26.05.12

Cannes-Tagebuch 2012

Küsschen hier, Umarmung dort – doch kein Urlaub

Für Filmförderin Kirsten Niehuus ist Cannes mehr als nur ein netter Gruppenurlaub. Auf Empfängen geht es für sie um knallharte Recherche über die Zuverlässigkeit von potentiellen Coproduzenten.

Foto: REUTERS

Cannes, letzter Tag: Regisseur Michael Haneke konnte zum zweiten Mal eine "Goldene Palme" in die Höhe recken.

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Mein Cannes 2012 begann damit, dass ich die supertolle Party von Fatih Akin verpasst habe, da ich einen Tag später angekommen bin. Für einen kurzen stürmischen Nachmittag lang schien sogar die Sonne. Vielleicht hätte ich doch entgegen der Wettervorhersagen die Sommersachen einpacken sollen?

Egal, schließlich geht es für Filmdienstleister wie mich in Cannes um etwas ganz anderes. Ich bin gekommen, weil Medienboard 3 Filme im diesjährigen Wettbewerb gefördert hat. Die 3 Filme, "Liebe" von Michael Hanecke, "Holy Motors" von Leos Carax und "Im Nebel" von Sergej Losnitzer erleben hier ihre Welturaufführung.

Zu ihren Ehren und zur Präsentation des Filmstandortes "100 Jahre Babelsberg" geben wir einen Empfang für deutsche und internationale Gäste. Ca. 400 Filmschaffende aus Deutschland und aller Welt suchen am Montag Platz unter dem Zeltdach des Veranstaltungsortes, um in Ruhe bei einem Gläschen Champagner und den obligatorischen Häppchen neue Projekte zu besprechen, alte Bekanntschaften zu pflegen und neue Kontakte zu knüpfen, denn wie heißt es so richtig, das Filmgeschäft ist ein People's business.

Gruppenurlaub der vereinigten internationalen Filmbranche

Ohne gute Kontakte und glaubwürdige Informationen über die Zuverlässigkeit von potentiellen Coproduzenten und einen Schuss persönliche Sympathie der beteiligten Produzenten und Kreativen ist noch kein Filmprojekt zustande gekommen. Da muss man manchmal schon wissen, wer wen kennt, um vielleicht über drei Ecken an einen begehrten Schauspieler heranzukommen, ohne Ewigkeiten auf eine Antwort seiner Agenten warten zu müssen.

Das lässt sich manchmal viel unbürokratischer bei einem kleinen sorgfältig arrangiertem zufälligen Plausch erledigen. In Cannes arbeiten alle immer, auch wenn es aussieht wie ein Gruppenurlaub der vereinigten internationalen Filmbranche.

Die Schauspieler müssen dabei noch besonders gut aussehen und dürfen teuren Schmuck und geliehene Roben tragen. Bei dem diesjährigen Dauerregen ist es allerdings besonders schwierig, glamourös zu bleiben, aber there's no business like show business.

Urheberrecht: von nix kommt nix!

Tagsüber bin ich auf diversen filmpolitischen Debatten. Filmförderung heißt nicht nur Geld verteilen, sondern bedeutet auch, dass man sich bemüht, die Rahmenbedingungen für die Filmwirtschaft so gut wie möglich mit zu gestalten.

Also z.B. das Urheberrecht. Es ist für die Filmschaffenden von größter Bedeutung, dass der Schutz des geistigen Eigentums gewahrt bleibt, denn wenn der Zuschauer nichts bezahlt, kann der Produzent kein Geld verdienen, das er dann in neue Projekte investiert, und die Kreativen können nicht mehr bezahlt werden, im Prinzip ist das so einfach, von nix kommt nix!

Das betont auch Bernd Neumann bei seiner Ansprache auf dem sogenannten deutschen Empfang. Also setzten wir uns auf Panels für entsprechende rechtliche Grundlagen ein, auch in Cannes. Dann gilt es, das Begehren der EU-Kommission abzuwehren, die Grundlagen für die Filmförderung in Europa auf neue Füße zu stellen.

Neue Regeln für Filmförderung

Die angedachten neuen Regelungen würden das erprobte und gut funktionierende Fördersystem erheblich gefährden und hätten gravierende negative Auswirkungen auf den Filmstandort Deutschland und Berlin-Brandenburg im Besonderen. Also wird eine Deklaration von vielen internationalen Förderinstitutionen verabschiedet, die sich gegen eine Verschlechterung der Rahmenbedingungen in Europa ausspricht.

Abends dann endlich ins Kino. Hanecke berührt mit seinem neuen Film "Liebe" Publikum wie Kritiker gleichermaßen. Keiner geht raus und denkt, das war ja nur ein Film. Hier wächst das Kino über sich selbst hinaus, macht den Raum zu Leben und Tod auf, dem kann sich keiner entziehen. Vielleicht ist der Jury das eine Goldene Palme wert?

Küsschen hier, Umarmung dort

Apropos Kontaktpflege, schnell noch zu dem fabelhaften Empfang der Inder. Mit einem Armband aus frischen (!) Jasminblüten am Handgelenk indischer Musik im Kopf und Vorfreude auf unsere gemeinsamen Koproduktionen schnell noch zu den Israelis, mit denen wir schon lange freundschaftlich verbunden sind. Küsschen hier, Umarmung dort, Co-Produktionen sind schön und bringen Menschen vor und hinter der Leinwand zusammen.

Leider kann ich nur bis zum nächsten Sonnenstrahl, der die nassen Straßen trocknet, bleiben. Ich rolle meinen Koffer über die Croisette, erinnere mich, wie schön es an der Cote d'Azur ist, wenn die Sonne scheint. "Unseren" anderen beiden Filmen drücke ich die Daumen für ein tolles Screening und lese zu Hause in der Zeitung davon, dass das Daumendrücken geholfen hat.

Ich wende mich den weniger glamourösen Geschäften zu und kümmere mich mit meinen Kollegen zu Hause um den Jahresabschluss unserer GmbH. Der Dichter sagt "Menschen kommen, Menschen gehen – alles lebt vom Wiedersehen!" In diesem Sinne und freue mich schon auf das Wiedersehen mit tout le monde an der Croisette in 2013!

Zur Autorin: Kirsten Niehuus studierte Jura und startete ihre berufliche Karriere als Rechtsanwältin mit den Schwerpunkten Urheber- und Medienrecht in ihrer Heimatstadt Hamburg. Ihr großes Hobby Film machte sie zum Beruf, als sie 1991 Justitiarin der Filmförderungsanstalt in Berlin wurde. Seit 2004 ist sie Geschäftsführerin Filmförderung des Medienboard Berlin-Brandenburg, der (mit Nordrhein-Westfalen) wichtigsten deutschen Länderfilmförderung.

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