnitt von 24,4 Jahren ist die deutsche Mannschaft zwar die jüngste von allen 16 Teilnehmern, aber keine ist neben Welt- und Europameister Spanien so eingespielt wie sie und auf so vielen Positionen doppelt gut besetzt.

Die Mischung macht's

Seit zwei Jahren hat Löw ein Korsett an Spielern zur Verfügung, das sich nur in Nuancen verändert. Nachdem er vor der WM 2010 aufgrund der Verletzung des damaligen Kapitäns Michael Ballack gezwungen war zu improvisieren, hat Löw ein Team gebildet, das sich nicht nur vom "Capitano" emanzipiert hat, sondern gleich vom gesamten urdeutschen Spielstil. Alles ist moderner geworden: Deutschland spielt schnell und brilliert unter Mesut Özils Führung. Flankiert wird der Star von Real Madrid von jungen, aber sehr erfahrenen Spielern wie etwa Lukas Podolski (27 Jahre/97 Einsätze), Philipp Lahm (28/86) oder Bastian Schweinsteiger (27/91) – und nicht zu vergessen dem dienstältesten Nationalspieler, Miroslav Klose (34/116). Dazu kommen aufstrebende Stars wie Sami Khedira (25/27) und Thomas Müller (22/27), der Torschützenkönig der WM 2010.

"Die Komponenten im deutschen Spiel passen, wir dürfen uns also berechtigte Hoffnungen auf den Titel machen", gibt sich DFB-Sportdirektor Matthias Sammer zuversichtlich. Berti Vogts, beim EM-Sieg der deutschen Mannschaft 1996 Bundestrainer, geht sogar noch einen Schritt weiter: "Wir sind in der Welt der Topfavorit. Der Zeitpunkt ist gekommen, dass wir wirklich wieder den Titel nach Deutschland holen. Es wäre schade, wenn wir es wieder nicht schaffen sollten."

Boateng ist Wackelkandidat

Schade wäre auch, wenn die unglückliche Entgleisung von Co-Trainer Flick Auswirkungen auf den deutschen Start in das Turnier haben würde. Denn ansonsten ist alles harmonisch im deutschen Lager. Alle Spieler sind einsatzbereit. Selbst die zuletzt verletzten Schweinsteiger und Per Mertesacker. Offen ist nur, ob Jerome Boateng oder Lars Bender hinten rechts in der Viererkette gegen Ronaldo spielt. Bundestrainer Löw hatte am Donnerstag erstmals Bender als Alternative für die Position genannt, nachdem er seinem Ärger über den nächtlichen Ausflug von Boateng zu Wochenbeginn Luft gemacht hatte.

Nicht nur die Anhängerschar in der Heimat wird gespannt sein, wem Löw letztlich das Vertrauen schenkt. Im Stadion von Lemberg wird die deutsche Elf von rund 6000 Fans unterstützt – so viele Tickets waren vom europäischen Verband Uefa für diese Partie nach Deutschland gegeben und verkauft worden. Auf der Tribüne in Lemberg wird es für die Mannschaft prominente Unterstützung von Ehrenspielführer Uwe Seeler geben, der in einer Reihe neben Wolfgang Niersbach sitzen wird. Der DFB-Präsident ist am Samstag 100 Tage im Amt und hofft natürlich auf einen guten Start in das Turnier. Sollte dieser nicht gelingen, steht das Team vor den Spielen gegen die Niederlande (13. Juni) und Dänemark (17. Juni) bereits unter Druck.

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