28.05.12

Folkmusik

Debbie Clarke, die singende Farmerprinzessin

Die Waliserin Debbie Clarke besingt auf ihrem Debütalbum "Manhattanhenge" die neue Lust aufs Land, covert Bob Dylan und die Rolling Stones und erfindet ein neues Genre: Keltischen Skype-Folk.

Foto: Vanessa Maas
Debbie Clarke
"Ich habe meinen Weg gefunden, frei zu sein", singt Debbie Clarke (Jg. 1983) auf ihrem ersten Album "Manhattanhenge"

Man erzählt sich in Wales, auf Gywdir Castle seien bereits Bardenwettbewerbe ausgetragen worden, angeregt vom Tafelrundenritter Parzival. In einer Frühlingsnacht im Jahr 2012 steht eine junge Frau vor dem Kamin und singt. Ihr Haar fällt über ihr Gewand. In den Gesang mischen sich Pfauenrufe aus dem Schlosspark und das Knacken im Gebälk. Die Band spielt unter Jagdtrophäen und Gemälden, auf denen die Ahnen Backenbärte tragen und die Musiker mit ihren Augen zu verfolgen scheinen wie im Gruselkino.

Debbie Clarke, die Sängerin, erlebt auf Gywdir Castle ihren ersten weltbewegenden Auftritt. Sie ist 28 Jahre alt, sie stammt aus dem walisischen Wye Valley. Ihre deutsche Plattenfirma hat sie in den Rittersaal gestellt, um ihr Debütalbum "Manhattanhenge" vor deutschen Zuhörern zu präsentieren. Debbie Clarke singt in ihrer natürlichen Umgebung. Ihre Lieder handeln von Natur und Heimat in einer globalisierten Welt, von einer wachsenden Lust aufs Land.

"Hallo, hier ist Debbie Clarke"

"Manhattanhenge" heißt dieses Album, weil es zeitgleich in Amerika und Wales entstand. Als Debbie Clarke daheim ihre zwei ersten Lieder fertig hatte, schrieb sie eine Liste voll mit weltberühmten Produzentennamen. Oben stand Tony Visconti, er hatte mit T. Rex, Morrissey und David Bowie unvergessene Platten aufgenommen. Auf Viscontis Webseite fand sich auch eine Mailadresse.

Debbie Clarke hängte die Songs an ihre E-Mail und schrieb: "Hallo, hier ist Debbie Clarke, würde es Ihnen etwas ausmachen, sich meine beiden Stücke anzuhören?" Eine Viertelstunde später kam die Antwort: "Du hast eine wunderschöne Stimme. Wie lautet dein Plan?"

Sie hatte ihre Stimme, von Visconti wünschte sie sich ihren Sound, eine Identität als Sängerin und einen Markt. Tony Visconti rief bei Warner Music Deutschland an. Die Deutschen mögen Enya und die Celtic Women, vielleicht mehr als alle anderen Völker. In New York wurde das Album arrangiert, aus einem Studio in Cardiff wurde Debbie Clarke hinzugeschaltet. "Wir erfanden eine neue Spielart", sagt sie: "Skype-Folk."

Clarke ist auf Sinnsuche

Was dabei aus ihr geworden ist, zeigt sie in "Bird On The Wire" von Leonard Cohen und im Video dazu. Sie wandelt durch Ruinen eines Klosters, sie berührt die Flechten auf den Steinen und die Rinde eines knorrigen Baums. Tony Visconti hat ihr Stammestrommeln verordnet, an- und abschwellende Synthesizer, einen kleinen Chor. "Ich habe meinen Weg gefunden, frei zu sein", singt sie.

Und auf die Nachfrage, was Freiheit für sie sei, antwortet Debbie Clarke: "Ich selbst sein." Sie wirkt wie geschaffen für die Sinnsuche des 21. Jahrhunderts. Nach den Utopien und den Religionen, nach Ideologien und Ideen. Nachdem sie am Vorabend im Schloss gesungen hat wie eine Fee, sitzt sie beim Kaffee in Llandudno, einem Seebad in Nordwales, um ihre Wege, Ansichten und Pläne zu erörtern.

Sie zeigt malerische Fotos aus der Kindheit, ein Mädchen, das auf einem Traktor thront und lacht. Ihre Familie bewirtschaftet seit 1700 ein Gehöft in Hereford. Der Großvater spielte Klavier für die Gemeinde und der Vater Schlagzeug in einer Lokalband. Musizierende Landarbeiter sind nichts Ungewöhnliches in Wales, was sie romantischer erscheinen lässt als deutsche Bauern. Debbie Clarke erzählt: "Ich sang mit den Lämmern. Ich sang mit den Vögeln. Meine Bühne waren die Wälder und mein Publikum die Bäume, die mir raschelnd Beifall spendeten mit ihrem Laub."

Akademische Befugnis zum Singen

Sie sang als Kind auf der Toilette, die Familie finanzierte ihr einen Gesangslehrer und schickte sie zur Chorschule: "Mein Vater wollte nie, dass ich im Pub singe." Den Hof verließ sie, als sie 20 war, um an der Royal Academy in London zu studieren. Klassischen Gesang, vier Jahre in der Großstadt. Sie wollte ihre Persönlichkeit und ihre Stimme schulen für "das richtige Musikgeschäft", wie Debbie Clarke die Popmusik pragmatisch nennt, "den Mainstream".

Sie ist nirgendwo gecastet worden. Sie besitzt zum Singen eine akademische Befugnis. Neben ihrem Studium trat sie in der Kirche und in Kneipen auf. Dann kehrte sie zurück nach Hereford, verfasste eigene Lieder, zwei davon erschienen ihr geeignet, um sie mit dem Laptop aufzunehmen und beim öffentlichen Rundfunk einzureichen.

Ihre Songs liefen gelegentlich im Nischenradio. Debbie Clarke erstellte ihre Produzentenliste. Ihr Berufswunsch war schon immer mehr gewesen als ein Kindheitstraum: "Seit ich neun Jahre alt war, wollte ich nichts anderes werden. Es gab nie einen Plan B." Als zeitgemäßes Rollenbild vereinbart Debbie Clarke ihr zielstrebiges Selbstmanagement mit einer mädchenhaften Aura.

Musik für bürgerliche Kinder

Singend läuft sie barfuß über Schafsweiden, ohne darüber zu vergessen, wie sie davon leben soll. Nach ihren Skype-Sitzungen traf sie Tony Visconti leibhaftig in London, in den Good Earth Studios, wo Visconti bereits David Bowie neu erfunden hatte. "Es war wie bei T. Rex und Marc Bolan", erklärt Debbie Clarke: "Aus Bolans 'Ride A White Swan' schuf Tony damals etwas Neues, den Glamrock. Ich kam an mit 'Brave Little Bird', und Tony sagte: 'Das bist du, das ist dein Song, deine Geschichte.'"

"Bleib bei deinem Flugplan, auch wenn es mal stürmt", singt Debbie Clarke. Visconti arrangiert dazu elektrische Gitarren, Glockenspiel und großen Kitsch. Als Produzent wurde er auch berühmt, weil er bei seiner Arbeit für die Musiker schon immer mitgedacht hat, wer die Platten kaufen soll.

Die Lieder der walisischen Folkloreelfe Mary Hopkin produzierte er vor 30 Jahren für die Hippies. Debbie Clarke lässt er für deren bürgerliche Kinder singen, die den Folk gerade neu entdecken mit den alten Sehnsüchten. "Die Menschen wollen wieder wissen, wo sie herkommen", sagt sie. "Der Folk erinnert sie daran."

"Sie ist echt, sie kann singen"

Im hohen Ton der Folkklassikerinnen heißt es in "Love Me Somebody", einem Rockstandard der Band Bad Company: "Nimm mich, wofür ich es wert bin." Debbie Clarke wendet sich nicht an einen Liebhaber, erklärt sie, sondern an die Plattenindustrie. Da sind schon Sängerinnen unterwegs wie sie. Die Schottin Amy Macdonald singt für Hörer, die mit dem Formatradio zufrieden sind. Die Engländerin Laura Marling wird verehrt von Kennern. Debbie Clarke möchte für alle da sein.

Auch für esoterisch angehauchte Keltentümlerinnen und für rocksozialisierte ältere Männer. Deshalb gibt es auf "Manhattanhenge" zwei Lieder von Bob Dylan, "Dear Landlord" und "I Pity The Poor Immigrant", aber mit Heimorgeln und irischen Querflöten. Die Rolling Stones werden mit einer Interpretation von "Saint of Me" geehrt, mit Gospelchor und Geigen. Morrisseys "To Me You Are a Work of Art" singt Debbie Clarke wie Morrissey. Der Folksong "Lay Down" von den Strawbs verblüfft mit einem digitalen Cembalo.

Tony Visconti sagt, es gehe in den Songs um Debbie Clarke, die Sängerin: "Sie ist echt, sie kann singen". Und sie lebt in Wales in einem Landhaus aus der Zeit, als Volkslieder noch am Kamin gesungen wurden und nicht am Computer.

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