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08.06.12Portugals Pepe
Auf Klose wartet der größte Fiesling im Weltfußball
Am Samstag startet Deutschland gegen Portugal in das EM-Turnier. Mit dabei aller Voraussicht nach Miroslav Klose, der eine atemberaubende Turnierquote aufweist. Nur der Titel fehlt dem Stürmer noch.
Von Lars Wallrodt, Lars Gartenschläger und Simon Pausch
Humor ist nicht unbedingt der erste Begriff, der mit Miroslav Klose in Verbindung gebracht wird – und auch nicht der zweite oder dritte. Ein bisschen verbissen kam der Stürmer bislang rüber, schroff und manchmal abweisend. Auf jeden Fall niemand, der sich auch mal selbst auf die Schippe nimmt. Es ist offenbar an der Zeit, diesen Eindruck zu überdenken.
Im Spätherbst seiner Karriere ist der bald 34-Jährige entspannt wie nie zuvor. "Ich schleppe meinen Kadaver noch ein bisschen durch", gab er jüngst auf die Frage nach seinem Alter zu Protokoll und blickte dabei so ernst in die feixende Runde, als habe er gerade eine Regierungserklärung zum Fiskalpakt verlesen.
Die neue Lockerheit steht ihm gut – und sie hilft dem Team mitunter mehr als seine Tore. Klose ist vom Einzelgänger zum Teamplayer gereift; zu einem, der vorangeht. Als am Mittwoch Bundeskanzlerin Angela Merkel der Mannschaft einen Besuch abstattete, saß Klose neben ihr am Tisch und plauderte angeregt mit Deutschlands First Lady.
"Wie ein 25-Jähriger"
Viele junge Spieler orientieren sich am Mannschafts-Oldie, der ausgerechnet am kommenden Samstag, dem Tag des ersten Vorrundenspiels, Geburtstag feiert. "Früher haben mir die älteren Spieler gezeigt, wie man in ein Turnier geht und wie man sich auf etwas fokussiert. Das versuche ich heute weiterzugeben", sagte Klose "Berliner Morgenpost". Er lebt mit seiner Disziplin und seinem Siegeswillen jene Werte vor, die der Bundestrainer mittlerweile als Maßstab für alle Nationalspieler definiert hat.
"Miro wirkt wie ein 25-Jähriger. Er ist schnell, beweglich und fußballerisch stark", lobte Löw. Die körperliche und geistige Fitness ist allerdings nicht von ungefähr so gut.
"Wenn du nicht diesen absoluten Willen hast, gut zu sein, und nicht bereit dazu bist, auf Dinge wie Alkohol oder Zigaretten konsequent zu verzichten, hast du in dem Geschäft keine Chance. Und dabei reden wir nicht über ein Jahr, sondern über mehrere", sagte Klose. Und genau deshalb ist er noch immer Stammspieler – trotz eines wie entfesselt treffenden Mario Gomez'.
Blindes Vertrauen
Es ist ziemlich sicher, dass er auch Samstag gegen Portugal (20.45 Uhr/ARD und Welt Online) die Angriffsspitze bilden wird. Joachim Löw weiß, dass er seinem Dienstältesten blind vertrauen kann. Es ist Kloses sechstes Turnier in Folge, bei Welt- und Europameisterschaften hat er 22 Spiele absolviert und dabei 21 Treffer erzielt - eine atemberaubende Quote. Selbst, wenn der Bundestrainer den Stürmer von Lazio Rom nicht zu einem seiner Lieblingsschüler auserkoren hätte, käme er an ihm kaum vorbei.
Löw weiß, dass er am Wochenende alle Erfahrung brauchen wird, die er bekommen kann. Denn es ist nicht nur Portugals Superstar Cristiano Ronaldo, der der deutschen Mannschaft den Start in das Turnier vermiesen will.
Auf die Deutschen und speziell ihre Sturmspitze Klose wartet zudem der wohl größte Fiesling des Profifußballs. Pepe heißt der, spielt bei Real Madrid und hat in der vergangenen Saison neun Gelbe und eine Gelb-Rote Karte eingesammelt.
Achtung vor Pepe
Seinen zweifelhaften Ruf erwarb sich der 29 Jahre alte Innenverteidiger allerdings vor allem mit Szenen wie dieser: Vor drei Jahren traf er einen am Boden liegenden Gegenspieler zweimal in den Rücken.
Dann schüttelte er ihn wie eine Puppe, bezichtigte ihn der Schauspielerei, ehe er ihn mit einem Faustschlag ins Gesicht erneut niederstreckte. Der Verband sperrte den 28-Millionen-Euro-Einkauf daraufhin für zehn Spiele, was gemeinhin als mildes Urteil gewertet wurde.
Im Pokal-Viertelfinale gegen den FC Barcelona im Januar latschte er dem auf dem Boden sitzenden Lionel Messi im Vorbeigehen auf die Hand. Die TV-Bilder bewiesen die volle Absicht der Aktion. Pepe mimte jedoch das Unschuldslamm: "Das war kein Vorsatz. Dennoch möchte ich entschuldigen, wenn er sich angegriffen gefühlt hat, auch wenn ich nur versucht habe, mein Team und meinen Verein zu verteidigen."
Während sich Europas Fußball-Adel "beschämt" (Xavi) und "angeekelt" (Wayne Rooney) abwendete, sagte Real-Coach Jose Mourinho: "Er ist ein Spieler, mit dem ich in den Krieg ziehen würde."
Kompromisslose Abwehrrecken
Im portugiesischen Quartier im westpolnischen Dorf Opalenica scheint Pepe zu versuchen, sein ramponiertes Image ein bisschen aufzupolieren. Während seien Kollegen eilig in Richtung Katakomben verschwanden, machte er allein einen Umweg zu den Fans, die um Autogramme bettelten.
Geduldig posierte er mit den Zuschauern, fast 30 Minuten brauchte er, bis er alle Bälle und Poster, die ihm entgegengereckt wurden, unterzeichnet hatte. Dann trabte er lächelnd in Richtung Kabine. Im Spiel gegen Deutschland wird er an der Seite des gleichsam kantigen Bruno Alves verteidigen. Beide kennen sich aus gemeinsamen Zeiten beim FC Porto. Dort holten sie 2006 unter Mourinho den Champions-League-Titel. Als Erfolgsgeheimnis galt schon damals die kompromisslose Abwehr.
Miroslav Klose wird seinen "Kadaver" also gut schützen müssen, wenn er auf Mourinhos Krieger trifft. Er wird das mit der Erfahrung aus 116 Länderspielen tun, was umso bemerkenswerter ist, da Klose seinen Einstand im Nationalteam erst mit 22 Jahren gab. "Wenn ich an die Jungs denke, mit denen ich heute zusammenspiele, finde ich es bedauerlich, dass ich nicht mehr die Chance habe, mit ihnen noch zwei, drei Turniere spielen zu können", sagt Klose und klingt ein wenig wehmütig.
Klose jagt den Torrekord
Er hätte auch gern jene Ausbildung genossen, die Spieler wie Mario Götze und Marco Reus hervorgebracht haben, sagt Klose, der sich über die SG Blaubach-Diedelkopf und den FC 08 Homburg zu seiner ersten Profistation beim 1. FC Kaislerslautern durchschlagen musste.
"Die Möglichkeiten, ein großartiger Fußballer zu werden, sind heutzutage ganz klar größer als früher. Mir ist sicher ein wenig Talent in die Wiege gelegt worden. Aber ich habe mir mit viel Fleiß auch viel selbst erarbeitet", sagt er.
Für den späten Start hat er es weit ge-bracht. Bei den Wettanbietern werden bereits Wetten angenommen, ob Klose im Laufe des Turniers sogar den Torrekord des legendären Gerd Müller knackt. Der schoss während seiner Ausnahmekarriere 68 Länderspieltreffer, Klose steht aktuell bei 63, und wer ihm sechs Turniertore zutraut, bekommt bei "mybet" für zehn Euro Einsatz immerhin 80 Euro wieder.
Titel-Sehnsucht
Solche persönlichen Ziele stellt Klose sich schon lange nicht mehr. Was den Torschützenkönig der WM 2006 umtreibt, ist die Sehnsucht nach einem Titel. "Bei der Weltmeisterschaft 2002 war ich ja das erste Mal dabei. Und ganz ehrlich: Seitdem hat es immer eine Steigerung gegeben, mal abgesehen von dem Ausrutscher 2004 bei der EM in Portugal", sagte Klose.
Was die Steigerung nach der Finalniederlage 2008 bei der EM und Platz drei bei der WM vor zwei Jahren wäre, braucht demnach nicht zu definiert werden.
Klose will endlich einen Pokal stemmen – und er braucht ihn auch, um seine lange Laufbahn zu krönen. In der vergangenen Saison fiel er mehrfach verletzt aus, er spürt seinen Körper zunehmend, und es ist zweifelhaft, ob er das Topniveau noch zwei Jahre halten kann bis zur WM in Brasilien. Das sei schon sein Ziel, auch wenn er sich jetzt ganz auf de Europameisterschaft konzentriere, sagt Klose. Erst danach wird er seinem "Kadaver" endlich ein bisschen Ruhe gönnen.
FRANKREICH 1960
Die Endrunde des "Europapokals der Nationen" fand nur mit vier Mannschaften statt. Die Nationalmannschaften trugen bis einschließlich Viertelfinale ihre Partien in Hin- und Rückspielen aus.
Für den großen Skandal sorgten die Spanier. Die Ausnahmemannschaft der "Cuatro Leyendas", der vier Legenden Di Stefano, Francisco Gento, Ladislao Kubala und Luis Suarez war haushoher Favorit. Doch der faschistische Diktator Franco ließ das Team nicht zum Klassenfeind in die Sowjetunion reisen und wurde disqualifiziert. Die UdSSR gewann das Finale in Paris gegen Jugoslawien 2:1 n.V. - vor gerade einmal 17.000 Zuschauern. Deutschland war nicht am Start. Bundestrainer Sepp Herberger wollte die Zeit zwischen den Weltmeisterschaften nicht verschwenden.
SPANIEN 1964
Neben England nahm auch Italien erstmals an einer EM teil - nur Deutschland fehlte als einzige große europäische Fußball-Nation. Der Siegeszug der Gastgeber war nicht zu stoppen - im Finale holte sich der Gastgeber ausgerechnet gegen die Sowjetunion mit 2:1 den Titel.
Es sollte für 44 Jahre der letzte große Erfolg bleiben. Das Regime Francos bejubelte den "Triumph über den Bolschewismus", der Diktator bat zur Audienz.
ITALIEN 1968
Erstmals war das Turnier eine offizielle Europameisterschaft unter Regie der Uefa. Deutschland scheiterte in der Qualifikationsgruppe mit Jugoslawien und Albanien. Im letzten Spiel gab es in Tirana nur ein 0:0. Die EM gewann zum bisher einzigen Mal Italien. Unter teils kuriosen Umständen. Beim 0:0 im Halbfinale gegen die Sowjetunion entschied zum letzten Mal ein Münzwurf über den Sieger. Das Finale gegen Jugoslawien gewann Italien erst im Wiederholungsspiel mit 2:0, die erste Begegnung zwei Tage zuvor war 1:1 ausgegangen. Im Zentrum der Kritik stand übrigens Schiedsrichter Gottfried Dienst - er hatte schon zwei Jahre zuvor das legendäre WM-Finale in Wembley gepfiffen.
BELGIEN 1972
Der erste von bislang drei deutschen EM-Triumphen. Das 3:1 im Viertelfinalhinspiel in England war nicht nur die Geburtsstunde der möglicherweise besten deutschen Mannschaft aller Zeiten, es war gleichzeitig auch der erste Sieg einer DFB-Auswahl im legendären Wembley. Und wohl auch das beste Länderspiel Günter Netzers, der in London "aus der Tiefe des Raumes" das Spiel entschied. Im Halbfinale bezwang der spätere Weltmeister Deutschland Belgien 2:1, im Finale die Sowjetunion 3:0. Überschattet wurde das Turnier allerdings durch das erstmalige Auftauchen deutscher Hooligans.
JUGOSLAWIEN 1976
Uli Hoeneß jagte den Ball in den Nachthimmel über Belgrad - Antonin Panenka schoss die Tschechoslowakei lässig zum EM-Titel: Die deutsche Fußballmaschine war nach EM- und WM-Titel geschlagen, im ersten Elfmeterschießen der EM-Geschichte. Im Halbfinale hatten die Deutschen Jugoslawien mit 4:2 n.V. bezwungen.
ITALIEN 1980
Erstmals wurde eine EM-Endrunde mit zwei Gruppen a vier Teams ausgetragen. Und das "Kopfballungeheuer" Horst Hrubesch feierte beim 2:1-Finalsieg gegen Belgien seinen größten Auftritt. Beide Treffer erzielte der "Bulldozer aus Hamburg" (Le Soir), den entscheidenden in der 89. Minute. Der zweite EM-Titel für Deutschland war auch der Höhepunkt in der kurzen Nationalmannschaftskarriere von Bernd Schuster. Spielerisch war die EM allerdings eine große Enttäuschung, lediglich 1,93 Tore fielen pro Spiel.
FRANKREICH 1984
Das Vorrunden-Aus des DFB-Teams markierte das Ende der Ära von Bundestrainer Jupp Derwall. Und gleichzeitig den Beginn der Zeit des Teamchefs Franz Beckenbauer. Ein Unentschieden im letzten Gruppenspiel hätte zum Weiterkommen gereicht, doch in der 89. Minute traf Antonio Maceda per Kopf zum 0:1. Im Finale unterlagen die Spanier allerdings den Franzosen um Superstar Michel Platini. Mit neun Toren führte der heutige Uefa-Präsident die "Grande Nation" zu ihrem ersten Titel.
DEUTSCHLAND 1988
Die einzige EM-Endrunde in Deutschland war die Geburtsstunde des Superstars Marco van Basten. Im Halbfinale markierte der niederländische Stürmer in der 88. Minute den 2:1-Siegtreffer gegen den Erzrivalen Deutschland.
Sein "Jahrhunderttor" zum 2:0 im Finale stellt Physiker wahrscheinlich immer noch vor ungelöste Rätsel. Volley drosch er aus (zu) spitzem Winkel den Ball ins Tor. Es sollte der bisher einzige Titel der Niederländer bleiben - van Basten, "der Schwan", musste später seinen vielen Verletzungen Tribut zollen. 1988 lag im allerdings die Fußballwelt zu Füßen.
SCHWEDEN 1992
Die dänischen "Urlauber" düpierten Europa, "Danish Dynamite" war nicht zu entschärfen. Erst für das zerfallende Jugoslawien nachgerückt, spielte sich Dänemark ins Finale vor, besiegte Deutschland 2:0 und feierte die bis dato wohl größte Sensation der EM-Geschichte. Die "Big-Mac-Truppe" aus Dänemark war nicht zu schlagen. In der Qualifikation gab es übrigens den letzten Auftritt der DDR-Mannschaft: 2:0 hieß es nach zwei Toren von Matthias Sammer gegen Belgien.
ENGLAND 1996
Erstmals nahmen 16 Länder an der EM-Endrunde teil - und am Ende gewann Deutschland. Wie schon bei der WM 1990 im Halbfinale in einem hochdramatischen Spiel gegen England. 6:5 im Elfmeterschießen hieß es gegen die Three Lions mit einem in der Form seines Lebens spielenden Paul Gascoigne. Gareth Southgate scheiterte an Andreas Köpke.
Im Finale schlug die Stunde von Oliver Bierhoff. Gegen die "Goldene Generation" der Tschechen mit Pavel Nedved, Karel Poborsky, Vladimir Smicer oder Jan Koller traf der heutige Manager der Nationalmannschaft als Joker doppelt. Erstmals wurde über einen Titel per Golden Goal entschieden.
BELGIEN/NIEDERLANDE (2000)
Frankreich wurde nach dem WM-Sieg 1998 auch Europameister - Deutschland befand sich unter Bundestrainer Erich Ribbeck auf dem Tiefpunkt. Mit einem Punkt schied man in der Vorrunde als Gruppenletzter aus.
Gegen eine portugiesische B-Elf setzte es eine 0:3-Klatsche. Es war das schlechteste Abschneiden einer deutschen Elf bei einem großen Turnier seit der WM 1938.
PORTUGAL (2004)
Der Vize-Weltmeister aus Deutschland schaffte es erneut nicht, ein Spiel zu gewinnen, dafür wurde "König" Otto Rehhagel zu "Rehakles". Mit Griechenland gewann der langjährige Bundesligatrainer den Titel und sorgte damit für die größte Überraschung der Turniergeschichte.
Nach dem 0:0 in der Qualifikation in Island hatte sich Teamchef Rudi Völler mit seiner "Wutrede" endgültig in die Herzen der deutschen Fans gemotzt.
ÖSTERREICH/SCHWEIZ (2008)
44 Jahre nach ihrem letzten großen Titel dominierten die Spanier mit ihrem "Tiki-taka". Beim 0:1 im Finale musste auch die deutsche Mannschaft unter Joachim Löw die Vormachtsstellung anerkennen.
Immerhin gewannen die Deutschen erstmals seit dem Titelgewinn 1996 beim 2:0 gegen Polen in der Vorrunde wieder einmal ein Spiel. Das Tor von Michael Ballack beim 1:0 gegen Österreich wurde zum Tor des Jahres gewählt. Es war das letzte große Turnier des "Capitano".
POLEN/UKRAINE (2012)
Das Turnier in Polen und der Ukraine war das vorläufig letzte, das mit 16 Mannschaften ausgespielt wurde. 2016 wird das Teilnehmerfeld auf 24 Mannschaften aufgestockt.
Den Titel holte abermals Spanien (seit 2010 auch amtierender Weltmeister), das im Finale in Kiew Italien mit 4:0 abfertigte. Keinem Land war es in der Geschichte der EM-Endrunden zuvor gelungen, seinen Titel erfolgreich zu verteidigen. Mitfavorit Deutschland scheiterte im Halbfinale an den Italienern, die beiden Gastgeberländer schieden schon in der Vorrunde aus.
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