03.06.12

Linke

Lafontaine-Lager gewinnt Machtkampf um Doppelspitze

Mit Katja Kipping und Bernd Riexinger hat sich der linke Parteiflügel durchgesetzt. Am Morgen wurde der Parteitag in Göttingen fortgesetzt.

Foto: Getty
Die Linke Hold Federal Congress
Katja Kipping und Bernd Riexinger: Ostfrau und Westmann, Reformerin und Linkskonservativer - die neue Spitze spiegelt die Zerrissenheit

Linksruck bei der Linken: Die sächsische Bundestagsabgeordnete Katja Kipping und der baden-württembergische Landeschef Bernd Riexinger vom linken Gewerkschaftsflügel sollen die zerstrittene Partei aus ihrer bislang tiefsten Krise führen. Der Parteitag wählte sie am Samstag in Göttingen zur neuen Doppelspitze. Die ostdeutschen Reformer um Fraktionsvize Dietmar Bartsch gingen in dem Machtkampf um die beiden Chefsessel dagegen leer aus. Damit dürften die Grabenkämpfe weitergehen, obwohl führende Linke-Politiker vor einer Selbstzerfleischung warnten und zum Zusammenhalt aufriefen.

Die neue Parteichefin Kipping wird keinem der beiden Parteiflügel zugerechnet. Die 34-jährige Dresdnerin setzte sich mit 67,1 Prozent der Stimmen gegen die Hamburger Fraktionschefin Dora Heyenn (29,3 Prozent) durch. Der 56-jährige Riexinger aus dem linken Flügel um Oskar Lafontaine triumphierte gegen Bartsch dagegen nur knapp – mit 53,5 zu 45,2 Prozent der Stimmen. Riexinger wurde von seinen Anhängern mit dem Singen der "Internationalen" gefeiert. "Ich bin überzeugt: Wir werden eine gemeinsame Linke weiterentwickeln, und wir werden wieder auf die Erfolgsspur zurückkommen", sagte er.

Riexinger und Kipping setzten sich gemeinsam zum Ziel, die Gräben in der Partei zu schließen. "Bitte lasst uns diese verdammte Ost/West-Verteilung auflösen", sagte Kipping. Ursprünglich wollte sie zusammen mit der nordrhein-westfälischen Landeschefin Katharina Schwabedissen ein Führungsduo bilden. Jedoch zog Schwabedissen ihre Kandidatur kurz vor dem Wahlgang zurück, weil sie keine Chance mehr für den "dritten Weg" zwischen den Flügeln sah.

Die Parteiflügel streiten vor allem darüber, ob die Linke einen konsequenten Oppositionskurs fahren oder sich – wie in einigen ostdeutschen Bundesländern – an SPD und Grüne annähern und an Regierungen beteiligen soll.

Die Enttäuschung bei den ostdeutschen Reformern über Bartschs Wahlniederlage war zwar groß, zu Trotzreaktionen kam es aber zunächst nicht. Der zu den "Bartschisten" zählende Landeschef von Sachsen-Anhalt, Matthias Höhn, wurde am Sonntag zum Bundesgeschäftsführer gewählt. Der neuen Führung gehört auch Lafontaines Lebensgefährtin Sahra Wagenknecht als Stellvertreterin an.

Bundestags-Fraktionschef Gregor Gysi hatte vor der Abstimmung eine Parteispaltung ins Gespräch gebracht. In einem flammenden Appell rief er dazu auf, eine Führung zu wählen, in der sich die unterschiedlichen Flügel wiederfinden. Sonst sei es besser, sich fair zu trennen. Gysi lieferte eine schonungslose Zustandsbeschreibung der Partei, die vor fünf Jahren aus der westdeutschen WASG und der ostdeutschen PDS hervorgegangen war: "In unserer Fraktion im Bundestag herrscht auch Hass", sagte er. "Seit Jahren befinde ich mich wirklich zwischen zwei Lokomotiven, die aufeinander zufahren. Ich weiß, dass man dabei zermalmt werden kann."

Linke-Gründungsvater Lafontaine kritisierte Gysis Ausführungen. "Trotz aller Schwierigkeiten: Es gibt keinen Grund, das Wort Spaltung in den Mund zu nehmen." Lafontaine hatte angesichts der Krise selbst erwogen, für den Parteivorsitz zu kandidieren. Schließlich zog sich der 68-Jährige aber zurück, weil er nicht in eine Kampfabstimmung mit Bartsch gehen wollte. Daraufhin drängte das Lafontaine-Lager den Gewerkschafter Riexinger, für den Posten anzutreten. Wagenknecht entschied sich erst nach langem Zögern gegen eine Kandidatur und ließ Riexinger den Vortritt. "Ich möchte nicht die Polarisierung auf die Spitze treiben."

Die neue Doppelspitze folgt auf die Berliner Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch und den bayerischen Gewerkschafter Klaus Ernst, die glücklos agierten und auch in den eigenen Reihen Kritik ernteten. Lötzsch war Anfang April aus familiären Gründen zurückgetreten. Ernst hielt sich eine Kandidatur bis zuletzt offen, unterstützte aber gleichzeitig Lafontaine, dann Wagenknecht und schließlich Riexinger.

Quelle: dpa/tj
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Bernd Riexinger - zur Person
  • Mann aus dem Westen

    Bernd Riexinger hat sich nicht nach der Bewerbung um den Bundesparteivorsitz der Linken gedrängt. Gedrängt haben ihn andere, vor allem aus dem westdeutschen Gewerkschaftslager und dem Dunstkreis des früheren Vorsitzenden Oskar Lafontaine. Und so ist der 56-jährige baden-württembergische Landesvorsitzende kurzfristig ins Rennen gegangen, „obwohl meine Lebensplanung eigentlich anders aussah“. Inzwischen gilt er vielen als Integrationsfigur, die die zerstrittenen Parteiflügel miteinander versöhnen könnte.

     

  • Jahrzehnte Gewerkschafter

    Riexinger hat Bankkaufmann gelernt. Allerdings engagierte er sich schon früh im Betriebsrat und war zehn Jahre lang – bis 1991 – bei der Leonberger Bausparkasse hauptamtlich als Vertreter der Belegschaft unterwegs. Dann wechselte er zur Gewerkschaft und übernahm 2001 die Geschäftsführung des Verdi-Bezirks Stuttgart mit 50 Beschäftigten und rund 51 000 Mitgliedern. Er lebt mit seiner Lebensgefährtin und deren Tochter in Stuttgart lebt.

  • Mitgründer der WASG

    Gerhard Schröders Agenda 2010 entfremdete ihn endgültig von der SPD. Riexinger gehörte zu den Initiatoren der Protestbewegung gegen diesen von ihm empfundenen Sozialabbau und gründete kurze Zeit später mit Gleichgesinnten den Landesverband der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG), die 2007 mit der PDS zur Linken fusionierte. Bis heute steht Riexinger bei Protesten an vorderster Front. Zuletzt sprach er in Stuttgart und Frankfurt bei Demonstrationen der Blockupy-Bewegung.

  • Durchbruch verpasst

    Unter seiner Führung ist die Linke im Ländle beständig gewachsen, ohne jedoch den Durchbruch zu schaffen. Die Zahl der Mitglieder hat sich in den vergangenen fünf Jahren auf 3000 verdoppelt. Bei den Bundestagswahlen 2009 kam die Linke auf 7,2 Prozent, bei den Landtagswahlen 2011 scheiterte sie jedoch mit 2,8 Prozent deutlich an der Fünf-Prozent-Hürde. Damit zählt Riexinger für die Parteikollegen in Ostdeutschland, wo die Linke zweistellige Ergebnisse einfährt, nicht unbedingt zu den Siegertypen.

Katja Kipping - zur Person
  • Frau aus dem Osten

    Katja Kipping stammt aus Sachsen und damit aus dem mitgliederstärksten Landesverband der Linken. Die 34-jährige Dresdnerin wurde bereits im Alter von 21 Jahren Berufspolitikerin - und ist es bis heute durchgängig geblieben. 1999 zog sie als jüngste Abgeordnete in den sächsischen Landtag ein, 2005 wechselte sie in den Bundestag. Dort ist sie Vorsitzende des Ausschusses Arbeit und Soziales.

  • Literaturwissenschaftlerin

    Bevor ihre Politikerkarriere begann, war Kipping für ein Freiwilliges Soziales Jahr in Russland. Seit November 2011 ist die Slawistin und Literurwissenschaftlerin Mutter einer Tochter. Auch aus diesem Grund wollte die Talkshow-erfahrene Kipping eigentlich Vize-Chefin bleiben statt an die noch arbeitsintensivere Spitze zu rücken. Beworben für den Parteivorsitz hat sie sich erst spät – um die Lager zusammenzuführen.

  • Weder SED, noch WASG

    In die Linke-Vorläuferin PDS trat Kipping im Frühjahr 1998 ein. „Sie verkörpert die moderne Linkspartei, da sie weder aus der alten SED noch aus SPD oder WASG kommt“, sagt Sachsens Landesvorsitzender Rico Gebhardt. Kipping saß im Sommer 2003 noch über ihrer Magisterarbeit, als sie zur Vize-Bundesvorsitzenden der PDS gewählt wurde. Ihre Genossen attestierten ihr damals, sie habe sich von der Partei noch nicht so vereinnahmen lassen, sei im notwendigen Maße unangepasst und immer für Überraschungen gut. Das gilt nach Meinung von Weggefährten noch immer.

  • Parteiübergreifend

    Zu Kippings Schwerpunktthemen gehörten bislang Ökologie und Soziales. Bereits 2004 erhob sie die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen – als an Wahlerfolge der Piraten in Deutschland noch nicht zu denken war. Flagge zeigt Kipping auch als Anmelderin und Teilnehmerin von Protestaktionen gegen Neonazi-Aufmärsche. Anfang 2010 gründete sie das parteiübergreifende „Institut Solidarische Moderne“, zu dessen Vorstandssprechern neben ihr auch Hessens Ex-SPD-Chefin Andrea Ypsilanti und der Grünen-Europaabgeordnete Sven Giegold zählen.

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